Urheberrecht : Ach, Benjamin

Wie ich versuchte, im Internet ein T-Shirt bedrucken zu lassen. Und dabei am Urheberrecht verzweifelte
Garantiert keine Probleme mit den Rechten gibt es bei Seiten wie beispielsweise Zufallsshirt.de, die verwendeten Bilder stehen unter freien Lizenzen.

Ich dachte von mir bislang, dass ich kaum kriminelle Energie hätte. Ich klaue zum Beispiel keine Kaugummis. Ich fahre auch nicht schwarz mit dem Bus. Ich versuche sogar, an der Ampel nur bei Grün über die Straße zu gehen. Regeln sind grundsätzlich okay für mich. Und wie wohl jedermann habe ich ein gewisses Gespür für das unterschiedliche Gewicht dieser Regeln: Fahrerflucht ist schlimmer als Handydiebstahl, und beides ist schlimmer als nachts über eine rote Ampel zu gehen. Klar.

Im Netz fehlt mir dieses Gespür.

Denn sonst wäre mir vielleicht schon früher aufgefallen, dass irgendetwas nicht stimmt, als ich mich auf die Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für eine Freundin machte. Ich wollte ihr nämlich ein T-Shirt mit einem Bild des Philosophen Walter Benjamin bedrucken lassen. Meine Arbeitsschritte: Namen googeln, Bild von irgendeinem Blog im Internet kopieren , Bild laienhaft bearbeiten, fertig.

Erst der Hinweis einer Online-T-Shirt-Druckerei, bei der ich das Bild hochladen will, macht mich stutzig: "Um ein Motiv verwenden zu können, musst Du die vollen Rechte an diesem Motiv besitzen", steht da geschrieben. Folgende Formulierung soll ich per Mausklick bestätigen: "Mir ist bekannt, dass die unrechtmäßige Verwendung von durch Dritte geschützten Motiven kein Kavaliersdelikt ist und mit hohen Geldstrafen geahndet werden kann."

Wie bitte? Das soll ein Problem sein? Dass ich meiner Freundin ein selbst gestaltetes T-Shirt mit Walter Benjamin schenken will? Hätte ich das Bild überhaupt herunterladen und bearbeiten dürfen? Oder bin ich jetzt schon paranoid?

Alles klingt erst mal bedrohlich

Die Auskünfte aus dem Netz klingen zumindest gefährlich. In einem Forum fragt ein Nutzer, ob er Bilder aus dem Internet privat verwenden und bearbeiten dürfe. Eine Antwort lautet: "Der Urheber hat nach § 15 UrhG i.v.m. § 23 UrhG das alleinige Recht zu entscheiden, ob sein Werk umgestaltet oder bearbeitet werden darf – dazu erteilt er ggf. eine Erlaubnis nach § 31 UrhG." Na toll. Ich persönlich habe keine Ahnung von Gesetzen und Rechtsprechung. Das ist überhaupt eines der Probleme bei Internetrecherchen: Da werden ständig irgendwelche Gesetze zitiert. Und wer sich mit Juristensprache nicht auskennt, für den klingt das alles erst mal bedrohlich.

So, wie es aussieht, habe ich auch nicht gegen das Urheberrecht eines beliebigen Schnappschussfotografen verstoßen. Das Walter-Benjamin-Foto, das ich mir ausgesucht habe, ist ein Porträt von einer Fotografin namens Germaine Krull. Es handelt sich also nicht nur um ein Lichtbild, sondern um ein Lichtbildwerk. Ein Foto mit künstlerischer Schöpfungshöhe. Und damit ist es bis 70 Jahre nach dem Tod der Urheberin geschützt. Krull ist im Jahr 1985 gestorben, und die Rechte hat jetzt das Museum Folkwang in Essen. Rechte, gegen die ich verstoßen habe.

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Kommentare

79 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Regeln auf den Kopf gestellt

Es ist ja nicht nur so, daß es sinnlose Regeln gibt (wieso sollte z.B. mehr Kultur geschaffen werden, wenn wegen der 70-Jahre-Regel die Erben und Erben der Erben ein Monopol auf die Ideen ihrer Vorfahren haben)?

Darüber hinaus werden auch allgemeinmenschliche Regeln (Tugenden) zum Verbrechen erklärt: Über Jahrtausende galt z.B. die Regel, daß es gut sei, wenn man von dem, was man hat oder vermehren kann, freigiebig denen gibt, die nichts haben. Wenn ich also Musikkonserven habe, die andere auch gerne hätten, entsprach es nicht nur der Schulhofmoral, sondern traditioneller Tugend, daß man es dem Interessenten unentgeltlich kopierte.

