Springer-Verlag : Das Erbe der Reizfigur
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Folgen dieser Dämonisierung Springers sind bis heute spürbar

Die Macht der Bild -Zeitung ist kleiner als zu Springers Lebzeiten, und das liegt nicht nur daran, dass die Auflage nicht mehr fünf Millionen ist, sondern 2,7 Millionen. Peter Boenisch, Bild -Chef von 1961 bis 1971, war derjenige, der die Masse der Leser erstmals in eine politische Macht ummünzte, in dem er sie politisch lenkte und einsetzte. Springer und sein Konzern wurden zu Gegnern der neuen Linken und der Entspannungspolitik Willy Brandts .

An diese Zeiten fühlte sich ein Ex-Springer-Mann jüngst erinnert. Michael Spreng, bis 2000 Chefredakteur der Bild am Sonntag, schreibt in seinem Blog : "In einer seit dem Kampf des Springer-Verlages gegen die Ostverträge beispiellosen Kampagne machte Bild Front gegen Bundesregierung und Parlament und versuchte, die Leser gegen die Griechen in einer Form aufzuwiegeln, die an Volksverhetzung grenzte."

Stimmt der Vorwurf? Ging es "gegen die Griechen"? Oder doch eher gegen eine Politik, dem Land bedingungslos mit deutschem Steuergeld beizuspringen, wie es in den Verträgen zur Europäischen Währungsunion nicht vorgesehen war?

Weil Bild ständig von den "Pleite-Griechen" schrieb, habe das Blatt alle Bürger Griechenlands verächtlich gemacht, kritisierte der Medienjournalist Stefan Niggemeier , Gründer des Bildblogs. "Es ist eine Form von Volksverhetzung." Strafrechtlich ist es das nicht, denn dazu hätte Bild die Menschenwürde der Griechen angreifen müssen, was nicht geschah.

Unter Bild -Kritikern hat die Maßlosigkeit Tradition. 1972 ereiferte sich Heinrich Böll im Spiegel über einen Artikel des Boulevardblatts: "Die Überschrift Baader-Meinhof-Gruppe mordet weiter ist eine Aufforderung zur Lynchjustiz." Der Anlass: Böll hatte – im selben Bild -Artikel – gelesen, dass sich die Polizei noch nicht sicher war, ob die Terroristen hinter einem Bankraub steckten. Böll: "Ich kann nicht begreifen, dass irgendein Politiker einem solchen Blatt noch ein Interview gibt. Das ist nicht mehr kryptofaschistisch, nicht mehr faschistoid, das ist nackter Faschismus. Verhetzung, Lüge, Dreck."

Ein deutsches Feindbild hat Tilman Jens sein gerade erschienenes Buch über Axel Cäsar Springer untertitelt. Darin zeichnet er die Kontroverse um den Zeitungskonzern und seinen Gründer vorurteilsfrei nach. "Er war die ideale Hassgestalt", resümiert Jens, "die Unperson einer ganzen Generation."

Die Folgen dieser Dämonisierung Springers sind bis heute spürbar. "Das ist für mich nach wie vor noch ein Phänomen, das mich an guten Tagen amüsiert und an schlechten Tagen deprimiert", sagt Döpfner. Er glaubt, dass die alte Wahrnehmung den Konzern beeinträchtige. 2006 verbot das Kartellamt Springer, die Fernsehgruppe ProSiebenSat.1 zu übernehmen – zu Recht, wie der Bundesgerichtshof 2010 entschied. Doch das zuvor erstellte medienrechtliche Negativvotum durch die Kommission für die Ermittlung der Konzentration im Medienbereich und die bayerische Landesmedienanstalt war rechtswidrig, wie der Bayerische Verwaltungsgerichtshof urteilte.

Döpfner ist immer noch empört, wenn er an die verpasste Chance denkt. " Bertelsmann war zum Zeitpunkt der versuchten Übernahme von ProsiebenSat.1 mit seiner kleinsten Geschäftseinheit in Deutschland größer als Springer weltweit", sagt er und meint damit Gruner+Jahr. "Die durften RTL übernehmen, aber wir nicht ProsiebenSat1. Das ist an Ungerechtigkeit schwer zu überbieten."

Tatsächlich ist der Medienriese aus Gütersloh über die Jahrzehnte sehr viel stärker gewachsen. Im Todesjahr des Verlegers war Bertelsmann bereits dreimal so groß wie Springer. Heute stehen dem Springer-Umsatz von 3,2 Milliarden Euro 15,3 Milliarden Euro bei Bertelsmann gegenüber, von denen aber 5,4 Milliarden auf die Drucker und Dienstleister von Arvato entfallen. Im Gegensatz zu Springer war Bertelsmann aber nie eine verlegergesteuerte politische Meinungsmacht.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

der Axel-Springer-Preis für Nachwuchsjournalisten ist lobenswert

Die angeblich wichtigste Auszeichnung für Nachwuchsjournalisten im deutschsprachigen Raum wurde und wird nicht nur an Mitarbeiter(innen) der Axel Springer AG vergeben. Das sollte positiv vermerkt werden !
"Der Axel-Springer-Preis wendet sich an junge Journalistinnen und Journalisten, die vom Durchbruch träumen. Die sich begeistern: für die Exklusiv-Stories, die sie recherchieren; für die News, die sie aufspüren; die Sprache, die sie formen; den Stil, den sie prägen. Journalisten, die für ihre Themen brennen. Die für ihren Beruf leben."
www.axel-springer-preis.de

Herzkranzgefäße

Heute, am 52.4., stellt die bild auf ihrer Titelseite endlich die Frage, die eigentlich nur noch sie ernsthaft umtreibt - "sind wir eigentlich bescheuert?".

Was Israel betrifft, so gebe ich Springer, durch seine machtvolle Tabuisierung jeder Kritik und gleichzeitiger wahlloser Unterstützung und erzwungener Solidarität, Mitschuld an der Sackgasse, in die sich dieses Land manövriert hat.
Letztlich wird es selbstgerecht in einer Einstaatenlösung marginalisiert, wenn nicht untergehen.
Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.
Allerdings glaube ich, kümmert dies Figuren wie Döpfner, oder Springer, oder Diekmann, wenig. Die instrumentalisieren die Werte Anderer für ihren Aufstieg, koste es was es wolle. Springer hat ein Produkt geschaffen, das er verkaufen wollte. Es könnte genausogut Pornografie sein. Letztlich interessieren die die Folgen in etwa so sehr, wie Mcdonald die Folgen seiner Chemieburger für die Herzkranzgefäße seiner Kunden.