Kein Grund zum Feiern, aber vielleicht muss man daran erinnern: Die Krise hat in diesen Tagen Geburtstag. Zwei Jahre sind vergangen, seit die EU-Finanzminister das erste Hilfspaket für Griechenland schnürten. Zwei Jahre, die Europa nicht nur viel Geld, sondern auch viel Kraft und politische Substanz gekostet haben. Wie viel Substanz, das verraten die Schlagzeilen dieser Tage.

In Prag demonstrieren hunderttausend Tschechen gegen die eigene Regierung und das »Spardiktat« aus Brüssel. In den Niederlanden lässt der Rechtspopulist Geert Wilders die Koalition, die er bislang unterstützt hat, platzen – wegen Europa. Bei der Wahl in Frankreich stimmt ein Drittel der Wähler für EU-skeptische oder EU-feindliche Kandidaten. Und in Berlin fordert der deutsche Innenminister eine Reform des Schengen-Abkommens: Künftig sollen die Grenzen in Europa wieder bis zu 30 Tage lang kontrolliert werden können.

Mehr Europa? War gestern.

Die Stimmung ist gereizt, die Nerven liegen blank. Mitunter scheint es, als würde Europa an sich selbst irre werden. Und als würden viele Menschen die EU lieber heute als morgen hinter sich lassen und politisch dorthin zurückkehren, wo sie sich lange Zeit sicher gefühlt haben: in die eigenen vier Wände des vertrauten Nationalstaats. Dorthin, wo man Franzose, Ungar oder Deutscher sein darf und sich nicht ständig anstrengen muss, um Europäer zu werden.

Schon wächst die Sorge, dass in Europa die alten Gespenster wiederkehren könnten. Nicht nur der deutsche Außenminister warnt vor einer Re-Nationalisierung. Grenzen zu, Schotten dicht, und alle Schuld hat Brüssel – ist das der politische Preis der Krise?

Gestern waren die Muslime schuld, heute ist es Europa

Die meisten Politiker äußern sich meistens anders. Europa sei nicht das Problem, sondern die Lösung, sagen sie. Und preisen die EU als sicheren Hafen im Sturm der Globalisierung. Vieles spricht dafür, dass sie recht haben und sich unser Wohlstand nur halten lässt, wenn wir zusammenhalten. Dennoch empfinden viele Menschen anders. Für sie ist die EU zu einem abstrakten Symbol für sehr konkrete Ängste geworden, zur Chiffre für einen dramatischen Wandel. Sie fürchten um ihren Arbeitsplatz; sie lesen vom Aufstieg der Chinesen; sie erkennen ihre vertraute Welt immer weniger wieder.

Diese Ängste haben schon vorher existiert, doch die Krise hat sie verschärft. Europa ist zum Sündenbock geworden, ähnlich wie vorher die Zuwanderer oder die Muslime. Deshalb ist es kein Zufall, dass dieselben Rechtspopulisten, die nun gegen die EU mobilisieren, bislang gegen Zuwanderer und Muslime agitiert haben. Le Pen in Frankreich, Wilders in den Niederlanden, die FPÖ in Österreich. Doch damit wird noch lange nicht aus jedem ihrer Wähler ein neuer Nationalist. Und schon gar nicht sind die Anti-Europäer in Europa in der Mehrheit.