WildtierDes Menschen Wolf
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Sinnstifter oder Sündenbock

Hendrischk hält an die 150 Rinder, Charolais, Holsteiner und Mastkreuzungstiere. Er hätte mit dem Kalb vom 20. Oktober um die 400 Euro umsetzen können, wenn es ein Bulle geworden wäre, den er nach drei, vier Monaten an seinen Mäster hätte weiterverkaufen können. Oder er hätte aus ihm eine Ammenkuh gemacht, an der über Jahre hinweg die zugekauften Kälber »gepietzt« und sich satt getrunken hätten. Aber Dr. Schulze konnte nicht einmal das Geschlecht des Tieres bestimmen, ganz ohne Rumpf und Gentest. So gab es keine Entschädigung. »Es geht mir aber nicht ums Geld«, sagt Hendrischk. »Es geht darum, dass die nicht zugeben, dass es der Wolf war! Dass nicht sein kann, was nicht sein darf!« Und Anja, Hendrischks Frau, ruft: »Am Wolf verdienen einfach zu viele schon ihr Geld – diese ganzen Beamten und Beauftragten!«

Die Existenz des Wolfes zwingt die Menschen, die eigene infrage zu stellen

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Je tiefer man in die Wolfswälder Sachsens und Brandenburgs vordringt und je weiter man sich durchs Dickicht der Loblieder und Beschwerden schlägt, desto klarer wird die Erkenntnis: Um die Wölfe geht es am Ende nicht mehr. Das ungezähmte Raubtier, das sich einfach holt, was es braucht, und dem niemand Einhalt gebieten darf, provoziert nur ungemein in diesem Land, das sonst alles und jeden reglementiert, das sogar die Handhabung von Hundeleinen im Wald vorschreibt. Willkommenermaßen oder notgedrungen gibt die Existenz des Wolfes dem Menschen Anlass, die eigene infrage zu stellen. Und nicht immer wird er mit den Antworten, auf die er dabei stößt, fertig. Dann muss der Wolf herhalten, als Sinnstifter oder Sündenbock.

Ein paar Wochen nach dem Tod ihres Kalbes waren die Hendrischks nach Frauwalde in den Gasthof gefahren, das ist nicht weit. Der CDU-Landtagsabgeordnete des Wahlkreises hatte zum »länderübergreifenden Fachsymposium« eingeladen, Wiederansiedlung des Wolfes – sind wir darauf vorbereitet?. Das Nein auf die Frage hing wie eine Wolke aus Trotz im Saal. Es gab Bier. Fast 50 Interessierte musste man nach Hause schicken, denn 150 drängten sich schon, darunter Corinna und Detlev Klaus, die freiwilligen Wolfsbeobachter aus Schwarzheide, die das feindliche Klima entsetzte, und Niko Gebel, der Jäger aus Ortrand, der die Diskussion »gelungen« fand. Der Wolfsbeauftragte Butzeck hielt seinen Vortrag und erklärte, wie Wildbiologen im Auftrag der Länder Wölfe erforschen, er referierte über Fotofallen und Sender an den Tieren, über Nahrungsanalysen und Gentests am Kot.

Gentests. Hendrischk musste an sich halten. Als aber ein Foto an die Wand projiziert wurde, das einen toten Wolf in einem Computertomografen zeigte, stöhnte er auf und mit ihm die Menge, als sei in sie alle ein Schmerz gefahren. Einer rief: »Und wer bezahlt das? Die AOK?« Da wurde gelacht. Aber bitter.

Ein gerissenes Kalb ohne Wiedergutmachung, dafür ein Kadaver in der Röhre, das war eine Zumutung zu viel.

Anja und Marco Hendrischk hatten sich ja nicht beklagt über ihr selbst gewähltes Leben als Bauern, in dem es nur eine Woche Urlaub im Jahr gibt, im Winter mit der 13-jährigen Tochter. Die anderen 358 Tage beginnen siebenmal die Woche vor sechs Uhr morgens und enden selten vor halb neun abends, im Sommer durchaus erst um halb elf oder eben gar nicht, wenn die Kälber Durchfall haben und nachts Elektrolyte brauchen. »Du darfst dir nie den Stundenlohn ausrechnen. Man muss dafür geboren sein«, sagt Hendrischk.

Als Junge wollte er Tierarzt sein, wurde stattdessen Elektriker, denn so konnte er im Dorf bleiben. In den Neunzigern machte er seinen Abschluss als Landwirt, neben der Arbeit. Er vergrößerte den Hof der Eltern und baute Ställe aus alten Betonplatten.

