SchulprojektEr freut sich mit ihr

Senioren helfen Schülern bei Hausaufgaben, Vorstellungsgesprächen und den ganz alltäglichen Problemen. Beide Seiten lernen dabei. von Julia Schwarz

Soll eine 17-Jährige die Haare zum Vorstellungsgespräch offen oder doch besser als Pferdeschwanz tragen? Darf man ihr ein Bauchnabelpiercing ausreden? Fragen, mit denen sich Albert Hausinger in seinem Berufsleben nie beschäftigen musste. Jahrelang war er Assistent beim Finanzvorstand der Deutschen Bahn. 80 Stunden Arbeit jede Woche, manchmal auch mehr. Konferenzen, Dienstreisen, unzählige Besprechungen mit Managern und Vorstandsmitgliedern – und jetzt geht es plötzlich um Frisur und Schmuck.

Aber das bringt die neue Aufgabe des 70-Jährigen eben so mit sich: Hausinger engagiert sich als Mentor in einem Schulprojekt, bei dem er Schüler nicht nur in schulischen, sondern auch in Alltagsfragen beraten soll. Fatana Ali wurde in Kabul geboren, ihre Eltern sind muslimisch. Als jüngstes von fünf Kindern kam sie mit ihrer Familie vor zwölf Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. Ihre Mutter verbietet ihr das Piercing. Fatana will es trotzdem. Hausinger schwankt.

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Der Verein für Internationale Jugendarbeit Frankfurt am Main hat das Projekt mit dem Namen Justament im Jahr 2008 gegründet. Justament kommt aus dem Lateinischen und bedeutet »Jetzt erst recht«. Haupt- und Realschüler werden in den letzten zwei Schuljahren von sogenannten Seniorpartnern unterstützt und begleitet. Albert Hausinger ist von Anfang an dabei gewesen. Seine Tochter legte ihm damals einen Artikel aus der Lokalpresse auf den Küchentisch, es würden Mentoren gesucht, hieß es da.

Aber kann jemand, der sein ganzes Berufsleben lang nur mit Managern zusammengearbeitet hat, auch mit Haupt- und Realschülern umgehen? »Am Anfang war ich mir da nicht so sicher«, gibt Hausinger zu. »Aber ich wollte einfach wissen, ob diese Idee funktioniert. Schließlich trennen die Schüler und mich fast 60 Jahre.«

Nach dem Tod seiner Frau vor zwölf Jahren ist Hausinger zum Weltenbummler geworden. Argentinien, Chile und Brasilien, den Iran und Syrien hat er schon bereist. Ein fremdes Land kennenzulernen fasziniert ihn. Eines seiner Lieblingsfotos zeigt ihn im Jemen mit einem Falken auf der Schulter. »Ich schaue mit einer ganz anderen Sicht auf viele Dinge als die Jugendlichen, gerade auch durch meine Reisen.«

Hausinger sieht den Altersunterschied als Herausforderung an. Natürlich macht er die Zusammenarbeit nicht gerade einfacher. Für ihn war klar: »Es müssen bestimmte Regeln eingehalten werden.« Kommt ein Jugendlicher zu spät, wartet er nicht länger als zwei Minuten. »Manche lernen es sonst nie, pünktlich zu sein.«

Das Besondere an Justament: Das Projekt ist in den Schulunterricht integriert – und somit Pflicht für alle Schüler. »Auf diese Weise erreichen wir gerade auch diejenigen Jugendlichen, die Unterstützung zwar dringend benötigen, die freiwillig aber nicht an unserem Projekt teilnehmen würden«, sagt Sabine Schlue, Geschäftsführerin des Vereins. Alle 14 Tage besuchen die Seniorpartner die Schüler im Fach Arbeitslehre, in dem das Projekt angesiedelt ist. Hausinger und die anderen 47 Ehrenamtlichen beraten jeweils drei bis fünf Schüler zu Berufswahl und Bewerbung. In den Gruppen sprechen sie aber auch über Probleme mit Eltern oder Freunden. Mittlerweile betreuen die Mentoren mehr als 220 Schüler an drei verschiedenen Schulen im Großraum Frankfurt.