Gäbe es bereits Replikatoren wie bei "Startrek", wäre es nach gegenwärtiger Rechtslage sogar ein Verbrechen, dem hungrigen Dritten die eben vom Bäcker geholte Wurstsemmel zu kopieren, da ich des Bäckers geistige Rechte daran verletzen würde. Soll doch verhungern, wer keine Wurstsemmel hat: Das wäre heutzutage "gerecht".

Prognose: Keine Propaganda der Rechteinhaberindustrie und keine Strafrechtsverschärfung wird diese neuen Regeln im Volke verankern.

Google kopiert doch ....

... massenhaft verkleinerte Fotos auf seine Webseite, um Traffic zu erzeugen und Werbung besser verkaufen zu können.
Man gebe nur mal "Walter Benjamin" ein und suche in "Bilder". Alles legal also. Ein bisschen verkleinern und publizieren.

Am besten aber nicht in Abmahn-Paradies Deutschland, sondern in einem Land mit einer vernünftigen Rechtsordnung. D kann man diesbezüglich in die Tonne treten.

das stimmt so nicht

Google ist schließlich eine Suchmaschine und schafft damit sogar Publikum für das Original. Die Snippets sind also gerade keine böswillige Verletzung des Urheberrechts. Es gab auch darüber eine Diskussion, die mittlerweile aber über die Haftungsprivilegien des Telemediengesetzes geregelt.

Auch Ihre Schelte auf Deutschland und dessen Gesetze spricht von Unwissen: die Regeln über die Providerhaftung und viele Urheberrechtsvorschriften sind keine genuin deutschen Regelungen, sondern haben wir der EU (per Richtlinie) zu verdanken.

Damit komme ich auch zum eigentlichen Kern dieser Diskussion. Ich finde viele Argumente dieser Diskussion fußen letztendlich auf Unwissen über die eigene Rechtslage. Da wird dann natürlich auf die Juristen geschimpft. Man verkennt dabei aber gerne, dass die Juristen, die da im Vordergrund stehen, keine Gesetze machen, sondern nur anwenden.

ch für meinen Teil kann Ihnen versichern: die Justiz ist genauso genervt von diesen Urheberrechtsstreitigkeiten, wie die Beteiligten auch. Zuweilen habe ich schon selbst Staatsanwaltschaften erlebt, die sich mittlerweile weigern in solchen Fällen zu ermitteln, da sie von der Verwertungsindustrie mit Anfragen überschüttet werden, die gar nicht zum Ziel haben jemanden rechtskräftig zu verurteilen, sondern nur zivilrechtliche Schadensersatzansprüche ermöglichen sollen.

Und was wäre es Ihnen wert gewesen, das Bild ...

... benutzen zu dürfen? Haben Sie versucht, eine Lösung zu finden, von der auch der Urheber -- hier Germaine Krull -- oder seine Rechtsnachfolger etwas haben? Sind Sie der Meinung, ein Urheber habe nichts von Ihnen zu honorierendes geleistet, wenn dabei etwas entstanden ist, das Ihnen gefällt? Muss man überhaupt etwas können oder dafür bekommen, wenn man etwas schreibt, malt, fotografiert, textet, entwirft, was von anderen umkopiert werden kann?

Die Reduktion der Fragen des Urheberrechts auf die Bewertung des rein technischen Vorgangs "kopieren" greift viel zu kurz. Denn der Vorgang, etwas Kopierwürdiges zu schaffen, lässt sich von Aussenstehenden nicht vollständig nachvollziehen.

Kai Hamann

Gibt´s doch: VG Bild-Kunst. Dort nimmt man, die ...

... Verwertung der Bildrechte wahr, die sich für einzelne Urheber praktisch nicht durchführen lässt. Damit ist die Aufgabe vergleichbar, wie die der VG Wort im Bereich der schreibenden Urheber und die der VG Musikedition für Musik. Und ja, dann gibt es noch die GEMA, die ebenfalls auf den Bereich Musik spezialisiert ist.

