Sudanesische Ingenieure überprüfen die Beschädigung einer Ölpipeline in Heglig. © Mohamed Nureldin Abdallah/Reuters

Gerade einmal neun Monate ist es her, dass Tausende Südsudanesen auf den Straßen tanzten. Ihre Heimat war soeben unabhängig geworden vom Sudan , nach einem Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg. Die Südsudanesen hofften auf Frieden, und viele Experten bestärkten sie darin. Ihr Argument: Weder der Norden noch der Süden könnten ohne die Einnahmen aus dem Ölexport überleben. Die Quellen lägen im Süden, doch die einzige Pipeline zum Weltmarkt führe durch den Norden. So seien die beiden Länder aneinander gebunden, zum Frieden verdammt.

Aber jetzt kämpfen die Armeen der beiden Länder gegeneinander . Der UN-Sicherheitsrat warnt vor einem »Krieg in vollem Ausmaß«. Gerüchten zufolge sollen schon Hunderte Soldaten gestorben sein, seit die Kämpfe vor zwei Wochen begannen. Das Schlachtfeld: ein Ölfördergebiet an der Grenze zwischen Nord und Süd. Ausgerechnet das Öl , das den Frieden garantieren sollte, provoziert nun den Krieg. Wie konnte das passieren?

Eine endgültige Antwort lässt sich noch nicht finden. Aus dem Konfliktgebiet gibt es keine unabhängigen Berichte. Wichtige Verträge bleiben geheim, es gibt keine belastbaren Statistiken, nicht einmal zuverlässige Landkarten von dieser Region, die selbst nach afrikanischen Maßstäben unterentwickelt ist. Doch aus dem wenigen, was schon bekannt geworden ist, lässt sich ein vorläufiges Bild zusammensetzen. Es zeigt, dass die optimistischen Experten mindestens drei Probleme übersehen haben.

Der erste Irrtum: Die Optimisten nahmen stillschweigend an, dass der Preis für die Nutzung der Pipeline durch den Sudan klar sei. Doch der Friedensvertrag zwischen Nord und Süd ließ diese Frage offen. Die Verhandlungen darüber begannen erst, als der Südsudan bereits unabhängig war. Der Süden wollte nicht mehr als einen Dollar pro Barrel bezahlen, um sein Öl durch den Norden leiten zu dürfen. Der Norden forderte 36 Dollar.

Im Januar eskalierte der Streit. Weil der Norden sich um seine Einnahmen geprellt sah, verkaufte er einen Teil des Öls aus dem Süden auf eigene Rechnung. Daraufhin stoppte der Süden seine Förderung. Das eigene Öl in der Erde versickern zu lassen, zitierte der britische Guardian einen Politiker aus dem Südsudan , sei weniger schlimm, als einen Teil davon an den Norden zu verlieren. Dabei hatte das Öl bis dahin fast den gesamten Etat des Südens finanziert.

Da offenbarte sich der zweite Irrtum der Optimisten: Sie waren davon ausgegangen, dass die beiden Regierungen möglichst viel Geld einnehmen wollten, um Schulen und Straßen zu bauen. Doch wichtiger als das Wohl des Landes war der südsudanesischen Regierung wohl der Machterhalt. Mit dem Förderstopp brachte der südsudanesische Präsident Salva Kiir seine Bevölkerung hinter sich. Er hatte erfolgreich die alten Ressentiments bedient: wir im Süden gegen die im Norden. »Eine der wenigen momentan herausgebildeten nationalen Identitäten ist der Hass auf den Nordsudan«, sagt Carlo Koos vom Hamburger Institut für Afrika-Studien.

Auch der Präsident des Nordens, Omar al-Baschir , hat allen Grund, mit außenpolitischen Machtdemonstrationen von inneren Problemen abzulenken. Viele Sudanesen können sich kaum noch Fleisch und Milch leisten. Ein Krieg mit dem Südsudan könnte den Unmut verstummen lassen. So ließ al-Baschir unbestätigten Berichten zufolge seine Luftwaffe in den vergangenen Monaten immer wieder Luftangriffe auf die Grenzregion fliegen. Mitte April schlug der Süden zurück und eroberte das Ölfeld Heglig im Norden , wenige Kilometer hinter der Grenze.

Dass auch der Norden Ölquellen besitzt, hatten die Experten übersehen – ihr dritter Irrtum. Die Vorkommen im Norden sind zwar deutlich geringer als im Süden, aber trotzdem unersetzlich für den Haushalt des Sudans .

Am Freitag kündigte Südsudans Präsident Kiir an, seine Armee aus Heglig abzuziehen. Auch wenn es andernorts an der Grenze immer noch zu Scharmützeln kommt, scheint ein Krieg in vollem Ausmaß damit zunächst nicht mehr zwingend. Doch Sudan-Experten wie Harry Verhoeven von der Universität Oxford gehen ohnehin davon aus, dass der Konflikt nicht militärisch entschieden wird, sondern wirtschaftlich. Der aktuelle Stand: Im Süden fließt überhaupt kein Öl mehr, im Norden nur noch rund die Hälfte der üblichen Fördermenge. Beide Länder stehen vor dem Ruin. Den Konflikt verlieren, sagt Verhoeven, werde diejenige Seite, deren Wirtschaft zuerst kollabiert.