ArbeitnehmervertretungRespekt, Kollegen

Die Gewerkschaften treten wieder selbstbewusst auf – das ist gut für den Wirtschaftsstandort Deutschland. von 

Werftarbeiter in Bremerhaven

Werftarbeiter in Bremerhaven  |  © Christian Charisius/Reuters

Liebe Kollegen von den Gewerkschaften, Euch wurde unrecht getan, auch von der ZEIT. In den vergangenen zehn Jahren wurde über alles Mögliche geschrieben, aber kaum über Gewerkschaften – und nicht ein einziges Mal war der Tenor positiv. In der breiten Öffentlichkeit wurden Arbeitnehmervertreter lange Zeit als »Betonköpfe« beschimpft, als »Bremser« und »Gestrige«, die man nicht mehr brauche. Es ist höchste Zeit, dieses Bild zu korrigieren.

Die Arbeitnehmerorganisationen sind aus guten Gründen längst wieder im Aufwind. Zu den Demos am 1. Mai wird der DGB zwar auch in diesem Jahr keine großen Massen locken, dazu ist diese Tradition einfach zu angestaubt. Aber wo es wirklich zählt, in den Betrieben, da können die Gewerkschaften mobilisieren. Und wie! Gerade haben sie im öffentlichen Dienst eine ansehnliche Lohnerhöhung durchgesetzt. In den nächsten Wochen werden sie in der Metall-, Elektro- und Chemieindustrie Ähnliches erreichen. Die Arbeitnehmer und ihre Lobby sind wieder am Drücker. Und das ist eine gute Nachricht.

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Auch den Betriebsräten ist es zu verdanken, dass das Land stabil ist

Die Kritik an den Gewerkschaften in der Vergangenheit war überzogen. Da wollte ja nicht nur ein Industriepräsident am liebsten alle Tarifverträge verbrennen. Selbst Arbeitnehmer glaubten, sie brauchten keine Lobby mehr. »Ich handele mein Gehalt selber aus«, dachten viele. Doch wer regelt wirklich alles selbst, Urlaubstage, Weihnachtsgeld, Arbeitszeit, Prämien? Und wie viele »frei« vereinbarte Gehälter orientieren sich doch an irgendeinem Tarif?

In der vergangenen Krise zeigte sich noch ein Vorteil kollektiver Vereinbarungen: Da musste nicht mit jedem Arbeitnehmer einzeln verhandelt werden, wie sich vielleicht Jobs retten ließen. Stattdessen griffen Arbeitszeitkonten und tarifliche Regeln für den Notfall. Neben der gesetzlichen Kurzarbeit half vor allem das, den Sturz abzufedern, wie Studien belegen. Auch Gewerkschaftern und Betriebsräten hat es Deutschland also zu verdanken, dass es so glimpflich davonkam.

Überhaupt steht die deutsche Wirtschaft gerade dort, wo die Gewerkschaften stark sind, unglaublich gut da. Autohersteller, Maschinenbauer und Chemieproduzenten strotzen nur so vor Wettbewerbsfähigkeit. In ihren Betrieben sind IG Metall und Co. besonders mächtig – und keineswegs bescheiden. Die Beschäftigten dieser Branchen mussten keine Reallohnverluste hinnehmen. Sie wurden am Erfolg beteiligt, sie schöpften den Verteilungsspielraum aus. Das zeigt: Durchsetzungsfähige Arbeitnehmer und wettbewerbsfähige Firmen sind kein Gegensatz.

Im Gegenteil, große Gewerkschaften können sogar leichter auf die wirtschaftliche Lage Rücksicht nehmen. Sie müssen sich nicht mit extremen Forderungen profilieren, wie manche Splittertruppe. Und sie wissen, welches Gewicht ihre Lohnabschlüsse haben. Wenn sie überziehen, steigen die Kosten auf so breiter Fläche, dass Jobs in Gefahr geraten. Machtvolle Gewerkschaften spüren diese Verantwortung. Das haben sie bewiesen.

Selbst Arbeitgeber wissen die Gewerkschaften wieder zu schätzen. Die reibungslose Zusammenarbeit in der Krise, die trotz wilder Rhetorik meist pragmatischen Tarifabschlüsse, die Planungssicherheit eines Tarifvertrages – all das sind Gründe dafür. Der britische Economist nannte das Tarifvertragssystem, das die hiesige Wirtschaft immer noch dominiert, kürzlich einen Standortvorteil.

