Springer-VerlagDas Erbe der Reizfigur

Am Mittwoch wäre er 100 geworden. Wie viel Axel Springer steckt noch in dem Verlagshaus, das seinen Namen trägt? von 

Das Bild heißt Davidstern, aber es ist eigentlich keiner, jedenfalls ist er nicht blau. Dieser sieht aus wie der Judenstern der Nazis. Es ist ein Werk Günther Ueckers, auf das Mathias Döpfner von seinem Schreibtisch aus schaut. Und jeder, der den Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG im 18. Stock des Berliner Hochhauses besucht, stößt auf das Symbol.

Ob das Kunstwerk heute auch in Döpfners Büro hinge, wenn er nicht Springer-Chef wäre? Wenn ihn seine Karriere stattdessen an die Spitze von Gruner+Jahr (stern, Brigitte) geführt hätte, wo er 1992 Assistent des Vorstandschefs war?

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Döpfner sagt Ja. Der Holocaust sei der Ausgangspunkt seiner Politisierung gewesen.

Bei Axel Springer war es ähnlich. Während des Krieges sah der Verlegersohn aus Altona, wie auf der Moorweide vor dem Hamburger Dammtorbahnhof Juden für den Abtransport zusammengetrieben wurden. Springer war erschüttert, ein Schlüsselerlebnis.

Später wurde der mit Hörzu, Bild und Hamburger Abendblatt reich gewordene Verleger ein großer Freund der Juden und Israels . 1966 reiste er das erste Mal nach Israel und bis zu seinem Tod 1985 weitere 30 Male. Springer lief mit der Bibel durchs Heilige Land, freundete sich mit Jerusalems Bürgermeister Teddy Kollek an und spendete Millionen für eine Bücherei, ein Museum, eine Klinik. Israel sei Springers "zweites Vaterland" geworden, schreibt sein Biograf Hans-Peter Schwarz . Michael Jürgs berichtet in seinem Springer-Buch, dass der Verleger erwog, den Konzern dem israelischen Staat zu schenken.

Daraus ist nichts geworden. Axel Springer ist heute eine börsennotierte Aktiengesellschaft und zugleich ein Familienunternehmen. Gut die Hälfte der Aktien sind im Besitz einer Gesellschaft, die zu 90 Prozent der Witwe Friede Springer und zu je fünf Prozent den Enkeln Ariane Springer und Axel Sven Springer gehört. Friede Springer hält persönlich noch weitere sieben Prozent, und auch Döpfner hat 1,26 Prozent, ein Paket im Wert von 25 Millionen Euro.

"Er war die ideale Hassgestalt, die Unperson einer ganzen Generation"

Am Mittwoch feiert das Verlagshaus seinen Gründer, der an diesem Tag 100 Jahre alt geworden wäre. In der Einladung firmiert Springer als "Journalist, Unternehmer und Freiheitskämpfer". Viele Zeitgenossen, vor allem aus dem linksliberalen Lager, erinnern sich seiner eher als eines Kalten Kriegers, Reaktionärs und Journalismus-Verderbers (wg. Bild -Zeitung). Springer war eine der umstrittensten Figuren im Deutschland des 20. Jahrhunderts, die Polarisierung, die sich an ihm entzündete, wirkt noch fort.

Wie viel von diesem Mann steckt heute in dem Unternehmen, das seinen Namen trägt? Schaut man auf die Besitzverhältnisse, ist es viel mehr als beim Tod des Verlegers 1985. Die Familie kontrolliert 58,5 Prozent des Verlagshauses. Axel Springer besaß zuletzt nur 26,1 Prozent, denn er hatte 24,9 Prozent an die Burda-Brüder verkauft und 49 Prozent an die Börse gebracht. Seiner Witwe und ihren Helfern gelang es nicht nur, das Burda-Paket zurückzuholen, sondern auch den Zugriff des ungeliebten Leo Kirch auf das Verlagshaus abzuwehren. "Heute steckt mehr Axel Springer in seinem Verlag als jemals seit seinem Tod", sagt Mathias Döpfner und verweist auf die Unternehmenskultur, die strategische Ausrichtung und die Werte des Gründers. Als Döpfner 1998 als Chefredakteur der Welt in den Verlag kam, erkundigte er sich nach den vom Verleger formulierten Präambeln. Die spielten keine Rolle mehr, sagte man ihm.

Leserkommentare
    • Ullli
    • 25. April 2012 11:14 Uhr

    Die angeblich wichtigste Auszeichnung für Nachwuchsjournalisten im deutschsprachigen Raum wurde und wird nicht nur an Mitarbeiter(innen) der Axel Springer AG vergeben. Das sollte positiv vermerkt werden !
    "Der Axel-Springer-Preis wendet sich an junge Journalistinnen und Journalisten, die vom Durchbruch träumen. Die sich begeistern: für die Exklusiv-Stories, die sie recherchieren; für die News, die sie aufspüren; die Sprache, die sie formen; den Stil, den sie prägen. Journalisten, die für ihre Themen brennen. Die für ihren Beruf leben."
    www.axel-springer-preis.de

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    • Meykos
    • 25. April 2012 11:39 Uhr

    Selbstverständlich nicht NUR an Mitarbeiterinnen des Verlags. Jedoch zumindest die Stoßrichtung sollte stimmen, denn: »Es ist eine Heuchelei, so zu tun, als ob es einen weltanschaulich neutralen Verlag geben könnte.« (Vorstandsvorsitzender Döpfner 2012)

    • Meykos
    • 25. April 2012 11:39 Uhr

    Selbstverständlich nicht NUR an Mitarbeiterinnen des Verlags. Jedoch zumindest die Stoßrichtung sollte stimmen, denn: »Es ist eine Heuchelei, so zu tun, als ob es einen weltanschaulich neutralen Verlag geben könnte.« (Vorstandsvorsitzender Döpfner 2012)

