Alternative HochzeitEin Heidenspaß

Der schönste Tag im Leben ist für viele Paare nicht mehr die gute alte Hochzeit – sondern etwas, was sie "Fest der Freude" nennen. von Friederike Gräff

Das Paar hatte eine Art Schnitzeljagd veranstaltet. Eine Männer- und eine Frauengruppe brachen auf, als Wegmarkierungen dienten Fotos des Paares. Unterwegs erzählten ihnen die Gastgeber, wie sie einander kennengelernt hatten, was sie aneinander so schätzten und weshalb sie beschlossen hatten, den Rest ihres Lebens miteinander zu verbringen.

Am Ende trafen sich beide Gruppen an einem See und ließen Kerzen auf dem Wasser schwimmen. Dann hielt der Bruder der Braut eine Rede, eine Freundin sang ein französisches Liebeslied, zu dem alle im Kreis mitsangen und in die Hände klatschten. Danach waren L. und M. verheiratet. Nach alter Väter Sitte war nur der juristisch relevante Teil ihrer Eheschließung verlaufen, der auf dem Standesamt (welcher leider durch kein persönliches Ritual zu ersetzen ist). Alles andere war Improvisation.

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Man erlebt das immer öfter: dass Menschen den Bund fürs Leben nicht kirchlich absegnen lassen, sondern mit einer individuellen Zeremonie begehen, die sie "Fest der Liebe" oder "Fest der Freude" nennen. Manchmal trägt sie auch einen Hindi-Namen, so wie die Feier jenes Paares, das sich vor seinen Gästen aufzählte, was es am jeweils andere so schätze – angeblich ein indisch-hinduistischer Brauch, den die beiden bei einem ihrer zahlreichen Besuche im Aschram kennengelernt hatten. Und wenn das erste Kind kommt, sind solche Paare dann heiße Kandidaten für ein "Willkommensfest" oder eine "Begrüßungsfeier" anstelle der Taufe.

Folgte man einer Einladung zur "Welcome-Party" für ein kürzlich in Köln geborenes Mädchen, fand man sich in einem Sterne-Restaurant wieder, mit sehr festlich gekleideten Gästen, die Ansprachen hielten, die vorab von den Eltern des Kindes gegengelesen worden waren. Bei einer anderen Variante eines Willkommensfestes wurde erst gemeinsam gesungen, dann erzählten Eltern und Paten, was die Ankunft des Kindes für sie bedeute und was sie sich für das Kleine erhofften. Dann wurde es im Kreis der Gäste herumgereicht, und jeder gab ihm einen lieben Wunsch mit.

Man hört von Paaren, die sich solche Zeremonien ausdenken, weil der einzige Pfarrer, den sie sich hätten vorstellen können, keine Zeit für sie gefunden hatte. Andere können einfach mit den alten Formen und Begriffen nichts mehr anfangen – und finden professionelle Hilfe im Internet. Dort gibt es zahlreiche Anbieter für "alternative Hochzeiten", womit alles Mögliche gemeint sein kann, von der "Gospelhochzeit" bis zur "Kerzenzeremonie", oft abgehalten von Theologen, die aus der Kirche ausgetreten sind ("christliche Gedanken können auf Wunsch integriert werden").

Schwer zu sagen, warum die Einladungen zu Willkommens- und Freudensfesten ausgerechnet jetzt Konjunktur haben. Vielleicht weil die Gastgeber in einem Alter sind, in dem sie zu viele Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen gesehen haben, bei denen ein unmotivierter Geistlicher lahme Sprüche herunterleierte (und noch dazu erwartete, dass man sich fortan auch aktiv in der Gemeinde betätigen solle). Vielleicht weil es eine Generation ist, die von ihren Eltern wenig Traditionen kennt, aber – vielleicht eine menschliche Grundkonstante – in Zeiten der Veränderungen trotzdem das Bedürfnis nach Übergangsriten hat. Wie ließe sich auch die Angst vor dem Bund fürs Leben besser vertreiben als mit einer extrem vorbereitungsintensiven Kerzen-, Aschram- oder Exupéry-Party?