»Am Anfang habe ich nicht geglaubt, dass mir ein Seniorpartner wirklich helfen könnte«, sagt Fatana. Sie trägt enge Jeans, in ihren dunklen Haaren schimmern ein paar rote Strähnen. »Ich habe das Projekt als willkommene Abwechslung zum Unterricht gesehen, mehr nicht.« Als Hausinger zu ihrem Mentor wurde, ging sie in die achte Klasse. Das Mädchen hatte selten Lust auf Schule. Manchmal sei sie zum Unterricht gar nicht erst erschienen. »Ich habe vieles nicht kapiert und schlechte Noten gehabt.« Zu Hause konnte Fatana mit niemandem lernen. Ihr Vater spricht kein Deutsch, ihre Mutter versteht es nur bruchstückhaft.

Leserkommentare
  1. Toll das es sowas gibt unf Danke fuer den Artikel, go on

  2. solche initiativen sollten sich ausbreiten und wenn möglich staatlich unterstüzt werden. ich habe einen ähnlichen beruf als arbeitsassistentin gehabt. für sonderschüler oder ohne schulabschluss. viele jugendliche ist mit so einer lebensnahen hilfe bei dem schritt ins berufsleben sehr geholfen. die schule oder die arbeitsämter sind dafür nicht geschaffen und stoßen schnell an ihre kapazitäten. weiter so!
    außerdem können so pensionisten und andere freiwillige noch sinnvoll am leben teilnehmen. beide seiten profitieren davon.

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    So nett dieser Altruismus auch ist, aber glauben Sie nicht, dass es nicht bessere Möglichkeiten für Pensionisten und andere Freiwillige gäbe, noch sinnvoll am Leben teilzunehmen.

    Sinn definiert jeder für sich. Er muss nicht sozialer Art sein. Ich bin auch bald in dem Alter, will aber lieber jetzt mein Mathematikstudium wiederaufnehmen, was ich vor über 30 Jahren abgebrochen habe. Wer Zeit und Möglichkeiten hat, wird sich nicht langweilen.

  3. klingt nach einem wirklich tollen Projekt und ich hoffe einefach mal, dass es sich bei dem Beispiel nicht nur um die eine positive Ausnahme handelt sonder das Projekt generell gut von den Schülern angenommen wird und diese darin auch die Chance sehen.

  4. ein ähnliches tolles projekt ist big brothers big siststers, welches ich hiermit empfehlen möchte: http://www.bbbsd.org/ mittlerweile gibt's "filialen" in allen größeren deutschen städten und es werden immer mentoren gesucht.

  5. So nett dieser Altruismus auch ist, aber glauben Sie nicht, dass es nicht bessere Möglichkeiten für Pensionisten und andere Freiwillige gäbe, noch sinnvoll am Leben teilzunehmen.

    Sinn definiert jeder für sich. Er muss nicht sozialer Art sein. Ich bin auch bald in dem Alter, will aber lieber jetzt mein Mathematikstudium wiederaufnehmen, was ich vor über 30 Jahren abgebrochen habe. Wer Zeit und Möglichkeiten hat, wird sich nicht langweilen.

    Antwort auf "guter artikel, danke!"
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    • F.K.
    • 30. April 2012 23:24 Uhr

    "So nett die Wiederaufnahme eines vor 30 Jahren abgebrochenen Mathematik-Studiums auch ist, aber glauben Sie nicht, dass es nicht bessere Möglichkeiten für Pensionisten und andere Freiwillige gäbe, noch sinnvoll am Leben teilzunehmen."

    Wenn "Sinn" jeder für sich selbst definiert, wieso meinen Sie dann, eine Wertung vornehmen zu können, was die besseren und nicht so guten Möglichkeiten sind?

    Hallo mockingbird,
    .
    Es ist ja eine gute Idee, dass Sie Ihr abgebrochenes Mathestudium wieder aufnehmen wollen. Dafür müssen Sie aber nicht diese ehrenamtlichen Tätigkeiten geringschätzen.
    .
    Und ob man mit Hauptschülern umgehen kann, das fragt man sich wohl, angesichts der ganzen Horrornachrichten über Rütli- und andere Schulen. Ich glaube aber nicht, dass das ein Problem ist, denn in der Rolle als Ehrenamtlicher hat man ja nicht den Rollenkonflikt der Lehrer, deren Aufgabe es noch immer ist, zu fördern und zu beurteilen (was nicht immer miteinander zu vereinbaren ist). Die Schüler werden schnell feststellen, dass ihr Mentor ganz auf ihrer Seite ist und ihn nicht wie einen Lehrer behandeln.

