Was für ein unverhofftes Wiedersehen: Jetzt sind der schwerreiche gelähmte Aristokrat mit dem Einstecktüchlein und der kleinkriminelle afrikanische Zuwanderer auch noch mit ihren Büchern gleichzeitig an die Spitze der Bestsellerlisten gelangt. Es ist, als passe selbst gedruckt kein Blatt Papier zwischen sie. Ein bizarres Duo zuerst im Leben, dann im Film und nun im Erfolg ihrer gedruckten Lebensgeschichten: Diese ziemlich besten Freunde, die man nicht in Verlierer und Gewinner auseinandersortieren kann, elektrisieren offenbar eine Gesellschaft, die sich den Kopf darüber zerbricht, welcher Wohlstand Bestand hat, welcher flüchtig ist und auf welche Güter es in einem Gemeinwesen ankommt. Die Frage, die Enquetekommissionen, Nobelpreisträger, Sozialwissenschaftler und Politiker beschäftigt, hat in diesem Duo ihre Darsteller gefunden.

Seit dem 5. Januar dieses Jahres haben erstaunliche 7,55 Millionen Zuschauer in 798 deutschen Kinos das ungleiche Männerpaar Philippe und seinen Pfleger Driss als Ziemlich beste Freunde kennengelernt (das Original Intouchables hat inzwischen fast jeden dritten französischen Staatsbürger ins Kino gezogen).

Kennt jemand die Geschichte noch nicht? Bitte: Ein Mann aus besten Kreisen ist gelähmt, seitdem er sich beim Gleitschirmfliegen das Genick brach, seine ebenso reiche Frau stirbt elend an Krebs. Ein arbeitsloser Verlierer aus der trostlosen Banlieue der französischen Hauptstadt wird zum Intensivpfleger des Schwerstbehinderten in dessen Pariser Stadtpalais, zehn Jahre lang – und zum Retter der Lebensfreude, der Komik. Sie lachen viel, lachen einander aus, fahren in sehr teuren Autos durch die Gegend, werden Freunde, heiraten beide eines Tages wunderbare Frauen und werden gar Väter. Wirkt alles stark übertrieben. Aber das liegt an der Realität. Die Geschichte hat sich so zugetragen.

Und jetzt also dies: Der eine beste Freund führt mit dem Buch über seine Lebensgeschichte erstmals die etwas feinere deutsche Hardcover-Liste an (das ist Philippe Pozzo di Borgo, der reiche Aristokrat). Der andere Freund nimmt mit dem Buch über seine Geschichte zum ersten Mal Platz eins im Taschenbuch ein (das ist Abdel Sellou, der farbige Exhäftling, der im Film Driss heißt). Ziemlich beste Freunde lautet der Titel des Buchs von Pozzo di Borgo, Einfach Freunde das Buch Abdel Sellous. Gut 50.000 verkaufte deutsche Exemplare für Sellou in drei Wochen, das entspricht dem Start von Stéphane Hessels populärer Kampfschrift Empört Euch!, und Pozzo di Borgos Buch, das erste im neuen Hanser Berlin Verlag, steuert auf das Doppelte zu: 100.000. Die Leute kaufen, als gelte es, schnellstens zu überprüfen, ob das denn alles wahr sein kann.

Man kann diesen erstaunlichen Pas de deux einen fortgesetzten Überraschungserfolg nennen. Aber wenn er gar nicht so überraschend wäre, sondern vielmehr ganz einleuchtend, naheliegend und zudem symptomatisch? Soll es denn nur ein Zufall und sowieso ein Medieneffekt sein, dass die erste Auflage von Pozzo di Borgos Buch im Jahr 2001 bloß einen Achtungserfolg erzielte, während zehn Jahre später jetzt die Neufassung in Frankreich bereits zu Hunderttausenden über den Tresen geht?

Zwischen 2001 und 2011 liegen in den hoch verschuldeten alternden Gesellschaften Europas zehn Jahre der gänzlichen Desillusionierung über die Verlässlichkeit von geldwertem Wohlstand. Die Angst vor dem Thema Pflege ist inzwischen durch alle Ritzen der gesellschaftlichen Dichtungssysteme gekrochen. Die soziale Schere hat sich wider alle Gerechtigkeit schneidend weit geöffnet. Wenn jetzt ein schwerstbehinderter Steinreicher erst gemeinsam mit einem hilfreichen Habenichts das Leben schön finden kann – dann treffen die zwei einen Nerv. Dann bestärken sie all jene, die sich nach immateriellen Gütern umschauen, auf die mehr Verlass wäre als auf das flüchtige Geld. Güter, die es ihnen erlauben, zu handeln und gebraucht zu werden, nicht nur versorgt, toleriert und bespendet.

Sentimentaler Sozialkitsch, könnte man meinen. Doch in den Gedanken Kwame Anthony Appiahs, des Philosophen des Kosmopolitismus, hat diese Sachlage einen politischen Klang: »Everybody matters«, es kommt auf jeden Einzelnen an.