Record Store DayEin Tag im ältesten Plattenladen der Welt

Seit 1894 gibt es Musik bei Spillers im walisischen Cardiff. Der Verkauf von Tonträgern ist schwieriger geworden – aber was sonst macht so viel Spaß?

Spillers Records, der älteste Plattenladen der Welt

Spillers Records, der älteste Plattenladen der Welt

Die Leuchtreklame im Schaufenster von Spillers Records, eine koffergroße blauweiße Acryltafel, ist ausgeschaltet und die Eingangstür ist verriegelt. Draußen schaut ein Mann mit Wollmütze und Kopfhörern auf die Uhr: zwanzig nach. Erneuter Blick auf die Uhr. Immer noch.

Spillers öffnet um halb zehn. Vielleicht um solchen übereifrigen Kunden am frühen Morgen etwas Abwechslung zu bieten, ist ein Teil des Schaufensters mit Ausstellungsstücken dekoriert, die von der reichen Geschichte dieses Ladens in Cardiff künden. Da gibt es Plattenhüllen aus seinen Tagen als »Phonobörse«, geführt von der Familie Spiller von 1894 bis in die 1940er Jahre. Und Tragetaschen für Singles, die wie die Leuchtreklame aus den siebziger Jahren stammen, als ein Ortsansässiger namens Nick Todd den Laden betrieb. An die jüngere Vergangenheit erinnert eine Tom-Jones-Pappfigur, die in einem T-Shirt mit Spillers-Logo steckt, ein Pflichtkauf für Stammkunden, als dem Geschäft 2010 die Schließung drohte.

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Plattenläden wie dieser haben ein schweres Jahrzehnt hinter sich. Online-Streaming-Dienste, Musikdownloads, Onlineversandhandel, Raubkopien – die internetbedingten Verheerungen der Musikindustrie ziehen sich von Einnahmeeinbußen für Popstars bis in die Niederungen des Geschäfts. Besonders schlimm waren die Folgen für den Einzelhandel. Ketten, die unverwüstlich schienen, verschwanden, und von den rund 900 unabhängigen Plattenläden, die es noch vor sechs Jahren in Großbritannien gab, haben keine 300 überlebt. Dieser Niedergang war ein Ansporn für den 2008 erstmals ausgerufenen International Record Store Day, dessen Botschaft im Kern lautet: Unterstützt diese Geschäfte jetzt, oder ihr könnt Musik für den Rest eures Lebens nur noch mit einem Klick bei Amazon kaufen.

Record Store Day

Den Record Store Day am 21. April 2012 gibt es international im fünften Jahr. Plattenläden von Hongkong bis Tel Aviv, von Turku bis Rio, von Ottawa bis Auckland bieten zur Feier des Tages Motto-T-Shirts und Sonderpressungen an. Erstmals ist Deutschland dabei, von Aachen bis Erfurt. Mag die Musikwelt immer virtueller werden – das Vinyl bleibt greifbar. U.St.

Spillers wird den fünften jährlichen Record Store Day am 21. April als weltweit ältester noch bestehender Plattenladen feiern. Vor über hundert Jahren, als der Wachszylinder regierte, wurde das Geschäft eröffnet, das sich heute unter der gesetzlosen Herrschaft der MP3 zu behaupten versucht. Was hat ein Laden wie Spillers hier noch verloren? Wie ist es, in ihm zu arbeiten oder Musik zu kaufen? Ihn zu besitzen, auf ihn angewiesen zu sein?

Es ist ein Freitag, Mitte März, und die ersten Kartons mit neuer Ware sind soeben angeliefert worden. Die Uhr zeigt halb zehn – endlich, wird der Mann unter seinen Kopfhörern denken. Ashli Todd, die Geschäftsführerin, trifft ein, um aufzuschließen.

Der erste Punkt der Tagesordnung, sagt sie, während sie das Licht einschaltet: »Wir müssen Musik auflegen, oder wir sind kein Plattenladen.« Steve Taylor, der seit über zwanzig Jahren für Spillers arbeitet, beginnt mit sanftem Folk. »Etwas, um in den Tag hineinzugleiten«, sagt er, während er sich hinter der Ladentheke auf einem Hocker niederlässt.

