Die Calanque d'en Vau gilt vielen als die schönste Bucht des Küstenstreifens.

Eine Schöne des Südens ist sie zweifellos – das denkt man am Quai des belebten Vieux Port beim Warten auf den Bus und mit Blick über die Stadt. Auf dem Wasser vor mir schwanken Bootsmasten, dahinter türmt sich ein ansteigendes Häusermeer in zartrosa Kalkstein bis zum höchsten Punkt Marseilles: Notre-Dame de la Garde, die Kirche auf dem Hügel. Um den Hafen herum wuselt der morgendliche Betrieb, in den Cafés am Quai sitzen erste Gäste in der Sonne. An der Stirnseite beginnt wie jeden Morgen der traditionelle Fischmarkt, sechs, sieben eng aneinandergeparkte Autos, aus denen die Verkäufer die Eimer und Wannen voll meist lebendiger Ware auf Tische packen, vor denen sich eine hektische Kundschaft drängt. Sonst seien es viel mehr Händler, erzählt ein Mann neben mir, aber gerade wurde die Verkehrsführung geändert, um Platz zu schaffen für eine Fußgängerzone. Überall wird gebaut und renoviert. Man kann regelrecht dabei zusehen, wie Marseille, das 2013 Kulturhauptstadt wird, sich müht, das Image des Zwielichtig-Kriminellen endlich durch das der strahlenden Hafenmetropole mit globalem Anschluss zu ersetzen. Dort, wo sich hinter dem Fort Saint-Jean das Hafenbecken ins Meer öffnet, erstreckt sich bis zur Gare Saint-Charles die größte Baustelle Europas.

Schade eigentlich, dass der 83er Bus schon kommt, mit dem man die Stadt und ihre prickelnde Unruhe hinter sich lassen wird. In Richtung Süden geht es eine gute halbe Stunde am Meer entlang – »une grosse demi-heure« hatte der Wanderführer am Telefon gesagt –, bis irgendwann die Straße endet und die Welt plötzlich eine andere ist: Hier scheint sie nur noch aus Kalkstein und Meer zu bestehen. Der Trubel der Stadt ist so weit weg, als läge Marseilles Zentrum nicht 15, sondern 150 Kilometer entfernt. Wir sind am westlichen Rand des Felsmassivs der Calanques, das sich bis nach Cassis im Osten zieht.

Etwas Vergleichbares gibt es nirgends sonst in Europa: eine ungebändigt wilde Natur direkt vor den Toren einer Metropole, so schützenswert, dass sie bald zum Nationalpark werden wird. In 21 Calanques, lang gezogenen, fjordähnlichen Buchten, hat sich das Meer einen Weg gegraben und diese Landschaft geschaffen, deren weiß leuchtende Felswände Hunderte von Metern über dem Meer aufragen.

Unter uns liegt nun die Calanque de Callelongue, eine kleine, sandige Bucht mit ein paar Fischerbooten und einigen Häusern, beige und rosa getüncht, niedrig. Schaut man zum Meer hinaus, sieht man, wie das Wasser durch den engen Küsteneinschnitt hereinströmt. Gegenüber ziehen sich Felswände in die Höhe. »Hinter Callelongue die Buchten von Sormiou, Morgiou, Sugiton, En-Vau. Wahre Wunder, wie man sie an der ganzen Küste nicht noch einmal findet«, hat der Schriftsteller Jean-Claude Izzo in seiner Marseille-Trilogie geschrieben.

»Alle zehn, zwanzig Jahre gibt es einen richtig großen Waldbrand«, sagt Marc

Marc Bellon, unser Wanderführer, kneift die Augen unter der Baseballkappe zusammen und fährt auf der Karte ein paar der 150 Kilometer abenteuerlicher Wanderpfade nach, denen man in den Calanques folgen kann. Dann geht er voran, mit der flinken Leichtigkeit desjenigen, der das Wandern zu seinem Beruf gemacht hat. Ich dagegen habe genug zu tun mit der Sorge, ob die Schuhe dem Gelände standhalten. Rutschige Steine unter den Füßen. Geröllpisten bis hinab zum Meer. Nichts ist jetzt so wichtig wie das gute Profil und die dicke Sohle, unter der man die Steine nicht spürt. Dieser Anfang der Calanques hat etwas vom Ende der Welt – steinig, karg, spröde. Die spärliche Vegetation klammert sich an den Boden, ein braun-grünliches Pflanzen-Patchwork. Das Heidekraut sieht vertrocknet aus; ebenso die dunkelblaue Pistazie, der wilde Spargel und Wacholder. »Seit November hat es nicht geregnet«, sagt Marc.

Selten gibt es ein paar knorrige Pinien, unter denen man sich durchzwängt – dann stelle ich mir die brennende Hitze vor, die in zwei Monaten über den Calanques liegen wird, und die Erleichterung, die jeder Baum bedeuten muss. Wobei nach Mitte Juni kaum noch Wanderer das Gebiet besuchen werden – zwischen Juni und September ist der Zugang streng geregelt. Ist es zu heiß und zu trocken, darf man gar nicht hinein. Ein Zugeständnis an den großen Feind des Massivs – das Feuer, das auch an der Kargheit um uns herum die Schuld trägt. »Alle zehn, zwanzig Jahre gibt es einen richtig großen Waldbrand«, sagt Marc. »Dann geht es nur ums Löschen. Man will dabei nicht auch noch nach Menschen suchen müssen.« Überhaupt – Wasser! Selbst wenn man, wie Marc, sein Gepäck auf eine kleine Gürteltasche reduziert: Die Wasserflasche darf nicht fehlen. Trinkwasser wird man in den Calanques nicht finden.