Bei jeder dieser Verwertungsgesellschaften muss man Mitglied sein, um eigene Werke melden und seinen Anteil an den Einnahmen für Nutzungsrechte zu bekommen. Interessanterweise geht es dabei nicht um Qualität oder Beliebtheit, sondern darum, ob etwas von einem kommerziellen Unternehmen für veröffentlichungswürdig gehalten wurde -- so meine eigene Interpretation. Man kann also nicht etwa zufällige Buchstabenkombinationen oder Klangfolgen melden, und auch mit 10 Millionen Urlaubsfotos sieht es schlecht aus =;)

Für das Kleingedruckte siehe bitte bei den Verwertungsgesellschaften selbst.

Kai Hamann

Aufwand vs. Nutzen

Nur weil es im Netz verfügbar ist, ist es nicht kostenlos und die bösen Nutzer wollen bloß nicht zahlen.
Das ist ein Klichee. Im konkreten Fall geht es um ein T-Shirt das bedruckt werden soll, dafür fallen die T-Shirtkosten, die Druckkosten und warum denn nicht auch die Copyright-kosten an.
Nur sind erstere relativ einfach zu ermitteln. Die Copyright-Kosten sind allerdings ein Geheimnis. Ich weiss nicht wie ich den Urheber ermitteln soll, es ist in der Regel nicht klar wieviel es kosten soll. Betrag pro Wort, Zeile, Größer des Bildes, Auflösung, ....
Wenn einer ein Bild ins Netz stellt, das ihm gehört, dann kann man doch diese Daten auch angeben und einen Zahlungsweg. Nur das habe ich noch nie gesehen. Die Konsequenz wäre nämlich auch, dass der Copyright-Inhaber, dann einen Vertrag abschliessen müßte mit dem er die Urheberrrechte überträgt/die Nutzung, explizit aufgelistet, gestattet.
Vorschläge wie das gehen soll, sind an mir aber bisher vorbeigegangen, weil insbesondere die Urheber sich gern empören, aber keinerlei Lösungsvorschläge anbieten.

Sie haben insofern recht,

als dass eine kommerzielle Nutzung nicht einfach geschehen darf (Werbekampagne mit meinem Foto bspw.) Bei ALLEM anderen greifen heutige Urhebergesetze nicht mehr. Der Bürger macht sich ja schon bei einfacher Nutzung heutiger technischer Möglichkeiten in einer Tour strafbar und ist dadurch einer (gierigen und nicht mehr nützlichen) Juristerei ausgesetzt. Das sollten Sie auch bedenken.

Auch wenn es vielen nicht passt, etwas herstellen und ein Leben lang dafür abkassieren fkt. nicht mehr.

Nehmen Sie mal des Deutschen liebstes Kind. Wenn jemand ...

... mit seinem Ferrari durch die Gegend fährt, ist -- ich unterstelle das mal -- die Selbstdarstellung und der Aufmerksamkeitsfaktor ein wesentlicher Aspekt des Erlebnisses.

Bei Urhebern ist es ähnlich: Man möchte sein Ego darstellen, expressiv sein, etwas erschaffen, für das man anerkannt wird.

Nun können die meisten Vollzeit-Urheber sich keinen Ferrari leisten (der Kick ist ein anderer), sondern müssen ihren Lebensunterhalt davon bestreiten, dass sie sich für das Teilen ihrer Gedanken bezahlen lassen.

Aber sie haben Möglichkeit und Recht, jedem die weitergehende Nutzung ihrer Werke ohne Angabe von Gründen zu versagen. Wenn ein Urheber also keinen einfachen Weg aufzeigt, seine Schöpfungen rechtssicher zu nutzen, ist das seine Entscheidung.

Genauso, wie der Ferrari-Fahrer entscheidet, dass man ihm zwar beim "Brumm-Brumm" machen zuschauen, aber seine Karre weder abfackeln, noch stehlen darf.

Aus einfacher Kopierbarkeit von einmal veröffentlichten Gedanken, kann man kein Recht auf Kopieren ableiten, weil auch die Zeit des Denkens und die vorhergehenden Erfahrungen finanziert werden müssen. Jeder Urheber braucht sein Arbeitsmaterial, muss sich ernähren, kleiden, wohnen etc. Wobei schöpferisch tätige Menschen sogar soweit gehen, die Möglichkeit eine Leistung zu erbringen aus eigenem inneren Antrieb vorfinanzieren und oft Fehlversuche und Rückschläge erleben.

Es hat also durchaus eine materielle Dimension, Bücher, Musik, oder Kunstwerke zu schaffen.

Kai Hamann