Drei Mal die Woche packt der elf Jahre alte Junge, nennen wir ihn Jorgos, seine Schulsachen und läuft in die Königin-Amalia-Straße im griechischen Kalamata. Montags, donnerstags und freitags, immer nachmittags. Dort, in der ruhigen Seitenstraße, liegt eines der drei Sozialzentren der griechischen SOS-Kinderdörfer. Und dort wartet Georgios Koutrafouris, Jorgos’ Nachhilfelehrer.

Nicht dass Jorgos wirklich schlecht wäre in der Schule, aber schlecht sind sie alle nicht, die griechischen Schulkinder, die am Nachmittag private Stunden nehmen. Nur, ohne die Privatstunden, so erzählen die Griechen, würden die Kinder das Abitur nicht schaffen. Die Privatstunden sind ein einträglicher Wirtschaftszweig. Arbeitslose Lehrer finden hier ihr Auskommen, die Lehrer staatlicher Schulen bessern damit ihr mageres Gehalt auf: Einst um die 1300 Euro im Monat, jetzt nur noch 800 Euro. Es gibt private Nachhilfeschulen, in denen der Stoff kleinen Gruppen von Schülern vermittelt wird, es gibt Lehrer, die zu dem einzelnen Schüler nach Hause kommen.

Doch die Privatstunden können sich viele nicht mehr leisten. Die Wirtschaftskrise hat sich längst in den Alltag eines jeden Griechen geschlichen. Seit Beginn der Krise vor drei Jahren haben Tausende Griechen ihre Jobs verloren oder bekommen ihre Gehälter nur noch sporadisch oder gar nicht mehr gezahlt. Löhne wurden gekürzt, unzählige kleine Geschäfte und Familienbetriebe haben dichtgemacht. Da bleibt oft nichts mehr übrig für Essen und Kleidung – und für Privatstunden schon gar nicht.

Die Lehrer an staatlichen Schulen werden miserabel bezahlt

Zur Wirtschaftskrise kam in Jorgos’ Familie die persönliche Not: Sein Vater starb vor anderthalb Jahren an Leukämie, seine Mutter, einst Angestellte in einer Reinigungsfirma, findet in diesen Zeiten keinen Job. Die eigene Wohnung, drei Zimmer, 300 Euro plus Nebenkosten, konnte sich die Familie nicht mehr leisten. Jorgos zog mit Mutter und Schwester zu seinen Großeltern. Drei Zimmer, 85 Quadratmeter. Ein Schlafzimmer bewohnt der Onkel, in dem anderen leben die Großeltern. Jorgos, seine Mutter Maria und die kleine Schwester schlafen im Wohnzimmer. Zwei Betten haben sie in einer Ecke zusammengeschoben, das muss reichen für alle drei. Am Esstisch macht Jorgos seine Hausaufgaben. Wenn er Aufgaben am Computer lösen muss, borgt er sich den Laptop des Onkels.

Jorgos’ Lehrerin kannte die Situation der Familie und erzählte seiner Mutter von den Sozialzentren der SOS–Kinderdörfer. Diese Sozialzentren in Athen, Kalamata und Alexandroupoli sind derzeit beliebte Anlaufstellen. Tendenz steigend. 850 Familien werden momentan unterstützt: Sie bekommen Lebensmittel, Kleidung, wenn nötig psychologische Beratung – und die Kinder Hausaufgabenhilfe. Unterrichtet werden sie von Lehrern, die ehrenamtlich diese Stunden geben.

Nur so funktioniert das, denn auch den Hilfsorganisationen geht langsam das Geld aus. Die Spenden sind vergangenes Jahr um 15 Prozent zurückgegangen – weil die Leute weniger haben und weil Geldspenden nicht mehr von der Steuer abgesetzt werden können. Die SOS-Mitarbeiter hatten ihre Gehälter ein, zwei Mal verspätet auf dem Konto, trotzdem haben sie weitergemacht. Auch das ist ein Symptom der Krise: Die Griechen rücken zusammen, helfen, wo sie können, und wer keine Kleider oder Lebensmittel spenden kann, bietet wenigstens seine Hilfe an.