SBB-Chef Meyer: "Wir fahren keinen Schmusekurs"
SBB-Chef Andreas Meyer über sein Verhältnis zu Politikern und Kunden – und wie er mit der harschen Kritik an seiner Person umgeht.
© Michael Buholzer / Reuters

Andreas Meyer
DIE ZEIT: Herr Meyer, wie viel haben Sie eigentlich bei den SBB zu sagen?
Andreas Meyer: (lacht) Ich bin gegenüber dem Verwaltungsrat für die operative Leitung verantwortlich. Insofern bin ich an einer wichtigen Stelle. Aber wie jeder bei den SBB habe ich nicht das alleinige Sagen.
ZEIT: Ihr Unternehmen gehört zu 100 Prozent der Eidgenossenschaft, Ihr Verwaltungsratspräsident Ulrich Gygi hält Sie an der kurzen Leine. Sind Sie nun ein Manager oder ein Verwalter?
Meyer: Wenn ich nicht den Auftrag und den Handlungsspielraum hätte, die SBB nach unternehmerischen Kriterien zu leiten, dann würden wir dieses Interview nicht führen. Was andere über meine Zusammenarbeit mit dem Verwaltungsratspräsidenten schreiben, interessiert mich weniger als das, was wir über unsere Zusammenarbeit sagen, wenn wir gefragt werden. Und wir arbeiten sehr gut zusammen, eine sachliche, konstruktive Auseinandersetzung bringt uns alle weiter.
ZEIT: Nun mischt sich nicht nur der Verwaltungsrat in Ihre Arbeit ein. Auch die Politik tut das – oder der Preisüberwacher. Diesen versuchten Sie kürzlich ruhigzustellen.
1961 in Basel geboren, wächst Andreas Meyer in einer »Bähnlerfamilie« auf. Der Rechtsanwalt studiert Jus an den Unis Basel und Freiburg und erwirbt einen MBA der Kaderschule Insead in Fontainebleau bei Paris. Als junger Manager entlässt er 3000 Angestellte beim ostdeutschen Anlagenbauer Babcock Borsig. Damals schwört er sich: Nie wieder soll ihm das passieren. 1997 wechselt Meyer zur Deutschen Bahn, wird Chef einer Tochtergesellschaft der DB und 2005 Mitglied der Geschäftsleitung. Seit dem 1. Januar 2007 ist Andreas Meyer CEO der Schweizerischen Bundesbahnen.
Meyer: Nein, das stimmt so nicht. Der Preisüberwacher hat noch nicht realisiert, dass wir jeden Franken, den wir nicht einnehmen, auch nicht wieder ausgeben können. Die SBB bezahlt zwar niemandem eine Dividende, kein Gewinn wird vom Eigentümer abgeschöpft. Aber vor uns stehen gewaltige Herausforderungen bei der Finanzierung des Rollmaterials und des Unterhalts der Eisenbahninfrastruktur. Und innerhalb von zwei Jahren muss der Personenverkehr für die Benützung der Eisenbahntrassen 250 Millionen Franken pro Jahr mehr bezahlen.
ZEIT: Trotzdem. Ihren Angestellten predigen Sie, der Kunde sei König. Selber wollen Sie aber die Macht des Preisüberwachers beschneiden. Obschon er eigentlich der Fürsprecher Ihrer Kunden ist.
Meyer: Der Preisüberwacher hat eine ganz einseitige Preisperspektive, er kümmert sich nicht um das Wohl des Unternehmens, ihm ist auch egal, ob das Unternehmen eine tragbare Verschuldung hat oder nicht. Wir hätten es sehr begrüßt, wenn die Ziele, die wir vom Bund bekommen, auch vom Preisüberwacher berücksichtigt würden – er ist ja auch ein Vertreter des Bundes. Das Parlament sah das leider anders. Dafür haben wir nun die gesetzlich verankerte Möglichkeit, die Billettpreise differenzieren zu können.
ZEIT: Das heißt, die Preise steigen weiter.
Meyer: Nein, das sage ich nicht! Wir sagen: Das Angebot wird laufend ausgebaut. Und ein gutes Angebot darf einen fairen Preis haben – das sagen mir auch Bundesräte. Wir eröffnen bald Großbauwerke wie den Gotthardbasistunnel, die Durchmesserlinie in Zürich oder CEVA, die Verbindung von Genf in die Agglomeration. Wir haben neue Doppelstockzüge für den Regional- und bald auch für den Fernverkehr im Einsatz. Es gab eine Generation von SBB-Managern, die Ausbauten bestellen konnte. Und es gibt eine Generation – und dazu gehören ich und meine Kollegen –, die dafür sorgen muss, dass die Kosten dieser Investitionen gedeckt werden.
ZEIT: Die Schmerzgrenze bei den Preisen ist also noch nicht erreicht?
Meyer: Ich rede nicht von Schmerzgrenzen. Das ist die völlig falsche Tonalität. Es geht doch überhaupt nicht darum, irgendjemandem Schmerzen zuzufügen. Doch wenn wir nicht mehr Geld bekommen, entweder von der öffentlichen Hand oder von den Kunden, und wenn wir nicht gleichzeitig unsere eigene Produktivität steigern, dann können wir die Bahn nicht weiterentwickeln. Weil schlicht und ergreifend das Geld fehlt. Wir müssen in Anbetracht der langen Planungshorizonte bei der Eisenbahn rechtzeitig entsprechende Vorkehrungen treffen
ZEIT: Das ist doch Ihr Hauptproblem. Die SBB müssen Gewinn erwirtschaften und gleichzeitig der Allgemeinheit dienen. Ist diese Konstellation noch zeitgemäß?
Meyer: Absolut, sie wird immer zeitgemäßer. Das ist das Schöne an den SBB, dass man nicht allein profitorientiert für einen Shareholder arbeitet. Sondern dass man in vielen Bereichen auch dem Gemeinwohl verpflichtet ist, also gute Leistungen für die Kunden, das Land und seine Regionen erbringt. Schauen Sie doch, wohin der Trend bei anderen Unternehmen geht, die sich dem Gemeinwohl nicht mehr verpflichtet fühlen: Die kriegen mehr und mehr Schwierigkeiten.
ZEIT: Sie fordern bis 2025 sechs Milliarden Franken für den Bahnausbau. Der Bundesrat sagt, es gebe nur 3,5 Milliarden. Ist es nicht etwas seltsam, dass Sie gegen Ihren Eigentümer lobbyieren?
Meyer: Wir lobbyieren überhaupt nicht gegen unseren Eigentümer. Unsere Aufgabe als Verkehrsunternehmen und Experte ist es, darzulegen, was aus Sicht des Marktes und der Kunden erforderlich, gefragt und rentabel ist. Wir können nicht mehr Geld verlangen, als Bund und Kantone bereit sind aufzubringen. Und momentan sind das maximal 3,5 Milliarden. Wir sind aber der Meinung, dass bis 2025 rund sechs Milliarden nötig wären, um die zusätzliche Nachfrage befriedigen und die dringendsten Netzengpässe zu beseitigen. Aber wir sind in erster Linie froh, dass Frau Leuthard Lösungen für die Bahnfinanzierung anpackt. Dabei geht es primär um die Kosten des Unterhalts, erst dann um den Ausbau.




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