So ist das immer im deutschen Film: Auf einen Höhepunkt folgt blitzartig der nächste Tiefschlag. Die Freude über Christian Petzolds Barbara, den preisgekrönten deutschen Wettbewerbsbeitrag der Berlinale, wurde kurz darauf konterkariert durch eine – zwar positive – Kritik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die jedoch den Film in einen fatalen Kontext mit anderen DDR-Bewältigungsfilmen stellte und ihm dabei wie in einem inoffiziell ausgeschriebenen Wettbewerb die bisherige Bestnote verlieh: »Man muss weit zurückgehen, um einen Film zu finden, der für die DDR ein ähnlich präzises Gespür hat wie Barbara.« Phänomenal, wie solche Art Filmkritik das deutsche Kino zu inhaltlichem Auftrag verdonnern will. Und zwar dergestalt, dass dem Leser suggeriert wird, Barbara habe nicht primär als Film pur zu überzeugen – mit seiner leise drohenden Story, mit seinem zart erotischen Abenteuer aus einem fernen Land der Vergangenheit –, sondern müsse zunächst mal staatstragende Kriterien erfüllen. Ein »präzises« Geschichtsbild bitte! Das klingt nach: »Danke, Herr P., Eignung zum Lehramt mit Lob bestanden.« Sollen deutsche Regisseure eigentlich vor allem brav das Stöckchen der Korrektheit apportieren?

Dem Film Barbara, der im Blick aller gelungen ist, kann solch vergiftetes Lob nichts mehr anhaben. Er war auch einer der Filme in der alljährlichen »Kiste«, die die Deutsche Filmakademie an ihre Mitglieder verschickt. Diese Kiste enthält die DVDs sämtlicher Werke, die für den Deutschen Filmpreis infrage kommen. Zu besichtigen war diesmal das Dilemma der Subventionskulturindustrie: die Aushöhlung durch thematische Überstrapazierung. Das Bildungsbürgerliche, das thematisch Beflissene am Output des deutschen Films wird langsam penetrant. Der legendäre Regie-Guerillero Klaus Lemke, der das deutsche Kino längst nur als »Millionengrab« und »subventionierte Filmfolklore« sieht, bekommt von Jahr zu Jahr mehr recht. Und zu Beginn der Berlinale äußerte sich Doris Dörrie über die Spaltung der Branche in einerseits einen »Museums- oder Festivalfilm, der nur in diesem geschützten Rahmen existieren kann«, und andererseits »den Publikumsfilm, der außerhalb davon die Menschen im Kino erreicht«: »Ich will die Leute unterhalten. (...) Ich will eine Lanze dafür brechen, dass wir die Verabredung mit dem ganz normalen Publikum nicht komplett aufgeben.«

Ja, man fühlte sich ein wenig an typisches Großproduzenten-Geraunze der versunkenen Altbranche erinnert, damals in den Achtzigern, als noch kräftig Pulver gegen den »publikumsfeindlichen« Autorenfilm verschossen wurde. Und man muss ja auch Dörries Reduzierung des Blickfeldes auf zwei Pole nicht folgen – aber trotzdem führen ihre Anmerkungen ins Auge des Orkans, der durch die Jetztzeit unseres Neu-Berliner Film-Geweses bläst. Hinein in die Schützengräben, aus denen – zumeist nur noch mit Schalldämpfern – geschossen wird. In die Sankt-Andreas-Spalte der Branche.

Die Simulation einer Industrie

Würde man die Planfolie einer halbwegs kommerziell funktionierenden Industrie über unsere Landschaft legen, so fiele auf, dass das ökonomische Zentrum der Filmherstellung – nennen wir’s Mainstream – nur noch einen Bruchteil der Förderfilme ausmacht. Also genau der Bereich, der am stärksten dazu geeignet sein sollte, das Publikum an sich zu ziehen, fällt von Saison zu Saison magerer aus. Es gab im zurückliegenden Kinojahr noch zwei aufs Massenpublikum hin geplante Großproduktionen (Hotel Lux, Zettl), etliche erfolgreiche Lustspiele (What a man, Rubbeldiekatz, Eine ganz heiße Nummer, Sommer in Orange) und zwei real existierende Genrefilme (Hell, Die vierte Macht). Auffallend ist in diesem Segment der relativ hohe Anteil von Regie-Autodidakten. Und Kasse machten dabei vor allem die Komödien, jene glückliche Domäne von Bully Herbig und Til Schweiger, die sich wie ein Torpedo-Beiboot abgesetzt hat vom deutschen Branchen-Tanker.


Dem gegenüber steht eine Unmenge von preiswerten Produktionen, die thematisch und formal in die sogenannte Arthaus-Schublade fallen – fast alle inszeniert von Ex-Filmhochschülern. Einige wenige dieser Filme machen jedes Jahr gute Zuschauerzahlen: Andreas Dresen zum Beispiel, jetzt auch Christian Petzold. Das gehört ja zum Status der »Independent«-Filme auf der ganzen Welt: hohe kulturelle Akzeptanz, manchmal auch überraschende Kommerzialität. Schön und gut. In der Akademiekiste finden sich: Familienprobleme, Seelenkrankheiten, Alzheimer, Krebs, Cybermobbing – und dann die gängigen Staatsthemen: Integrationskonflikte, Neofaschismus, Finanzbranchen-Kritik, RAF-Nachwehen, DDR-Aufarbeitungen et cetera. Kommen diese Filme alle auch zustande, weil sie mit ihrer thematischen Relevanz eine größere Förderungschance haben? Weil das Fernsehen, das in den Bewilligungsgremien stark vertreten ist, von Haus aus gerne die Themenkeule schwingt?