Knochenbleicher Stamm, aschfahle Äste, nackte Zweige, die in den Abendhimmel stechen. Wer wollte sich schon unter dieses Baumskelett setzen? »Alle Besucher wollen das«, sagt Bridget, »sie spüren die Magie des Ortes.« Der Baum, ein mächtiger Eukalyptus, wurde in einer Winternacht von einem Blitz getroffen und brannte lichterloh. Es war in der Todesstunde ihrer Großmutter Elsie. Seit einem Vierteljahrhundert steht der Baum im Gelände, einsam, immer gleich, unheimlich, vor allem jetzt, bei Sonnenuntergang, wenn sich seine schwarze Silhouette gegen das erlöschende Licht abzeichnet. »Es ist unser Totem«, sagt Bridget, »unsere Antenne, die uns mit den Vorfahren verbindet.«

Der tote Baum ist das Wahrzeichen von Kings Walden, einem alten Landgut, das zu einem luxuriösen Gästehaus umgebaut wurde. Ein Geheimtipp unter Reisenden, die auf dem Weg in den berühmten Kruger National Park Station machen. Die meisten kommen nicht nur, um in dem Hotel mit seinen Zimmern im modernen Afro-Design zu übernachten. Sie wollen die weitläufigen Grünanlagen ringsum erkunden, den »Garten der Ahnen«, der Kings Walden seine Einzigartigkeit verleiht. Sie wollen neben dem Totembaum sitzen und sich in die Landschaft hineinträumen.

Der Blick zwingt auch Männer in die Knie

Kings Walden liegt in einer der schönsten und unbekanntesten Regionen Südafrikas, in der Provinz Limpopo, wo die nördlichen Drakensberge auslaufen. Das Anwesen thront auf einer bewaldeten Kuppe, ringsum breiten sich Plantagen aus, Tee, Zitrusfrüchte, Avocados, Mangos, Litschis. Eine subtropische Schweiz, denkt man, wenn man zum ersten Mal das Panorama sieht: üppige Täler, alpine Felsketten, Berghänge, die aussehen, als seien sie mit grünem Samt drapiert.

»Ein Blick, der ausgewachsene Männer in die Knie zwingt«, sagt Bridget Hilton-Barber. Sie ist in Kings Walden aufgewachsen und bewohnt heute noch ein Cottage auf dem Gelände. Eine robuste, temperamentvolle Frau, die tausend Anekdoten über diesen seltsamen Ort erzählen kann und ein Buch geschrieben hat: Garden of My Ancestors – »Der Garten meiner Ahnen«. Die Chronik ihrer exzentrischen Familie, die im 19. Jahrhundert aus Großbritannien einwanderte und sich einen kolonialen Traum erfüllte: eine Farm in Afrika.

Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.© ZEIT-GrafikDer nächste Morgen. Die frühe Sonne taucht die Berge und Täler in bernsteingelbes Licht. Über dem Busch rüttelt ein Falke, in den Laubkronen turnen Meerkatzen. Bridget erwartet uns vor dem Baumskelett. Zu ihrer westlichen Kleidung trägt sie eine Art Leinenschurz, auf den afrikanische Symbole genäht sind. »Folgt mir zu den Ahnen«, sagt sie mit einem sibyllinischen Lächeln und quert den Rasen hinter dem Haupthaus, wo die Blickachsen des Gartens wie in einer Barockanlage zusammenlaufen. Löwen, überall Löwen, die stummen Wächter von Kings Walden. Sie flankieren den Eingang. Sie bewachen das efeuumrankte Schwimmbad. Sie spähen aus dem Gebüsch. Sie speien Wasserfontänen. »Die Raubkatzen hüten den Garten wie der große Löwe den Thathe Vondo.« Das ist der heilige Hain der Venda, in dem die Geister der Toten herumschwirren. Die Verstorbenen sind im Naturglauben dieser kleinen Volksgruppe nicht wirklich tot, sondern befinden sich in einem Geisterreich zwischen Diesseits und Jenseits. Die Lebenden müssen sich gut mit ihnen stellen, denn sie greifen immer wieder in ihr Schicksal ein, sie mahnen, strafen und belohnen, sie können Segen oder Fluch, Regen oder Dürre, Gesundheit oder Siechtum bringen.

Die Hilton-Barbers ließen sich von dieser Mythologie inspirieren. Sie schufen einen Seelenraum für die eigenen Vorfahren, ein Zwischenreich, in dem die Toten dem Auge fern, dem Herzen aber nah sind. Sie haben einen euro-afrikanischen Ahnenkult erfunden, und wenn man Bridget durch das Sanktuarium der Familie begleitet und ihre Geschichten hört, beschleicht einen das Gefühl, als seien alle anwesend, die je auf Kings Walden gelebt, geliebt und gearbeitet haben: Verwandte, Freunde, Personal, Farmarbeiter.

Das Labyrinth des Unterholzes

Da drüben, an einem von Rosen, Azaleen und Arum-Lilien umsäumten Wassertrog, erinnern zwei Steintafeln an Steven, den geliebten Bruder, der viel zu früh dem plötzlichen Herztod erlag, und an sein 18 Monate junges Söhnchen Benjamin, das ein Jahr später starb. In einem Winkel steht die Bank von Melea, der schwarzen Nanny von Bridget, die heimlich Fernandez, den Portugiesen aus Mosambik, heiratete. Das war in den Zeiten der Apartheid eine »Rassenschande«, aber bei den liberalen Hilton-Barbers waren die beiden und ihre farbige Tochter Carol geschützt. »Ach, meine mogadibo. Sie stellte ihr Bett aus Furcht vor tokoloshe, bösen Geistern, auf Ziegelsteine. Auf den linken Unterarm waren ihre Initialen tätowiert, ML, in viktorianischer Schrift.« Der Boss einer Plantage, ein moderner Sklavenhalter, hatte sie gebrandmarkt wie ein Stück Vieh. Sie lief weg, in die Freiheit von Kings Walden.

Labyrinthische Pfade schlängeln sich durchs Unterholz, Baumfarne fächern das Sonnenlicht, Spinnenfäden schillern silbern. Wir stoßen auf verwitterte Pergolen, stille Tümpel, steinerne Greifen, die Statue eines Mädchens, das einen Frosch bestaunt. Und in jeder Lichtung ein buntes Vielerlei von Blumen. Scharlachrote Fackellilien, Fliederbüsche in Zartlila, violette Lavendelteppiche, ein blaues Agapanthus-Meer und darüber die wallende Pracht exotischer Gewächse: Bougainvilleen, Waldfieberbäume, Tibouchinen mit handtellergroßen Veilchenblüten.