Das Paar hatte eine Art Schnitzeljagd veranstaltet. Eine Männer- und eine Frauengruppe brachen auf, als Wegmarkierungen dienten Fotos des Paares. Unterwegs erzählten ihnen die Gastgeber, wie sie einander kennengelernt hatten, was sie aneinander so schätzten und weshalb sie beschlossen hatten, den Rest ihres Lebens miteinander zu verbringen.

Am Ende trafen sich beide Gruppen an einem See und ließen Kerzen auf dem Wasser schwimmen. Dann hielt der Bruder der Braut eine Rede, eine Freundin sang ein französisches Liebeslied, zu dem alle im Kreis mitsangen und in die Hände klatschten. Danach waren L. und M. verheiratet. Nach alter Väter Sitte war nur der juristisch relevante Teil ihrer Eheschließung verlaufen, der auf dem Standesamt (welcher leider durch kein persönliches Ritual zu ersetzen ist). Alles andere war Improvisation.

Man erlebt das immer öfter: dass Menschen den Bund fürs Leben nicht kirchlich absegnen lassen, sondern mit einer individuellen Zeremonie begehen, die sie "Fest der Liebe" oder "Fest der Freude" nennen. Manchmal trägt sie auch einen Hindi-Namen, so wie die Feier jenes Paares, das sich vor seinen Gästen aufzählte, was es am jeweils andere so schätze – angeblich ein indisch-hinduistischer Brauch, den die beiden bei einem ihrer zahlreichen Besuche im Aschram kennengelernt hatten. Und wenn das erste Kind kommt, sind solche Paare dann heiße Kandidaten für ein "Willkommensfest" oder eine "Begrüßungsfeier" anstelle der Taufe.

Folgte man einer Einladung zur "Welcome-Party" für ein kürzlich in Köln geborenes Mädchen, fand man sich in einem Sterne-Restaurant wieder, mit sehr festlich gekleideten Gästen, die Ansprachen hielten, die vorab von den Eltern des Kindes gegengelesen worden waren. Bei einer anderen Variante eines Willkommensfestes wurde erst gemeinsam gesungen, dann erzählten Eltern und Paten, was die Ankunft des Kindes für sie bedeute und was sie sich für das Kleine erhofften. Dann wurde es im Kreis der Gäste herumgereicht, und jeder gab ihm einen lieben Wunsch mit.

Man hört von Paaren, die sich solche Zeremonien ausdenken, weil der einzige Pfarrer, den sie sich hätten vorstellen können, keine Zeit für sie gefunden hatte. Andere können einfach mit den alten Formen und Begriffen nichts mehr anfangen – und finden professionelle Hilfe im Internet. Dort gibt es zahlreiche Anbieter für "alternative Hochzeiten", womit alles Mögliche gemeint sein kann, von der "Gospelhochzeit" bis zur "Kerzenzeremonie", oft abgehalten von Theologen, die aus der Kirche ausgetreten sind ("christliche Gedanken können auf Wunsch integriert werden").

Schwer zu sagen, warum die Einladungen zu Willkommens- und Freudensfesten ausgerechnet jetzt Konjunktur haben. Vielleicht weil die Gastgeber in einem Alter sind, in dem sie zu viele Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen gesehen haben, bei denen ein unmotivierter Geistlicher lahme Sprüche herunterleierte (und noch dazu erwartete, dass man sich fortan auch aktiv in der Gemeinde betätigen solle). Vielleicht weil es eine Generation ist, die von ihren Eltern wenig Traditionen kennt, aber – vielleicht eine menschliche Grundkonstante – in Zeiten der Veränderungen trotzdem das Bedürfnis nach Übergangsriten hat. Wie ließe sich auch die Angst vor dem Bund fürs Leben besser vertreiben als mit einer extrem vorbereitungsintensiven Kerzen-, Aschram- oder Exupéry-Party?

Niemand weiß, ob dies heidnische Treiben einmal Taufen und Hochzeiten ablösen wird. Der jüngste Rite de Passage, die sich in Deutschland einigermaßen verbreitet hat, war die Jugendweihe , und die war staatlich verordnet (wird inzwischen aber völlig freiwillig an die nächste Generation weitergegeben). Das würden die Willkommensfestler nicht wollen. Sie möchten keine eigene Tradition begründen. Sie schließen auch nicht aus, dass sich ihre Kinder später einmal kirchlich taufen lassen. Was nichts daran ändert, dass die Einladungen zu ihren Festen manchen Gast unruhig machen, weil sie zeigen, dass eine Überlieferung bröckelt, die einmal gemeinschaftsstiftend war.

Dennoch wäre es falsch, diesen Festen fernzubleiben. Es ist leicht, über Menschen zu spotten, die – diese Beispiele sind belegt – Tauben fliegen lassen, sich von Bäumen abseilen, ihre Gäste ermuntern, sich in Herzform aufzustellen, um ihnen dann die Details ihrer Liebesgeschichte zu erzählen. Aber darin zeigt sich ja nicht nur eine sonderbare Freude an der Selbstdarstellung, sondern ebenso der Wunsch, Freunde und Anverwandte am eigenen Leben teilhaben zu lassen.

Wenn Braut und Bräutigam sich dann zu fernöstlichen Klängen feierlich aufeinander zubewegen, muss sich der eine oder andere Gast möglicherweise das Lachen verkneifen. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, um sich daran zu erinnern, dass ein Fest der Freude immer noch schöner ist, als wenn sich im Leben der Freunde lediglich die Steuerklasse ändert.