Man kann es kaum glauben: Da wächst die deutsche Wirtschaft in atemraubendem Tempo, da schnellen die Unternehmensgewinne in Rekordhöhen, Fiskus und Sozialkassen verzeichnen Milliarden neuer Einnahmen – und derjenige, der das alles möglich gemacht hat, der es selbst erarbeitet hat, der geht leer aus. Der Arbeitnehmer . Ihm hat der Aufschwung nichts gebracht, im Gegenteil, ihn hat er Geld gekostet.

Das erscheint bizarr, doch das sind die Fakten, die Anfang dieser Woche bekannt wurden. Im vergangenen Jahr stiegen zwar die Löhne kräftig an, aber nach Abzug von Inflation , Steuern und Sozialabgaben blieb ein Minus. Der Durchschnittsarbeitnehmer hatte weniger Geld zur Verfügung als zuvor. Für ihn war es ein teurer Aufschwung.

Die Bundesregierung hatte »mehr Netto vom Brutto« versprochen, festgeschrieben im Koalitionsvertrag. Dass das irreal war, wusste man. Aber dass es sich ins Gegenteil verkehren würde? Schwarz-Gelb gibt der SPD die Schuld. Sie blockiere einen Abbau der »kalten Progression«. Bei fast jedem Gehaltsplus, selbst wenn es bloß die Inflation ausgleicht, steigt der persönliche Steuersatz. Das ist die »kalte Progression«, eine schleichende Steuererhöhung, die vor allem Geringverdiener trifft. Dass sich die SPD hier gegen eine Korrektur sperrt, ist tatsächlich ein Skandal.

Verantwortung für ein enttäuschendes Netto trägt aber auch die Regierung selbst. Sie setzte die Beiträge für die gesetzliche Kranken- und Arbeitslosenversicherung herauf. Die gesamten Sozialabgaben – 40,4 Prozent des Arbeitsentgelts (Steuern kommen noch dazu) – erreichten 2011 ein Fünfjahreshoch. In diesem Jahr liegen sie wegen eines geringeren Rentenbeitrags nur minimal niedriger.

Seit Langem rangiert Deutschland mit seiner Steuer- und Abgabenlast international ganz oben. Trotzdem reicht das Geld nie, die Verschuldung wächst seit Jahrzehnten (nicht erst seit der Finanzkrise ). Statt die Ausgaben auf das Wesentliche zu beschränken, erhöhen die meisten Regierungen eben doch lieber die Beiträge. Und erfinden neue Leistungen wie das Betreuungsgeld , die Zuschussrente oder den »Pflege-Riester«.

Das ist das Grundproblem – so schnell wie die Wohltaten der Politiker kann die Wirtschaft gar nicht wachsen.