Niemand weiß, ob dies heidnische Treiben einmal Taufen und Hochzeiten ablösen wird. Der jüngste Rite de Passage, die sich in Deutschland einigermaßen verbreitet hat, war die Jugendweihe , und die war staatlich verordnet (wird inzwischen aber völlig freiwillig an die nächste Generation weitergegeben). Das würden die Willkommensfestler nicht wollen. Sie möchten keine eigene Tradition begründen. Sie schließen auch nicht aus, dass sich ihre Kinder später einmal kirchlich taufen lassen. Was nichts daran ändert, dass die Einladungen zu ihren Festen manchen Gast unruhig machen, weil sie zeigen, dass eine Überlieferung bröckelt, die einmal gemeinschaftsstiftend war.

Dennoch wäre es falsch, diesen Festen fernzubleiben. Es ist leicht, über Menschen zu spotten, die – diese Beispiele sind belegt – Tauben fliegen lassen, sich von Bäumen abseilen, ihre Gäste ermuntern, sich in Herzform aufzustellen, um ihnen dann die Details ihrer Liebesgeschichte zu erzählen. Aber darin zeigt sich ja nicht nur eine sonderbare Freude an der Selbstdarstellung, sondern ebenso der Wunsch, Freunde und Anverwandte am eigenen Leben teilhaben zu lassen.

Wenn Braut und Bräutigam sich dann zu fernöstlichen Klängen feierlich aufeinander zubewegen, muss sich der eine oder andere Gast möglicherweise das Lachen verkneifen. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, um sich daran zu erinnern, dass ein Fest der Freude immer noch schöner ist, als wenn sich im Leben der Freunde lediglich die Steuerklasse ändert.

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Leserkommentare
  1. "Dennoch wäre es falsch, diesen Festen fernzubleiben. Es ist leicht, über Menschen zu spotten, die – diese Beispiele sind belegt – Tauben fliegen lassen, sich von Bäumen abseilen, ihre Gäste ermuntern, sich in Herzform aufzustellen, um ihnen dann die Details ihrer Liebesgeschichte zu erzählen."

    Es ist auch recht leicht, über Menschen zu spotten, die - diese Beispiele sind an der Tagesordnung - in ein absurd großes, graues Gebäude gehen, um sich dort unter den Augen eines an Holzlatten Angenagelten, der natürlich nach seinem Tod plötzlich wieder gelebt hat sowie den Blicken einer schwanger gewordenen Jungfrau, von einem ulkig gekleideten Herren in einem komischen Tonfall die Treue bis in eine ganz sicher existierende paradiesische Welt nach dem Tod zu schwören.

    Wäre es dennoch falsch, diesen Festen fernzubleiben?

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    Aber sehen Sie (aus dem Artikel): »christliche Gedanken können auf Wunsch integriert werden«, gewissermaßen als Rückversicherung; wir leben ja nicht in der Servicewüste. (Ich kenne übrigens Großstadtgemeinden, in denen der vollzogene Kirchenaustritt bereits kein Hindernis mehr sein muss, jenes "absurd große Gebäude" zu nutzen. Unter Umständen reicht die Andeutung in der semantischen Form "Schade, aber Ihr Kollege sieht das etwas lockerer, wissen Sie?!" - und der Pastor bzw. die Pastorin erbarmt sich.) Der reflexhafte Atheismus/"Humanismus" braucht auf nichts zu verzichten...es könnte ja doch etwas dran sein! Schade, dass aus dem Bericht nicht hervorgeht, ob die "christlichen Gedanken" aufpreispflichtig sind. Man kann sich schon vorstellen, dass die Verbindung aus proto-christlichem Mystizismus (Eckhart geht immer) und Fernöstlichem gerade stark nachgefragt wird...aber bitte nicht spotten, okay?

    • malera
    • 06. Mai 2012 10:33 Uhr

    "Aber darin zeigt sich ja nicht nur eine sonderbare Freude an der Selbstdarstellung, sondern ebenso der Wunsch, Freunde und Anverwandte am eigenen Leben teilhaben zu lassen."

    Welch Widerspruch, Freunde am -Leben- durch (um Jahre verspäteten) -Erzählung- teilhaben zu lassen. ...

  2. wie wäre es denn mal mit dieser verrückten alterntive: überhaupt nicht heiraten, weil man weiss, dass es sowieso kein bund fürs leben ist? aber soviel kreativität kann man der familie dann doch nicht antun..

    5 Leserempfehlungen
  3. In meinem Alter hat man ja schon so manche Hochzeit als Gast erlebt und alle haben eines gemeinsam. Es ist und bleibt Ringelpietz mit Anfassen. Ob nun alternativ oder traditionell. Über 90% aller Hochzeiten, denen ich beiwohnen durfte, hätte ich mir bis auf das Essen schenken können. Es sei denn, ich hätte Spaß am Fremdschämen gehabt.