Um ihn herum ragen Regale auf, die bis in die letzten Winkel mit verschweißten CDs und Schallplatten gefüllt sind. In den Verkaufsständern gegenüber der Theke, im Kundenbereich des Ladens, stehen lediglich fotokopierte Hüllen der Alben – eine Maßnahme, um den Ladendiebstahl in Grenzen zu halten, wenn er sich auch nicht ganz verhindern lässt. Erst letzte Woche machte sich ein minderbemittelter Langfinger mit einer Handvoll Hüllen aus der Weltmusik-Sektion davon, allesamt Attrappen.

Ashli Todd erläutert mir einige der rätselhaften Gepflogenheiten ihres Ladens. Dazu gehören das hölzerne Ablagefach, in das Alben kommen, die nachbestellt werden müssen, oder das kleine Pappschild an jeder CD, auf dem deren Verkaufsgeschichte handschriftlich festgehalten wird. »Ich habe dieses System so übernommen«, sagt sie schulterzuckend, aber es scheint zu funktionieren. Sie fischt eine CD aus dem nächstgelegenen Regal, ein Album der aufgelösten amerikanischen Rockgruppe The Flamin’ Groovies, und entnimmt dem Kugelschreibergekritzel, dass es zuletzt Anfang 2005 verkauft worden ist. Das wird sie also im Verkaufsständer weiter nach vorn stellen müssen...

Leserkommentare
    • Lyaran
    • 21.04.2012 um 9:51 Uhr

    Hach, ich muss zugeben das auch ich ein MP3 Nutzer bin. Meine CDs sind inzwischen alle auf den Rechner überspielt. Andererseits vermisse ich das stöbern in Plattenläden und das hier erwähnte Gespräch mit den Verkäufern. Ob es da keine Möglichkeit gibt das zu verbinden? Kauf auf USB-Stick?
    Allerdings kaufe ich mir auch immer seltener neue Musik. Radio höre ich schon lange nicht mehr. Was man da angeboten bekommt ist einfach langweilig. Auch die Bands welche hier auf Zeit Online vorgestellt werden sind meist nur ein kurzer Hype. Bleibt nur Youtube um mal in neue Tips reinzuhören, aber da macht die GEMA ja die Türe zu.
    Letzter Kauf war "Electric Tales" des Ron Spielman Trios. Eine Empfehlung für alle die Blues/Rock/Pop von herrausragenden Musikern mögen.
    Interessant finde ich allerdings den "Rekorder" hier auf Zeit Online. Da kann man erkennen wer in der Lage ist Musik zu spielen/singen und wer sich doch eher auf die Studiotechnik verlassen muss. Ziemlich erschreckend was man da zum Teil so hört :)

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    ist leider eine Rarität geworden. Alles verlagert sich mehr und mehr in den virtuellen Raum.

    P.S.: 'Türöffner' gibt's übrigens -> https://addons.mozilla.or... bzw. https://addons.mozilla.or...

    bin durch Sie auf

    http://www.amazon.de/Dont...

    aufmerksam geworden.

    Hab mir soeben das Album gekauft.

    Beste Grüße.
    FSonntag

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    P.S.: 'Türöffner' gibt's übrigens -> https://addons.mozilla.or... bzw. https://addons.mozilla.or...

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    Hab mir soeben das Album gekauft.

    Beste Grüße.
    FSonntag

    • Maksi
    • 21.04.2012 um 10:23 Uhr

    .. ein schöner Artikel. Macht mich jetzt irgendwie sentimental ^^

    Eine Leserempfehlung
  1. Ich liebe auch platten .....
    der klang ist einfach besser!

    Vinylmania - Das Leben in 33 Umdrehungen pro Minute

    http://goo.gl/srhzh

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    naja, wer Klang möchte soll sich gerne eine Vinylscheibe an seinen Röhrenverstärker stöpseln.

    warum nicht gleich noch authentischer die Schellack-Platte auf das Grammophon und hübsch kurbeln?

    oder die im Artikel erwähnten Wachs-Zylinder?

    Wir sind die wahrscheinlich erste Generation die Musik so wiedergeben kann wie sie aufgenommen wurde, ohne uns Sorgen machen zu müssen wie das Ganze vom Tonträger verwurstet wird.