Hendrischk, ein Hüne mit Kraft und Gewicht, humpelt seit letztem Frühjahr. Er wollte einer Kuh beim Gebären helfen. Die Beine des Kalbes staken falsch, nämlich angewinkelt, aus ihrem Leib. Er zog am Kalb, die Kuh tat plötzlich einen Schritt nach vorn, Hendrischk rutschte im Matsch weg und verletzte sich im Lendenwirbelbereich. Gequetschte Nerven, stechende, ins Bein ziehende Schmerzen. Einer unklaren Diagnose folgte eine Behandlung, die nichts linderte. Er wechselte den Arzt. Da tat der erstbehandelnde beleidigt, erzählt Hendrischk, und schrieb sein Gutachten so, dass die Berufsgenossenschaft die Verletzung nicht anerkannte, nicht zahlte, keine Rehabilitation bewilligte.

Hendrischk ist bis heute nicht therapiert und hat kein Geld für seinen Ausfall bekommen. Aber was heißt Ausfall? 150 Tiere und 180 Hektar Land warten nicht, bis der Bauer wieder gesund ist. Er nahm Schmerzmittel. Doch die verschreibt der Arzt nicht mehr, Hendrischk könnte abhängig werden. Soll jetzt ein Anwalt ran? Aber was das wieder kostet!

So lief das Jahr 2011, und dann riss ihm der Wolf (oder wer auch immer) obendrein das Kalb und wurde Prellbock für die Erschöpfung, die sich Bahn brach, für die Last der Entbehrung, die Enttäuschung über die Ungerechtigkeit mit dem Rücken, mit dem Riss.

Leserkommentare
  1. Kormorane und Wölfe in einer Litanie: Das ist beachtlich. Die beiden großen Feindbilder für jene, die in Wald und Flur vor allem eines nicht dulden: Nahrungskonkurrenz. Egal welche Haarwild-Plage ausgerufen wird, eines ist sicher: 1. Die Auswirkungen auf die Natur, die man am liebsten im Geländewagen bereist, sind beachtlich. 2. Dem Treiben muss durch Abschuss Einhalt geboten werden, der Jäger hat das "Gleichgewicht" wiederherzustellen.

    Der kleine Dorfbauer und die aufgebrachten Dorfmenschen sind doch willkommene Meinungsmacher für die mächtige Jagd- und Fischfanglobby, die vor allem eines möchte: Einen Grund, in Ökosysteme einzugreifen und mit dabei noch mit etwas schmackhaftem nach Hause zu kommen.

    2 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 30.04.2012 um 16:25 Uhr

    Vergleichen sie Gleiches.

    Den wütenden Keiler mit dem wütenden Wolf und die Kuhwiese mit Bullen mit dem Rüden der paarungsbereiten Hündin. Versuchen Sie mal die zu trennen.

    Die Kuhweise ist die größte Zeitdes Jahres Bullenfrei und die Hunde nicht läufig. Es fällt immer auf, dass die Tierfreunde, meistens aus der Stadt und von Landwirtschaft verschont, es mit den Vergleichen so gar nicht genau nehmen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "OK...."
    • thwe74
    • 30.04.2012 um 16:31 Uhr

    dazu:

    1) Habe irgendwann eine interessante Reportage über den Yellowstone-Nationalpark gesehen, über die wieder neu auferstandene Pflanzenvielfalt in den Flussauen. Die Ursache dafür war nicht der Nationalpark-Ranger, der seinen Rasenmäher nun in der Garage lässt, nein, nein, ein paar wieder angesiedelte Wölfe sorgen dafür, das die Bestände der Rehe etc. auf ein "gesundes" Maß reduziert wurden. Unsere Bambis haben nämlich fleissig in den Auen gewütet. Fressen und gefressen werden....

    2) Desweiteren: Wenn man sich die Deutschen bzw. Mitteleuropäer mit Ihrem (Haus-)Tierwahnsinn anschaut, ist man über jedes Wildtier froh, das noch ein einigermassen normales wildes Leben führt. Das kann der Wolf sein, aber auch ein x-beliebiger Vogel aus dem nahen Wald.

    3 Leserempfehlungen
  2. "Die Scheiße liegt auf 51 Grad 66 Minuten nördlicher Breite und 14 Grad 9 Minuten östlicher Länge."

    Die Geokoordinaten können nicht stimmen. Ein Grad wird in 60 Winkelminuten eingeteilt, 66 Minuten sind daher nicht möglich. Evtl. sind 51,66° in Dezimalschreibweise gemeint.

    Eine Leserempfehlung
    • Aexl21
    • 30.04.2012 um 16:52 Uhr

    Da muss ich ihnen recht geben. Der Artikel gefällt mir insgesamt sehr gut, aber es fällt an einigen Stellen doch auf, dass hier (scheinbar, vll. auch nicht absichtlich) in eine bestimmte Richtung gelenkt wird.