  6. Es gab doch schon den Vorschlag v. R.D. Precht eines sozialen "Pflichtjahres" für Senioren also nur ca 15-20 Std / Woche und dann so etwas wie im Artikel oder Ersatzopa spielen. Gilt natürlich nur bei sozialer und Gesundheitlicher Eignung.
    Der Sinn des "Ruhestandes" kann ja nicht sein, das Geld für Reisen zu verjubeln, ein Schlag ins Gesicht der aktuellen Generation die KEINE Rente mehr kriegen wird, ESM Diktatur und Co sei dank.

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    "Der Sinn des "Ruhestandes" kann ja nicht sein, das Geld für Reisen zu verjubeln"

    Natürlich kann das der Sinn des Ruhestandes sein. Wer keine Erben hat, tut sicher gut daran, das Geld zu "verjubeln". Man muss auch mal sozial sein und an Beschäftigte bei der Lufthansa denken.

    Ein Pflichtjahr ist nichts anderes als eine Verkürzung des Ruhestandes. Das haben wir schon durch die Verschiebung des Rentenalters erlebt, und das reicht. Durch die Zuwanderung wird es keinen Engpass bei Renteneinzahlern geben.

    der iss wirklich okay...

    Ich hab mir mal seinen "Werdegang" zu Gemüte geführt - seither denke ich, dass Politiker mehr so wie er sein sollten...

    Liebe Grüße

    ...bereits ihre Lebensleistung vollbracht haben und den Rest nach eigenen interesse gestalten wollen? Warum kein Pflichtjahr für die zu Hhunderttausenden ziel- und arbeitslos dahin lebenden 18 bis 25- Jährigen?
    Warum bietet man interessierten Senioren nicht einfach einen guten Lohn für die soziale Betreuung?
    Angesichts der z.T. niedrigen Renten dürfte es genügend Bewerber geben.
    Will man nur billige Löcherstopfer, die das Versagen des Staates ausbügeln sollen?

  7. "Der Sinn des "Ruhestandes" kann ja nicht sein, das Geld für Reisen zu verjubeln"

    Natürlich kann das der Sinn des Ruhestandes sein. Wer keine Erben hat, tut sicher gut daran, das Geld zu "verjubeln". Man muss auch mal sozial sein und an Beschäftigte bei der Lufthansa denken.

    Ein Pflichtjahr ist nichts anderes als eine Verkürzung des Ruhestandes. Das haben wir schon durch die Verschiebung des Rentenalters erlebt, und das reicht. Durch die Zuwanderung wird es keinen Engpass bei Renteneinzahlern geben.

    • F.K.
    • 30. April 2012 23:24 Uhr

    "So nett die Wiederaufnahme eines vor 30 Jahren abgebrochenen Mathematik-Studiums auch ist, aber glauben Sie nicht, dass es nicht bessere Möglichkeiten für Pensionisten und andere Freiwillige gäbe, noch sinnvoll am Leben teilzunehmen."

    Wenn "Sinn" jeder für sich selbst definiert, wieso meinen Sie dann, eine Wertung vornehmen zu können, was die besseren und nicht so guten Möglichkeiten sind?

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    "Wenn "Sinn" jeder für sich selbst definiert, wieso meinen Sie dann, eine Wertung vornehmen zu können, was die besseren und nicht so guten Möglichkeiten sind?"

    Besser heisst im Sinne dessen, der die Qualität des Sinns definiert. Ich nehme nur eine Wertung für mich vor. Trotzdem kann man sagen, dass es bessere Möglichkeiten gibt, nämlich für solche wie mich. Gut und schlecht sind individuell verschieden und Sie haben geschrieben "außerdem können so pensionisten und andere freiwillige noch sinnvoll am leben teilnehmen. beide seiten profitieren davon.". Das suggeriert, anders ginge es nicht.

    Jeder soll nach seiner Façon selig werden, und ich bin eben vom lebenslangen Lernen begeistert.

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