Wildtier : Des Menschen Wolf

Ein Raubtier kehrt nach Deutschland zurück – und bringt alle gegeneinander auf. Jäger gegen Tierschützer, Umweltfreunde gegen Bauern. In den Dörfern Brandenburgs wächst die Unruhe

Die Scheiße liegt auf 51 Grad 66 Minuten nördlicher Breite und 14 Grad 9 Minuten östlicher Länge. Sie glänzt.

»Oh Mann, ist der frisch!«, ruft Detlev leise und hockt sich nah an den Haufen, pikt behutsam mit einem Zweig hinein, hebt ihn leicht an, lässt ihn wieder in die Ausgangslage sinken, nestelt mit der anderen Hand den Zollstock aus dem Rucksack. Ruft, jetzt lauter: »Mann, so einen frischen hatten wir noch nie!« Er sucht Corinnas Augen, die Augen seiner Frau, mit der er seit 26 Jahren zusammen ist. Beide strahlen im stillen Glück.

»Da sieht man Knochensplitter«, sagt er. »Und hier, Fellreste. Helles Fell. Reh, denke ich mal. Was sagst du?«

Corinna hält noch Klara und Jason an den Zehnmeterleinen, den rotblonden Hühnerhund und den mehrfach an den Hüften operierten Boxer. Damit sie nicht in den Fund springen, geht Corinna ein paar Schritte abseits an den Wegesrand, löst erst dort die Karabiner, lässt die Hunde los, was sie in einem deutschen Wald nicht dürfte, aber in stillem Widerstand tut. Sie hockt sich schnell zu ihrem Mann auf den Weg, um mit ihm den Haufen abzuschirmen.

»Ja«, sagt sie, »wird was vom Reh sein.«

Klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern© ZEIT-Grafik

Detlev vermisst den Kot: 24 Zentimeter. Corinna misst noch mal nach, wie sie es in der Schulung gelernt haben. Sie holt die Kladde mit den Vordrucken heraus, Formular »Monitoring Losung«, protokolliert Bundesland: Brandenburg, Landkreis: Oberspreewald-Lausitz, Ortsbeschreibung: Kiefernwald, Tagebaurestfläche, Nächstgelegene Ortschaft: Altdöbern. Sie zieht sich einen Einweghandschuh über die Rechte, stopft den Haufen in die Druckverschlusstüte, die sie zuvor beschriftet hat, stülpt beim Ausziehen den Handschuh geschickt auf links, damit nichts an ihre Haut gerät, drückt den Handschuh mit in die Tüte, will sie schon verschließen. Aber, »warte mal«, sagt Detlev da und hält sich die Tüte unter die Nase, atmet über der Öffnung ein, reicht sie weiter.

Wolfskacke riecht nicht gut, nur wenig besser als die vom Hund. Ein starker Hautgout von abgehangenem Wild, dazu eine Mischung aus Moder, Leder, Verwesung, nassem Fell, Zoo, Nadelwaldboden.

Corinna sagt: »Das sieht bestimmt ein bisschen bekloppt aus, wenn zwei erwachsene Menschen über einem Haufen Kacke hocken und sich freuen, wie frisch der ist.« Sie lächelt, aber weniger ironisch, mehr glücklich. Klara und Jason, junge Hunde, jagen einander währenddessen und bleiben doch in der Nähe wie die Kinder, die Corinna und Detlev nicht haben.

Die kleine Tüte kommt in eine große, die große in Detlevs Rucksack, zu den vier anderen »Losungen«, den Kotfunden dieses Tages. Die hier aber ist, sagt Detlev – auf jeden Fall! – die mit Abstand beste der letzten drei Jahre, die sie nun schon mit der Suche nach den Wölfen verbringen.

Seit der Wolf nach Deutschland zurückgekehrt ist, macht er die Menschen in seiner Nähe ein bisschen verrückt – nur jeden auf andere Art. Darum wird die Sache jetzt kompliziert.

