Liebe Kollegen von den Gewerkschaften, Euch wurde unrecht getan, auch von der ZEIT. In den vergangenen zehn Jahren wurde über alles Mögliche geschrieben, aber kaum über Gewerkschaften – und nicht ein einziges Mal war der Tenor positiv. In der breiten Öffentlichkeit wurden Arbeitnehmervertreter lange Zeit als »Betonköpfe« beschimpft, als »Bremser« und »Gestrige«, die man nicht mehr brauche. Es ist höchste Zeit, dieses Bild zu korrigieren.

Die Arbeitnehmerorganisationen sind aus guten Gründen längst wieder im Aufwind. Zu den Demos am 1. Mai wird der DGB zwar auch in diesem Jahr keine großen Massen locken, dazu ist diese Tradition einfach zu angestaubt. Aber wo es wirklich zählt, in den Betrieben, da können die Gewerkschaften mobilisieren. Und wie! Gerade haben sie im öffentlichen Dienst eine ansehnliche Lohnerhöhung durchgesetzt. In den nächsten Wochen werden sie in der Metall-, Elektro- und Chemieindustrie Ähnliches erreichen. Die Arbeitnehmer und ihre Lobby sind wieder am Drücker. Und das ist eine gute Nachricht.

Auch den Betriebsräten ist es zu verdanken, dass das Land stabil ist

Die Kritik an den Gewerkschaften in der Vergangenheit war überzogen. Da wollte ja nicht nur ein Industriepräsident am liebsten alle Tarifverträge verbrennen. Selbst Arbeitnehmer glaubten, sie brauchten keine Lobby mehr. »Ich handele mein Gehalt selber aus«, dachten viele. Doch wer regelt wirklich alles selbst, Urlaubstage, Weihnachtsgeld, Arbeitszeit, Prämien? Und wie viele »frei« vereinbarte Gehälter orientieren sich doch an irgendeinem Tarif?

In der vergangenen Krise zeigte sich noch ein Vorteil kollektiver Vereinbarungen: Da musste nicht mit jedem Arbeitnehmer einzeln verhandelt werden, wie sich vielleicht Jobs retten ließen. Stattdessen griffen Arbeitszeitkonten und tarifliche Regeln für den Notfall. Neben der gesetzlichen Kurzarbeit half vor allem das, den Sturz abzufedern, wie Studien belegen. Auch Gewerkschaftern und Betriebsräten hat es Deutschland also zu verdanken, dass es so glimpflich davonkam.

Überhaupt steht die deutsche Wirtschaft gerade dort, wo die Gewerkschaften stark sind, unglaublich gut da. Autohersteller, Maschinenbauer und Chemieproduzenten strotzen nur so vor Wettbewerbsfähigkeit. In ihren Betrieben sind IG Metall und Co. besonders mächtig – und keineswegs bescheiden. Die Beschäftigten dieser Branchen mussten keine Reallohnverluste hinnehmen. Sie wurden am Erfolg beteiligt, sie schöpften den Verteilungsspielraum aus. Das zeigt: Durchsetzungsfähige Arbeitnehmer und wettbewerbsfähige Firmen sind kein Gegensatz.

Im Gegenteil, große Gewerkschaften können sogar leichter auf die wirtschaftliche Lage Rücksicht nehmen. Sie müssen sich nicht mit extremen Forderungen profilieren, wie manche Splittertruppe. Und sie wissen, welches Gewicht ihre Lohnabschlüsse haben. Wenn sie überziehen, steigen die Kosten auf so breiter Fläche, dass Jobs in Gefahr geraten. Machtvolle Gewerkschaften spüren diese Verantwortung. Das haben sie bewiesen.

Selbst Arbeitgeber wissen die Gewerkschaften wieder zu schätzen. Die reibungslose Zusammenarbeit in der Krise, die trotz wilder Rhetorik meist pragmatischen Tarifabschlüsse, die Planungssicherheit eines Tarifvertrages – all das sind Gründe dafür. Der britische Economist nannte das Tarifvertragssystem, das die hiesige Wirtschaft immer noch dominiert, kürzlich einen Standortvorteil.

Ein Sorgenkind bleibt ver.di

Natürlich können Gewerkschaften auch furchtbare Schäden anrichten, wenn sie ihre Macht missbrauchen. Das gilt insbesondere für Berufsgruppen mit Erpressungspotenzial. Der von 200 Mitarbeitern angezettelte Streik auf dem Frankfurter Flughafen vor einigen Wochen war eine Warnung. Gewerkschafter sind außerdem keine guten Lobbyisten, wenn es um die Interessen Arbeitsloser geht. Um diese kümmern sie sich wenig. Deshalb war der Vorwurf, »Bremser« zu sein, berechtigt, als es um die Arbeitsmarktreformen ging.

Doch heute sagen in Umfragen mehr als 60 Prozent der Deutschen, die Gewerkschaften seien »wichtig«. Auch bei den Mitgliederzahlen ist eine Trendwende in Sicht. Die IG Metall zählt wieder mehr Organisierte, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie die Gewerkschaft der Polizei wachsen ebenfalls. Ein Sorgenkind bleibt ver.di.

Mehr Mitglieder, mehr Tarifverträge auch in Niedriglohnbranchen, das wäre wünschenswert. Das würde manche Mindestlohndebatte obsolet machen. Gewerkschaften sind keine Heilsbringer, sie sind nicht »die Guten« (so wenig, wie Arbeitgeber »die Bösen« sind). Aber sie werden im Kräftespiel der sozialen Marktwirtschaft gebraucht. Und sie sind auf ihre Weise sogar modern – in diesen Zeiten, in denen über allerlei neue Formen direkter Beteiligung diskutiert wird, über Politik von der Basis und mehr Partizipation. Wer sich in einer Gewerkschaft organisiert, ruft nicht nach dem Staat. Er nimmt seine Interessen gemeinsam mit anderen selbst in die Hand. Das ist eine ziemlich kluge Strategie.

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