Leserkommentare
  1. den Funktionären danke ich nicht

    was die unter schröder "geleistet" haben war schäbig!

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    Kam's da nicht zum Bruch mit den Gewerkschaften?

    Ich dachte, die Gewerkschaften wollten damals das bremsen, was heute bei immer mehr Leuten als zu viel angesehen wird.

    Der Artikel-Schreiber, zum 1. Mai zwar einigermaßen brav, versucht die Gewerkschaften in dem Punkt auch schlecht aussehen zu lassen (Deshalb war der Vorwurf, »Bremser« zu sein, berechtigt, als es um die Arbeitsmarktreformen ging.).

    In ein paar Jahren, wenn die Altersarmut den Steuerzahlern immer schwerer auf den Taschen liegt, die ein oder andere der privaten Vorsorgen viel zu wenig auszahlen können oder gar insolvent werden, die Konkurrenz mit den Billigländern trotzdem nicht funktioniert, Deutschland ähnlich auszehrt wie die USA und die wenigen Reichen immer weniger für die anwachsende Menge der Armen geben wollen, wird sich die Betrachtungsweise vermutlich noch mehr kehren.

    Wer sich bei der Globalisierung per Freihandel mit den Lohn-Skalven-Ländern kurz schließt, muss sich nicht wundern, wenn die sozialen Errungenschaften den kapitalistischen Bach runter gehen.

  2. Einerseits verlangen sie von der Politik einen Mindestlohn den sie über Jahre nicht durch verhandeln in allen Branchen erreicht haben.

    Vor Jahren gab es ja die Lücke das sich neue Gewerkschaften hätten gründen können. Diese Lücke wurde aber schnell wieder geschlossen.

    Wenn Gewerkschaft dann doch lieber eine kleine die wie der Zugführer.

  3. http://www.ftd.de/politik...

    Es ist nichts so rosig, wie manch Autor in der ZEIT gerne schreibt. Die Gewerkschaften sind in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität geschwächt wie noch nie. Sind die Arbeitnehmer schuld? Nein, die Verhartzung und Verleiharbeitung der Arbeit an sich verhindert einen Anstieg von Realeinkommen. Gewollt vom Gesetzgeber, nach wie vor.

    Ich frage mich, warum so viele Journalisten partout nicht erkennen wollen, was für einen Blödsinn diese "Arbeitsmarktreformen" langfristig anrichten.

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    Es ist dasselbe wie mit den Tatort-Autoren die sich über das Urheberrecht beklagen obwohl sie selbst doch davon keine Sorgen haben (da sie ja einen festen Job und feste Verhältnisse haben!): Es geht nur darum dass der Geldgeber der Staat ist.

    Wenn eben Papi Staat die Gehaltsliste zahlt, dann ist eine derartig unkritische Sichtweise auch nicht verwunderlich.

    • fauler
    • 01. Mai 2012 23:55 Uhr

    Im FTD Artikel steht doch, dass die Arbeitnehmer selber nicht aufstehen und sich an die Arbeit machen, für bessere Bedingungen zu kämpfen.

    Die Gewerkschaften sind eine Farce, wenn die Arbeitnehmer nicht aufwachen und selbst aktiv was verändern wollen, welches an die Politik erinnert, welche nur dann innovativ ist und für die einfache Bevölkerung arbeitet, wenn diese wählen gehen und demontrieren gehen für ihre Interessen, die zumeist keine Beachtung findet.

    Eine Arbeitsmarktreform war in Teilen nötig um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschland gegen die des anglo-amerikanischen Raums zu behaupten, auch wenn es etwas verantwortungslos gegenüber den faireren europäischen Länder war. Kurz gesagt: Wenn die Welt sich verändern soll, muss die Bevölkerung im amerikanischen Imperium aufwachen und für ihre Rechte eintreten, sowohl in Themen der Beschäftigung und Soziales, als auch in der Politik!

    Zudem haben die Arbeitsmarktreformen für neue Jobs gesorgt, auch wenn diese Niedriglohnjobs waren. Besser Niedriglohnjobs als gar keine neuen.

    Was man hätte aber verhindern sollen war die Entwertung der schon längst existierenden Arbeit. Viele Sicherheiten haben die Menschen verloren, die sie nicht verlieren hätten müssen und sollen.