Da steht der Jäger Niko Gebel aus Ortrand in seiner 1.300 Hektar großen Jagdpacht und sagt: »Hier, zwischen Großkmehlen und Lindenau, wo ich die Häuser und Höfe der Dörfer noch sehen kann, gehört ein Wolf nicht hin. Ich habe nichts gegen den Wolf, aber das hier ist keine Wildnis.«

Da steht der Bauer Marco Hendrischk auf seiner Koppel in Großräschen, Ortsteil Wormlage, und fragt: »Warum soll der Wolf ein Reh kilometerweit jagen, wenn er sich ein Kalb von der Weide holen kann? Warum? Der ist doch nicht blöd.«

Da steht die Personalmanagerin Corinna Klaus am Hochufer des Tagebaurestlochs, das zum Altdöberner See vollläuft, und fragt: »Wer ist der Mensch, dass er entscheiden will, welches Tier mit ihm leben darf und welches nicht? Wer?«

Der Jäger Gebel wohnt nur 17 Kilometer von der Managerin Klaus entfernt, und die nur 20 Kilometer vom Bauern Hendrischk. Alle leben im selben Landkreis. Alle drei haben mit dem Wolf zu schaffen, aber nichts miteinander. Sie sind vor ein paar Monaten im selben Dorfgasthof gewesen, auf einem »Wolfssymposium«, aber sie haben nicht geredet. Vielleicht weil zu viele andere Menschen da waren und diskutierten und schimpften und schwadronierten. Oder weil sie sowieso niemals zu einer Meinung kommen könnten.

So ist das, wenn der Wolf wieder da ist, wo er 150 Jahre lang nicht war. Jeder sieht in ihm etwas anderes. Jeder hat etwas anderes mit ihm vor.

Corinna und Detlev Klaus wollen seine Nähe. Ihre Leidenschaft für die Wölfe entsprang einer wachsenden Sehnsucht nach der Natur, nach einem tieferen Sinn, den dieses Leben doch wohl haben muss. Arbeiten, Geld verdienen, Kultururlaub machen; Eigentum sichern, Elektronik kaufen, das kann doch nicht alles gewesen sein. »Oder?«, fragt Corinna. »Oder?« Und erwartet ein Nicken.

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Kommentare

65 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

OK....

..ich geh`dann mal mit dem Wolf tanzen.
Doch, würd` ich machen.:)
Isser(der Wolf) denn jetzt für den Menschen gefährlich oder doch nicht.
Jedenfalls, wenn ich die Wahl hätte im Wald einer Wildsau oder einem Wolf zu begegnen.....ich würde den Wolf nehmen, der erscheint mir harmloser als ein wütender Keiler.
Das mit den Kühen,dass sie angeblich den Instinkt verloren hätten, sich gegen Wölfe zusammen zu rotten, halte ich persönlich für Unsinn.
Kühe sind Herdentiere und rotten sich gegen JEDE Bedrohung zusammen.
Wer`s nicht glaubt, einfach mal die nächste Kuhweide mit Bullen und Kühen betreten und Stress machen....besser nicht:)

Danke,

würde auch den Wolf bevorzugen, da dieser wegrennen dürfte. Aber wenn sie das Städtern erzählen können sie auch mit einer Wand reden. Lass letztens einen Bericht über Kinder im Ruhrpott, die noch nie in ihrem Leben eine Kuh gesehen haben.

@Thema
Finde die Aussage des CDU Jünglings Gebel (26) schon interessant, auch wie ein 26 jähriger eine 1300 Hektar große Jagdpacht haben kann. Über seine Befähigung als Jäger nach den hier wiedergegebenen Äußerungen kann man sicherlich auch diskutieren, da ist aber wohl die Untere Jagdbehörde gefordert.

Spannend wäre die Frage wieviele Wölfe der CDU Jüngling und der Bauern schon auf unter 30 m Nähe gesehen haben, meine Vermutung nicht einen.

Und wenn in D Kälber oder anderes Viehzeug gerissen werden, stecken in D nicht selten streunende Hunde dahinter.

1 Hermez

Vergleichen sie Gleiches.

Den wütenden Keiler mit dem wütenden Wolf und die Kuhwiese mit Bullen mit dem Rüden der paarungsbereiten Hündin. Versuchen Sie mal die zu trennen.

Die Kuhweise ist die größte Zeitdes Jahres Bullenfrei und die Hunde nicht läufig. Es fällt immer auf, dass die Tierfreunde, meistens aus der Stadt und von Landwirtschaft verschont, es mit den Vergleichen so gar nicht genau nehmen.

wütender Keiler...

... sie sollten sich eher vor einer Frischlinge führenden Bache fürchten, der sie blöderweise in den Wurfkessel tapsen... die Keiler sind nur angeschossen eine Gefahr.

Allerdings halte ich die *angeborene Scheu* der Wölfe gegenüber Menschen für eine Folge der Bejagung.
Wenn diese dauerhaft wegfällt, ist mit einer Verhaltensänderung zu rechnen, da bin ich mir ziemlich sicher.

