Nun hat er sich die beste Kutte übergeworfen, hat das Haar ein wenig gestriegelt, auch seine Brille hat er dabei, die soll unbedingt mit aufs Bild, damit alle Welt sieht, wie klug, wie gebildet er ist. Doch was tut die Welt? Sie sieht dieses Bild und fragt sich, warum der Mönch es nicht im nächstbesten Brunnen versenkt hat. Viel unvorteilhafter konnte sein Porträt kaum ausfallen: wie er kauernd dasitzt, die Nase schief, Finger wurstig, Augen verrutscht. Und sind das nicht Messweinreste, die da im Mundwinkel kleben?

Doch offenbar war der Mönch glücklich mit seinem Bild und behielt es. Er hatte viel Geld dafür bezahlt, es war teuer, sich vom großen El Greco (1541 bis 1614) malen zu lassen. Die Nachfrage war gewaltig, viele wollten sich damals, vor gut 400 Jahren, porträtieren oder besser: malerisch misshandeln lassen: mit zerdellter Visage, überdehnten Gliedern, die Haut aschfahl. Je länger man dem Mönch ins Gesicht schaut, desto mehr löst es sich auf: als hätte ihm Greco nur ein wenig Make-up aufgetupft, das schon der nächste Regen abwaschen wird. Die Haut ist Maske – und unter der Maske schimmert’s bedrohlich. Schwarz quillt aus allen Poren: die Vergänglichkeit.

Das Bild vom Trinitariermönch ist nichts besonderes. Keines der Hauptwerke aus dem El-Greco-Atelier, nichts, was die kunsthistorische Forschung übermäßig bewegte. Doch selbst aus diesem schlichten Porträt springt einem das Verquere dieses Künstlers entgegen. Umstandslos begreift man, warum El Greco eines der größten Rätsel der Kunstgeschichte darstellt. Denn wie lässt sich erklären, warum ausgerechnet er, der auf Kreta geboren wurde, unter dem Namen Domínikos Theotokópoulos einen Leben als Ikonenmaler führte, sich später in Italien versuchte, dann aber ins spanische Toledo ging, warum ausgerechnet dieser Fremdling so beliebt war? Damals regierte die blutige Inquisition, jedes Kunstwerk musste von kirchlichen Kommissionen abgenickt werden. Es galt dort, die alte, die von der Reformation erschütterte Glaubenswelt neu zu befestigen. Und eigentlich sollte man denken, dass ein Künstler wie Greco, bei dem nichts klar, nichts geziemend, nichts sorgsam geordnet ist, im Nu auf dem Scheiterhaufen gelandet wäre, samt seinen Bildern.

Aber nichts davon. El Grecos Kunst, ganz gleich, wie todesschwanger sie auch sein mag, leuchtet und lockt – bis heute. Viele Tausend Besucher werden in den nächsten Wochen nach Düsseldorf reisen, um dort gut 40 seiner Bilder zu bestaunen, darunter einige Hauptwerke. Es ist die erste größere El-Greco-Ausstellung überhaupt in einem deutschen Museum. Und zudem eine, die mit gleich noch einem Großrätsel aufwartet.

Denn die Maler der Moderne, obwohl sie doch die religiösen Fesseln abgestreift hatten, wollten im Glaubensstreiter El Greco einen der ihren erkennen. Sie begeisterten sich für ihn wie für keinen anderen alten Meister. Aus dem Botschafter der Gegenreformation wurde 300 Jahre nach seinem Tod ein Prophet der Revolution.

So hat die Ausstellung zwei Gesichter: Auf grauem Grund zeigt sie die gewittrigen Bilder des Barock, auf hellem Grund rund 80 Werke der Moderne, von Cézanne und Picasso, Marc, Kokoschka und vielen anderen. Die Sphären sind getrennt, doch wandert der Blick beständig von der einen Epoche zur anderen. Fragend, was die eine Kunst wohl mit der anderen zu schaffen haben könnte.

Lange war Greco vergessen. Die wenigen, die das exaltierte Werk noch kannten, hielten ihn bestenfalls für einen Sektierer mit schwerem Augenfehler. Dann aber, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Grecos groß in den Museen herumgezeigt wurden, als man sich berauschen konnte am bengalischen Leuchten, an dem malerischen Furor, der überdrehten Figurenwelt, da waren viele wie vom Kunstblitz getroffen. Und liebten den lang verschollenen Ahnherrn nicht zuletzt, weil sie so wunderbar wenig über ihn wussten.