Döpfners Versuch, seinem Unternehmen im Postgeschäft ein weiteres Standbein zu geben, scheiterte 2007, als die Große Koalition einen Mindestlohn für die Branche einführte. "Wir haben bei Pin nicht das Geschäft falsch eingeschätzt, sondern wir haben die politischen Mechanismen im Hintergrund falsch eingeschätzt", sagt er dazu heute. "Wir haben daraus gelernt: Schuster, bleib bei deinen Leisten."

Mehr als 30 Prozent seines Umsatzes macht Springer inzwischen im Internet. Mit seiner Digitalisierungsstrategie liegt der Konzern vor den Konkurrenten. Bild.de ist das meistgelesene journalistische Angebot in Deutschland, allerdings ist der Abstand zu Spiegel Online nicht sonderlich groß, was auch daran liegt, dass die Hamburger den Berlinern bei Boulevardthemen scharfe Konkurrenz machen.

"Wenn Springer ein Problem hat, dann, dass das Unternehmen zu klein ist"

Die Bild- Zeitung ist kein Leitmedium, aber ein Bezugspunkt, auch deshalb, weil sie in einigen anderen Redaktionen als Ausdruck von Volkes Stimme genommen wird. Die Macht des Blattes wird wohl überschätzt. Bild konnte weder Karl-Theodor zu Guttenberg im Amt halten noch die deutsche Beteiligung an der Finanzierung des griechischen Staatshaushalts verhindern. Das Verlagshaus hat nicht einmal die alte Rechtschreibung retten können, obwohl es sich dazu 2004 mit dem Spiegel verbündete.

Zum Sturz des Bundespräsidenten Wulff trug die Bild -Zeitung hingegen entscheidend bei. Das Blatt berichtete als Erstes über Wulffs privaten Kredit und über Merkwürdigkeiten mit einer von dem Filmproduzenten David Groenewold übernommenen Sylter Hotelrechnung. Überdies kostete es Wulff viel Ansehen, dass seine Anrufe bei Bild -Chefredakteur Kai Diekmann und Döpfner bekannt gemacht wurden.

"Ich bin ganz froh, dass die Sache gezeigt hat, dass man es bei Springers gar nicht versuchen muss", sagt Döpfner. Er mische sich niemals ein. "Es gibt das absolut eherne Prinzip der Chefredakteursfreiheit. Die Chefredakteure entscheiden, was erscheint und was nicht." Er selbst reagiere allenfalls im Nachhinein auf handwerkliche Fehler und schlechte Recherche.

Zu Zeiten des Gründers gab es im Verlagshaus einen "gewissen Zwang zu politischem Gleichklang", wie Schwarz beschreibt. Laut Döpfner ist das vorbei. "Es gibt Fälle, wo alle Blätter ins selbe Horn stoßen. Mir ist das dann sogar peinlich", sagt er. "Es ist niemals gewünscht, und es ist niemals koordiniert." Und die Lage ist ohnehin eine andere als zu Springers Lebzeiten. "Was ist denn heute noch objektiv mit der Medienmacht? Das ist doch ein Witz in einer Zeit, in der manche Internetgiganten mehr Quartalsgewinn ausweisen als wir Jahresumsatz. Und gucken Sie mal nach, was heute ein Zeitungsartikel auslöst etwa im Vergleich zur viralen Mobilisierung im Internet. Wenn Springer ein Problem hat, dann vielleicht, dass das Unternehmen zu klein ist."