Menschen stehen bei Wölfen zwar (noch?) nicht auf dem Speiseplan, aber des Menschen Liebling, der Hund, sehr wohl. Da warte ich nur noch auf Verwicklungen.

http://www.sueddeutsche.d...

Schweden hat eine Population von ca. 200 Wölfen, wir sind bereits bei knapp 120. Schweden hat eine Bevölkerungsdichte von 1/10 der unseren.

Städter

Jetzt hören Sie doch bitte mal auf, Stadtbewohner als naturfern und -desinteressiert zu diffamieren.
Die größte Bedrohung für die Biodiversität geht von den Mrnschen in ländlichen Räumen aus, vom immer weiter um sich greifende Flächenfrass für neues Bauland im Grünen samt der dazugehörigen Verkehrsinfrastruktur. Natur braucht vor allem Platz um sich zu entwickeln, Platz den Sie (und ich betrachte sie ob Ihres Briefes jetzt einfach mal als Dorfbewohner, korrigieren sie mich wenn ich falsch liege) ihr nehmen.
Der natürliche Lebensraum des Menschen ist die Großstadt!

Wölfe meiden eher Schwarzwild,

sie bevorzugen im Beuteschema größerer Säugetiere eindeutig Schalenwild und Rotwild, da auch Wölfe Respekt vor Wildschweinen haben, zudem sind die Sauen schwieriger zu jagen für das gesamte Rudel. Der Wolf trägt folglich nicht besonders dazu bei die Wildschweinpopulation zu verringern, welche in manchen Jahren einen Zuwachs von 200% erfährt. Es gibt teilweise hohe Rehpopulationen, welche durch den Wolf sicherlich im Sinne des natürlichen Gleichgewichtes dezimiert werden, der Bestand der Sauen kann dagegen ernsthaft gesenkt werden, indem sie waidgerecht gejagt werden.

Ich begrüße die Wächter des Waldes, sie sind ebenbürtige Jäger und sollten mehr als respektiert, geehrt und akzeptiert werden. Die Kelten nannten den Wolf einst ''Geist des Sturmes'', auch die Germanen verehrten die Wölfe dank ihrer Stärke und Gerissenheit. Leider existiert in Deutschland keine gewaltige Wildnis, wo der Wolf ungestört vom Menschen regieren kann. Es gibt viele Jäger, welche nicht nur auf ihre Pachtverträge fixiert sind und den Wolf als ebenbürtigen Verbündeten und nicht als Konkurrenten ansehen.
Die Wälder in Aeterna Germania müssen sich noch lange Zeit erholen um dem Wolf dauerhaft eine feste Heimat bieten zu können.

Wildschweinplage

Die auch im obigen Artikel angesprochenen Kotproben haben bei Auswertung ergeben, dass nur 10% der Nahrung aus *Wildschwein* besteht. Saisonabhängig, also besondersjetzt im Frühjahr. Wölfe gehen bevorzugt an Frischlinge. Das eigentliche Wildschweinproblem sind die landwirtschaftlichen Monokulturen aus Raps und Mais. Das lößt der Wolf auch nicht.
etwa 1940 war Sachsen noch Wildschweinfrei... jetzt Plage.

UPPPPS! 1990 war Sachsen noch Wolfsfrei....

Problemtier Mensch

Ja so lieben wir die "Krone der Schöpfung. Homo sapiens lässt ein paar Millionen Kleinraubtiere wie Felis silvestris catus - vulgo als Hauskatze bekannt - auf die Natur los und schert sich nicht um die Folgen, bekommt aber in höchstem Masse Fracksausen, wenn ihm mal eine Handvoll Exemplare eines Raubtiers unterkommt, das nicht von ihm selbst gehätschelt und in Massenzüchtung produziert worden ist.

Bei der Lektüre des Artikels werden Erinnerungen an den Braunbären, der vor nicht allzu langer Zeit Bayern existentiell bedroht hat wach. Es fällt mir schwer, ernst zu bleiben angesichts der Unkenntnis und des tief sitzenden Unbehagens gegenüber allem, was sich nicht in das Normmass des mitteleuropäischen Jägerzaunhorizonts pressen lässt. Es ist offenbar wirklich nicht allzu gut um das Nervenkostüm der Gesellschaft bestellt, wenn bereits eine Handvoll Wildtiere ausreicht, das ganze Gefüge derart ins Wanken zu bringen.