  1. Kann mich Böll nur anschließen: »Ich kann nicht begreifen, dass irgendein Politiker einem solchen Blatt noch ein Interview gibt. Das ist nicht mehr kryptofaschistisch, nicht mehr faschistoid, das ist nackter Faschismus. Verhetzung, Lüge, Dreck.«

    Ich werde manchmal eine Mischung aus traurig und aggressiv, wenn ich im Bus jemanden dieses widerliche Blatt lesen sehe. Ich will diese Menschen dann immer gerne so lange schütteln, bis sie wach sind und ihnen anschließend Kafka und Adorno in die Hände drücken, vielleicht noch Foucault hinterher.
    Manchmal muss ich aber auch einfach drüber lachen, weil ich mir denke, in der heutigen Zeit ist wenigstens die Dummheit der Bildleser noch eine Konstante. Der Rest hält ja inzwischen keinen Monat mehr, ob es nun Verträge mit Ewigkeitsklausel, Unveränderbarkeitspakt und gekreuzten Fingern hinterm Rücken sind oder Versprechen, nach denen alles geändert werden solle.

    Im Grunde bin ich nun aber von der ZEIT wieder ein wenig mehr enttäuscht. So kritisch wie der Artikel zu sein versucht, so apologetisch will er auch sein und den Neo-Stürmer in eine "gemäßigtes" Licht rücken.
    Judith Holofernes ist in meinen Augen nun definitiv weiser als diese Zeitung hier, gleichwohl die ZEIT mit Döpfner zu behaupten versucht, dass es sowas wie Gleichschaltung in deutschen Medien nicht gäbe und alles Sahne ist. Und dazu ZUFÄLLIG einen 4-Seiten-Artikel macht, während bald Nationaltrauertag wegen diesem Schandblatt namens Bild ist. Das wirkt sooo pluralistisch.

    Eine Leserempfehlung
  2. Neoliberales Bild mit bewussten Arbeiteranstrich und dem Hang zur neoliberalen Zieldiskriminierung nicht ins Bild passender Bevölkerungsgruppen. Stürmt die Kioske seit es die BRD gibt.

    • wAltz
    • 25. April 2012 13:20 Uhr

    Heute, am 52.4., stellt die bild auf ihrer Titelseite endlich die Frage, die eigentlich nur noch sie ernsthaft umtreibt - "sind wir eigentlich bescheuert?".

    Was Israel betrifft, so gebe ich Springer, durch seine machtvolle Tabuisierung jeder Kritik und gleichzeitiger wahlloser Unterstützung und erzwungener Solidarität, Mitschuld an der Sackgasse, in die sich dieses Land manövriert hat.
    Letztlich wird es selbstgerecht in einer Einstaatenlösung marginalisiert, wenn nicht untergehen.
    Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.
    Allerdings glaube ich, kümmert dies Figuren wie Döpfner, oder Springer, oder Diekmann, wenig. Die instrumentalisieren die Werte Anderer für ihren Aufstieg, koste es was es wolle. Springer hat ein Produkt geschaffen, das er verkaufen wollte. Es könnte genausogut Pornografie sein. Letztlich interessieren die die Folgen in etwa so sehr, wie Mcdonald die Folgen seiner Chemieburger für die Herzkranzgefäße seiner Kunden.

  3. ... wenn meine Wahrnehmung der BILD und "Welt" mit dem übereinstimmte, was dieser Artikel beschreibt. Tut sie aber nicht. Ich erinnere mich aber gut, wie Kanzler Schröder in der BILD wenige Tage vor der Bundestagswahl 2005 unter der türkischen Flagge abgebildet wurde - die Message war deutlich genug.

    Und was die "Welt" zu internationalen Ereignissen und Trends (und Deutschlands gewünschter Rolle darin) schreibt, erinnert mich von Libyen bis Syrien eher an den Wilhelminismus als an die Bundesrepublik - wenn auch nicht mehr vornehmlich mit den Mittelmächten als Verbündeten. Insofern geht man mit der Zeit...

  4. Vetternwirtschaft bei BILD und Bundesregierung?

    Eine familiäre Verbindung des Verteidigungsministers zum stv. “Chef vom Dienst” der Bild-Zeitung erschien ... unglaubhaft, weil zu Guttenberg damit seine angebliche Absicht, die Nachwuchsprobleme der Bundeswehr über ausschließlich in BILD, BamS und auf Bild.de zu schaltende Anzeigenkampagnen anzugehen, dem Verdacht einer Interessenkollision ausgesetzt haben würde.

    http://reg4tel.net/2011/0...

  5. Ich lese die BILD in unregelmäßigen Abständen, besonders wenn es um Sport geht.
    Trotz dieser Tatsache mache ich mein Kreuz nicht bei CDU und FDP.
    Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass die BILD aktiv Werbung für diese Parteien macht.
    An Schlagzeilen wie in der SUN, "If Kinnock wins today will the last person to leave Britain please turn out the lights", zur Unterstützung von John Major im Jahr 1992 kann ich mich nicht erinnern.

    Ok, ab und an wird mal eine Person wie Guttenberg gefördert, aber auch wieder fallengelassen, wenn es denn sein muss.
    Welche Rolle zu diesem Thema hat den Herr Lorenzo eingenommen? Ich erkenne da keinen Unterschied zur BILD.
    Die BILD hat den Vorteil, dass sie die meistzitierte Zeitung in Deutschland ist.
    Da lese ich lieber gleich die BILD, als das ich ein paar Stunden warte, bis der Artikel in umgeschriebener Form in der ZEIT erscheint.

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