    Es liegt an der Bevölkerung und es wird immer an der Bevölkerung liegen, dass sich was verändert. Parteien und Organisationen können nur begrenzt bessere und gerechtere Verhältnisse schaffen!

  4. Die Kommentarfunktion ist keine Werbeplattform für Ihr eigenes Blog oder eine persönliche Initiative. Danke, die Redaktion/fk.

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    @RegineH

    Vielen Dank für Ihren Kommentar, endlich spricht es jemand mal aus. Das ist doch alles eine Farce ... und am besten sind wir wieder mal dankbar, wenn wir großartige 3,0 Prozent mehr bekommen. Immer schon dankbar sein für die kleinen Geschenke der Industrie ....

    • gquell
    • 01. Mai 2012 12:12 Uhr

    Wenn die deutschen Gewerkschaften auch die Arbeitslosen und Geringverdiener vertreten würden, wären sie gesellschaftlich noch relevanter. Dann könnte nämlich auch ein Schröder, der mit seiner sozialdemokratischen Mimikri seine neoliberale Einstellung getarnt hatte, nichts mehr ausrichten.
    Gerade habe ich einen Artikel über die Arbeitsbedingungen des Frühen Mittelalters (1150-1450) gelesen. Faszinierend, die Menschen habe wahnsinnge Leistungen vollbracht (Hansestädte, Städte, Kirchen) und das bei einer durchschnittlichen Arbeitswoche von 20 Arbeitsstunden! Es lag nur daran, daß das umlaufende Geld nach einem Jahr umgetauscht werden mußte und 20% als Steuer kassiert wurden. Man mußte investieren, wenn das Geld seinen Wert behalten sollte! Und die Leute haben damals gefeiert und sich des Lebens erfreut.

    Auch heute würde eine 20Stunden-Woche ausreichen. Meine höchste Produktivität erreichte ich ebenfalls mit einer 20Stunden-Woche, 4 Stunden hochkonzentriertes Arbeiten pro Tag sollten genug sein. Auch die Kellogs-Studie aus Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts bewies, daß ArbeiterInnen mit 6 Stunden pro Tag (bei gleichem Lohn wie 8 Std.) produktiver sind, weniger Unfälle passieren und die Fluktuationen nachläßt und die Arbeitszufriedenheit zunimmt.

    Wir arbeiten nämlich mehr als die Hälfte unserer Arbeitszeit für Zinsen, Zinsen die wir selbst aber vor allem, die wir für anderen bezahlen. Ein durchschnittliches Produkt hat heute etwa 40% Zinsanteil!

  5. der artikel ist wohl satire? was für eine wohl-fühl-unterton doch im ganzen artikel(?) zu finden ist. ähnlich wie in letzter zeit vermehrt lobeslieder auf harz4 gesungen werden...

    "Das gilt insbesondere für Berufsgruppen mit Erpressungspotenzial. Der von 200 Mitarbeitern angezettelte Streik auf dem Frankfurter Flughafen vor einigen Wochen war eine Warnung."
    was nun? sollen gewerkschaften ihren job tun oder nicht? mir kommen bei gerwerkschaft nur "sehr gut gesättigte" funktionäre in den sinn, die aus dicken oberklasse autos von deutschen autoherstellern steigen, natürlich hinten!
    und am nächsten tag steht etwas von dramatischen „die ganze nacht verhandeln“ und irgend ein hochgelobter kompromiss von lächerlichen 1.x % und einer „super“ einmalzahlung…

  6. bei der Einführung des Euros? Das de die Kaufkraft Deutscher Arbeiter um 20 % senken würde war absehbar! Aber die Gewerkschfts bosse wollen ja Eurobonds und die totale Transferunion - schön solidarisch!
    Gut das wir die Gewerkschaft haben - besser wir haetten sie nicht - zumindest nicht diese Gewerkschaften!

  7. @RegineH

    Vielen Dank für Ihren Kommentar, endlich spricht es jemand mal aus. Das ist doch alles eine Farce ... und am besten sind wir wieder mal dankbar, wenn wir großartige 3,0 Prozent mehr bekommen. Immer schon dankbar sein für die kleinen Geschenke der Industrie ....

    • C4
    • 01. Mai 2012 9:31 Uhr

    ...dass nur einmal im Jahr 1. Mai ist.

    Deutscher Qualitätsjournalismus a.D. 2012: Wahrlich bemerkenswert.

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