Nun weiss ich selbst um den Wert einer zivilisatorischen Infrastruktur, hatte aber das Glück, auch den Wert einer von menschlicher Aktivität weitgehend unberührten Natur erfahren und schätzen zu können. So wichtig das eine ist, so unerlässlich ist auch das andere. Eine Welt ohne "wilde" Natur ist nur mehr ärmlich.

Und was die Praxis, einzelne Wildtiere zum "Problem" zu erklären betrifft: Das grösste Problem für den Menschen ist derzeit immer noch die enorme Zahl seiner eigenen Artgenossen nebst deren diversen Aktivitäten.

Menschen-Angeber

Gut, dass so ein Kommentarchen ein Mensch, ein Menschlein, schreiben kann - und kein Wolf.
Es tut so unsäglich gut (.. dem eigenen Ego), a n d e r e Menschen als animalia, non sunt homines, und sich selbst als der Weisheit letzte Zivilisationsekrose zu löbeln.
... diese UnArt kommt in allen Foren vor, wenn es um Mensch-Tier-Disparitäten geht.
"Wie gut das tut ... dem eigenen Mut!"

Hütehunde....

Exemplarisch für Diskussionen wie diese: "...uns in der Natur so zu verhalten, dass es nicht zu Konflikten/Begegnungen kommt. Hütehunde für Schafherden - wie schon von einigen Kommentatoren genannt - sind eine solche und zwar sehr gute Möglichkeit. "

Jeder gibt seinen Senf dazu, auch wenn er die Materie nur oberflächlichst kennt.

Hütehunde bieten KEINEN Schutz für die Herde, den bieten nur HERDENSCHUTZHUNDE. Völlig andere Aufgabe, völlig andere Rassen. Kangal z. B. in Anatolien. Wachsen mit der Herde auf, völlig auf die Schafherde geprägt -NICHT auf Menschen. Wer sich der Herde nähert und die Warnzeichen der Hunde missachtet, ist in Gefahr, auch ein (den Hunden fremder) Mensch. In Anatolien weiss das jeder -bei uns eher keiner. Eine Schafherde mit solchen Hunden z. B. an einem als Rad- und Wanderweg genutztem Deich zu halten, dürfte Probleme bringen...

Also: Herdenschutzhund ...

Ich habe diesen Kommentar (Senf) dazu beigetragen, u.a. vor dem Hintergrund der Erfahrung im vergangenen Sommer, wo ich bei Leuten gelebt habe, die eine frei durch die Landschaft ziehende größere Schafherde in Südeuropa haben, mit - also - zwei Herdenschutzhunden (ich wusste nicht, dass es dafür eine andere Bezeichung gibt, ich dachte, es seien ebenfalls Hütehunde - das war also tatsächlich begrifflich falsch). In der Gegend gibt es keine Wolfsrudel, aber einzelne durchziehende Wölfe.

Diese beiden Hunde waren übrigens Menschen gegenüber nicht so bedrohlich oder abweisend, wie Sie es beschrieben haben. Das ist vielleicht (auch) eine Frage der "Sozialisation"? Womit ich nicht Bindung an Menschen meine, aber die Unterscheidungsfähigkeit hinsichtlich des Gefahrenpotenzials, das von einem Menschen oder von einem Wolf ausgeht.

http://de.wikipedia.org/w...

Ich nehme den

"Senf" zurück. Entschuldigung!

Es ist halt ein wenig kompliziert bei uns, zu dicht besiedelt. Alles in allem ist ein Herdenschutzhund schon von den Kosten her zumindest für den Hobby- Tierhalter keine Lösung. In Bezug auf die *Gefährlichkeit* war vielleicht auch der Kangal nicht unbedingt das friedlichste Beispiel, aber Fakt ist, dass alle diese Hunde ein ausgeprägtes Territoralverhalten haben -und dieses sich auf das Areal bezieht, wo sich ihre *Schützlinge* aufhalten, also wechselnd ist Und ein gewisses Aggressionspotential muss wohl auch vorhanden sein, sonst würden sie sich nicht Wölfen entgegenstellen.

Diese Panik ist abnormal....

Bruno, der Wolf bei Köln und jetzt der in Brandenburg.

Die Tiere waren alle schonmal da! Ja auch der Osmane stand mal vor Wien, der wurde aber erfolgreich vertrieben!

Ich sehe mich eher in der konservativen Ecke habe aber etwas dagegen diese Tiere wieder zu vertreiben.

Hier muss man zwischen Tier und Mensch unterscheiden.

Wildtiere haben keine grosse Lobby.