    Durch die Digitalisierung ist Heutzutage jeder in der Lage Musik in belibiger Qualitaät mitzunehmen und abzuspielen. Es ist nicht länger ein Privileg von Leuten die es sich leisten können ihre Sammlung bei konstanter Temperatur zu lagern. (damit das Wachs nicht schmilzt oder das Vinyl Wellen schlägt) und das dann auf einem Mamorteller abzuspielen (konstante Rotation und so)

    wenn der Klang so toll war: einfach mal an der Richtigen Stelle jammern, dan baut bestimmt jemand einen Filter für zwischen MP3 Player und Verstärker - der das authentische Knistern reinmischt, und ein paar andere Frequenzen (die, die von den Nadeln nicht richtig abgenmoen wurden) gezielt herrausfiltert. Gehr garantiert auch digital und für jede Marke Plattenspieler einstellbar.

    naja, wer Klang möchte soll sich gerne eine Vinylscheibe an seinen Röhrenverstärker stöpseln.

    warum nicht gleich noch authentischer die Schellack-Platte auf das Grammophon und hübsch kurbeln?

    oder die im Artikel erwähnten Wachs-Zylinder?

    Wir sind die wahrscheinlich erste Generation die Musik so wiedergeben kann wie sie aufgenommen wurde, ohne uns Sorgen machen zu müssen wie das Ganze vom Tonträger verwurstet wird.

    Durch die Digitalisierung ist Heutzutage jeder in der Lage Musik in belibiger Qualitaät mitzunehmen und abzuspielen. Es ist nicht länger ein Privileg von Leuten die es sich leisten können ihre Sammlung bei konstanter Temperatur zu lagern. (damit das Wachs nicht schmilzt oder das Vinyl Wellen schlägt) und das dann auf einem Mamorteller abzuspielen (konstante Rotation und so)

    wenn der Klang so toll war: einfach mal an der Richtigen Stelle jammern, dan baut bestimmt jemand einen Filter für zwischen MP3 Player und Verstärker - der das authentische Knistern reinmischt, und ein paar andere Frequenzen (die, die von den Nadeln nicht richtig abgenmoen wurden) gezielt herrausfiltert. Gehr garantiert auch digital und für jede Marke Plattenspieler einstellbar.

  2. ist leider eine Rarität geworden. Alles verlagert sich mehr und mehr in den virtuellen Raum.

    P.S.: 'Türöffner' gibt's übrigens -> https://addons.mozilla.or... bzw. https://addons.mozilla.or...

    Antwort auf "Zwiespalt"
  3. ...wenn ich nächstes Jahr nach Cardiff fahre...
    Schön

  4. bin durch Sie auf

    http://www.amazon.de/Dont...

    aufmerksam geworden.

    Hab mir soeben das Album gekauft.

    Beste Grüße.
    FSonntag

    Antwort auf "Zwiespalt"
  5. ... doch in den virtuellen Raum verlegen und Sie mit Avataren besuchen!

    Aktuelle Grafikkarten schaffen 2-3 Teraflop, also Berechnungen pro Sekunde. Angeblich ist ab 5 Teraflop das Bild Fotorealistisch bzw. nicht mehr von einem Film zu unterscheiden. Also in zwei, drei Jahren. Und das Ganze in 3D! (Auf den miefigen Geruch kann ich verzichten).

    Ich wundere mich wieso das Sony nicht schon länger bei Playstation-Home anbietet.

  6. In Berlin gibt es eine Menge Läden in denen man noch stöbern kann und wenn gewünscht auch mit dem Verkäufer einen Plausch halten kann, ich tue dies und wieder mehr leute meiner Generation (Ende 20) tun das. Den meisten fehlt jedoch sowas nicht, weil sie es gar nicht anders kannten, als in große Elektronikmärkte zu gehen um dort CD´s zu kaufen. Für solcherlei Leute sind die MP3´s viel besser. Sie vermissen nichts. Zudem müssen sie sich nicht an Kassen anstellen oder irgendwelche Verkäufer fragen, die meist keine großartige Antwort parat haben. Woher auch, sie sind nicht dafür da, um über Musikgeschmäcker oder eventuelle Geheimtipps zu reden, leider.

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