    6 Leserempfehlungen
  4. Ob kirchlich, keltisch oder auch gar nicht, solange die abendliche Party stimmt bin ich am Start.

    3 Leserempfehlungen
  5. alle Begriffe, die mit "ver" beginnen, deuten auf etwas Negatives hin. Das ist schon mal seltsam.
    Naja, ich bin auch schon seit über 30 Jahren verheiratet, wir haben es an einem Montag getan und sind danach wieder zur Arbeit gegangen. Außer den Trauzeugen hat niemand davon gewußt. Wir haben es nicht als magisches Ritual zum Zusammenbleiben gesehen, sondern als juristischen Akt.
    Ich gehe schon seit sehr vielen Jahren nicht mehr auf Hochzeiten, weil es mir zu peinlich ist, wenn das Paar dann zwar 10,000,- Euro ausgegeben hat, die Ehe aber bald stirbt.
    Interessant fände ich die Frage, wieviele Leute denn überhaupt noch heiraten oder feste Paare bilden. Es scheint jedenfalls deutlich abzunehmen. Gut so, diese Form des Zusmammenlebens hat sich abgenutzt.

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    Ritual zum Zusammenbleiben gesehen, sondern als juristischen Akt“.

    Das ist wohl das Geheimnis langer Ehen, es gibt wohl einen Zusammenhang zwischen Ehedauer und dem Aufwand der Eheschließung.

    Warum kann man nicht in der Tat die „Ehe“ als eine Abmachung über rechtliche Verbindlichkeiten verstehen.
    Statt dessen nehmen aber immer mehr Paare völlig Abstand von der Ehe, oft auch im Glauben das sei „modern“.
    Nicht akzeptieren wollen sie aber die alltäglichen praktischen und rechtlichen Nachteile und Lästigkeiten derartiger Lebensform.
    Also soll die Politik gefälligst dafür zu sorgen, sie mit gleichen Rechten auszustatten wie Ehepaaren, womit das schon komplizierte Rechtssystem noch komplizierter wird.

    Am Schluss haben sie Gleichberechtigung, und unterscheiden sich dann auch nicht mehr von Eheleuten. Sie nennen sich nur anders a la „alter Wein in neuen Schläuchen“.
    Dafür muss sich dann die Gesellschaft nicht nur mit Wortungetümen wie „eheähnliche Gemeinschaft“, sondern auch mit immer komplizierteren Gesetzen herumschlagen.

    Völlig absurd dabei, dass mit der gleichen Leidenschaft wie Paare vor der Ehe flüchten, manche Schwule und Lesben das genau gegenteilige Ziel anstreben, einen Rechtsanspruch zum Eingehen einer Ehe.

    Hier scheint in beiden Lagern nicht die Vernunft das Handeln zu bestimmen, sondern ein übertriebenes Bedürfnis nach Individualität, die zwar ein Gewinn für eine Gesellschaft ist, aber in überzogener selbstzwecklerischer Form eher schadet.

    Da haben Sie recht. aber so was von "alles": verliebt, verbunden, verspielt, vergnügt, vermögend ...

    • IllI
    • 06. Mai 2012 12:07 Uhr

    ... und ein dauerhaftes Zusmamensein mit ein und demselben Partner sollte schn getrennt werden. Das eine schließt das andere ebensowenig aus wie es dieses inkludiert.

    Hochzeiten seh ich doch generell wie #5, solange man danach mit den liebsten ordentlich feiert ist doch alles in Orndung.

    • .auch
    • 06. Mai 2012 13:13 Uhr

    Ich war bei einigen Hochzeiten dabei. Von peinlich bis wunderschön herzzerreissend war alles dabei.
    Ich will heiraten, meine Freundin aber nicht. Warum auch immer.
    Ist mir egal, ich will ein Fest feiern. Und Sie auch. Da sind wir uns einig - jetzt sind wir mal dran.
    Und ich möchte unbedingt nicht all das wiederholen, was ich schon zur Genüge miterlebt habe.
    Super Tipps habe ich bekommen, danke!

    Ob irgendjemand das als Schwachsinn beschreibt, interessiert uns dabei herzlich wenig.

    In diesem Sinne: Feste feiern, solange man sich lieb hat!

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  • Schlagworte Hochzeit | Eltern | Fest | Standesamt | Taufe | Köln
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