    Während es in diesem Artikel um das Verhältnis des modernen Menschen zum wilden Wolf und einige der Probleme der Moderne an sich geht, möchte ich an dieser Stelle noch ein Buch empfehlen, dass einiges dazu beitragen kann, sich in das Wesen und Naturell von Wölfen einzudenken und diese somit (ansatzweise) zu verstehen:

    Shaun Ellis: Der mit den Wölfen lebt.

    Wohlgemerkt. Das Buch, nicht die Filmreportage! Shaun Ellis hat über ca. 2 Jahre in Nordamerika mit einem wilden (!) Wolfsrudel zusammengelebt. Er war in gewisser Weise ein Teil des Rudels und hat einiges über deren Verhalten gelernt. Zugleich konnte er daraus einige Strategien entwickeln, mit Hilfe derer z.B. Bauern lernen konnten, mit dem Wolf umzugehen und diesen von den Nutztieren fernzuhalten, ohne die Wölfe dazu erschiessen zu müssen. Einiges davon hat er in Polen (?) erfolgreich umgesetzt!

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "objektivität?"
  3. Genau das habe ich geschrieben. Oder war das eine Ergänzung? Das große Problem ist und bleibt der (domestizierte) Mensch.

    Antwort auf "@ 5 Spam dex"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TDU
    • 01.05.2012 um 10:12 Uhr

    Die Natur garantiert beileibe nicht überall Vielfalt. Lassen sie den Wolf wie er will und er hat keine natrülichen Feinde wird je nach Gegend kein Reh mehr übrig sein, und der Wolf zieht weiter wie die "Heuschreckenfirma" nachdem sei dei Ggend aufgekauft und verwertet hat. Und wenn sie in machen Gegenden den Boden sich selbst überlassen wird die gemeine Butterblume dominieren.

    Das Probelm ist also nicht der Mensch und nicht die Natur, sodnern die Aufgabe, beides in Einklang zu bringen. Und da helfen weder ideologisch fanatische Tier und Naturschützer noch Fanatiker von der anderen Seite.

    Man nehme sich ein Beispiel an USA. Was da schon vor etlichen Jahren Jahren an Resrevaten Programmen und Ausgleich geschaffen wurde, davon können die Fanatiker hierzulande nur träumen, bzw. das geht gar nicht, weil die hierzulande viel zu viel zu sagen haben.

    • TDU
    • 01.05.2012 um 10:12 Uhr

    Die Natur garantiert beileibe nicht überall Vielfalt. Lassen sie den Wolf wie er will und er hat keine natrülichen Feinde wird je nach Gegend kein Reh mehr übrig sein, und der Wolf zieht weiter wie die "Heuschreckenfirma" nachdem sei dei Ggend aufgekauft und verwertet hat. Und wenn sie in machen Gegenden den Boden sich selbst überlassen wird die gemeine Butterblume dominieren.

    Das Probelm ist also nicht der Mensch und nicht die Natur, sodnern die Aufgabe, beides in Einklang zu bringen. Und da helfen weder ideologisch fanatische Tier und Naturschützer noch Fanatiker von der anderen Seite.

    Man nehme sich ein Beispiel an USA. Was da schon vor etlichen Jahren Jahren an Resrevaten Programmen und Ausgleich geschaffen wurde, davon können die Fanatiker hierzulande nur träumen, bzw. das geht gar nicht, weil die hierzulande viel zu viel zu sagen haben.

    • Kometa
    • 30.04.2012 um 17:07 Uhr

    Gut, dass so ein Kommentarchen ein Mensch, ein Menschlein, schreiben kann - und kein Wolf.
    Es tut so unsäglich gut (.. dem eigenen Ego), a n d e r e Menschen als animalia, non sunt homines, und sich selbst als der Weisheit letzte Zivilisationsekrose zu löbeln.
    ... diese UnArt kommt in allen Foren vor, wenn es um Mensch-Tier-Disparitäten geht.
    "Wie gut das tut ... dem eigenen Mut!"

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Problemtier Mensch "
    • FranL.
    • 30.04.2012 um 19:13 Uhr

    Hier in der Lausitz gibt es schon seit Jahren Wölfe, nur sieht die kaum jemand. Eine Bekannte, die auf dem Dorf wohnt, hört gelegentlich Wolfsgeheul, das ist schon alles. Für gewöhnlich sind Wölfe scheu, im Gegensatz zu ihren Verwandten, den Hunden. Das Risiko von einem Wolf angegriffen zu werden ist weit geringer als das Risiko von einem Auto überfahren oder von einem Hund gebissen zu werden.

    Gelegentlich schnappen sich Wölfe auch ein paar Schafe. Wo ist das Problem? Warum richtet man Schäferhunde nicht wieder darauf ab die Wölfe zu vertreiben, früher war das auch ganz normal.

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