Entwicklungshilfe : Wo war die Weltbank?

Die größten Erfolge in der Armutsbekämpfung wurden von den Regierungen der Entwicklungsländer selber erzielt.
Der frühere brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva (links) mit seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff © Pedro Ladeira/AFP/Getty Images

Was für ein Abgang für den scheidenden Weltbankpräsidenten Robert Zoellick! Die extreme Armut auf der Welt ist auf dem Rückzug. So berichtet es zumindest: die Weltbank. Die Zahl der extrem Armen sei zwischen 1981 und 2008 von 1,94 Milliarden auf 1,29 Milliarden zurückgegangen, während die Weltbevölkerung insgesamt wuchs.

Doch leider gibt es Probleme mit diesen Zahlen. Erstens bezeichnet die Weltbankstudie nur diejenigen Menschen als extrem arm, die weniger als 1,25 Dollar am Tag zum Leben haben. Die Zahl der Armen aber, die zwischen 1,25 und 2 Dollar verdienen, ist dramatisch gestiegen: von 648 Millionen Menschen auf 1,18 Milliarden. Das zweite Problem: Wo es Erfolge gab, waren sie eher selten auf die Weltbank zurückzuführen – die routinemäßig marktliberale Finanz- und Wirtschaftsinstrumente empfahl wie Strukturanpassungen, drastische Kürzungen öffentlicher Ausgaben, exportorientiertes Wachstum und das Einwerben von Auslandsinvestitionen. Erfolgreich waren dagegen in erster Linie Wachstums- und Entwicklungsprogramme, die in den Schwellenländern selbst entwickelt und von ihnen auch bezahlt wurden.

Auch die Weltbank sagt, dass ohne die fulminanten Entwicklungssprünge der drei Schwellenländer China, Indien und Brasilien die Reduktion der extremen Armut weniger bemerkenswert verlaufen wäre. Die Zahl der in China lebenden extrem Armen allein konnte zwischen 1981 und 2008 von 835 Millionen auf 173 Millionen gesenkt werden.

Die Autor

Erich Vogt lehrt Internationale Entwicklungspolitik an der Elliott School of International Affairs an der George Washington University in Washington, D. C. Seit vielen Jahren beobachtet er die Weltbank

China erlaubt anderen Staaten und Entwicklungsorganisationen schon aus Gründen der Staatsraison keine unmittelbaren Eingriffe in die innere Entwicklung. Doch die Führung ist auch davon überzeugt, dass das »chinesische Modell« – autoritäres Regime plus gelenkte Marktwirtschaft – wirksamer bei Armutsbekämpfung und beim Meistern des großen Transformationsprozesses ist. Das Land kann sich seinen Sonderweg auch leisten. Chinas Entwicklungsbank CDB, die fast 800 Milliarden Dollar Vermögen hat, entscheidet autonom über die Ausgestaltung ihrer Wirtschafts- und Entwicklungspolitik. Die 2010 von der Weltbank an China überwiesenen 1,4 Milliarden sind dagegen Peanuts.

Ähnlich ist es in Brasilien. Seit der Wahl des ehemaligen Gewerkschaftsführers Luiz Inácio Lula da Silva zum Präsidenten und auch unter seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff hat die Politik eine nationalistischere und sozialdemokratischere Ausrichtung erhalten. Die Verteilung von Wohlstand soll international wie national »gerecht« organisiert werden. International wurde dazu unter anderem die Gruppe der 20 gegründet, ein Zusammenschluss von Entwicklungs- und Schwellenländern, die ein Gegengewicht gegenüber den USA, der EU, dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank bilden soll. National geht es darum, die nach wie vor gewaltigen sozialen Ungleichheiten abzubauen. Programme wie Fome Zero (»Null Hunger«) und Bolsa Família (»Familienzuschüsse«) wurden aufgelegt, um Armut abzubauen.

Die von Lula betriebene Ausbeutung und Kapitalisierung des natürlichen Reichtums des Landes spülte Milliarden in die Kassen der Entwicklungsbank BNDES, die allein 2010 über 96 Milliarden Dollar für die inländische Entwicklung bereitstellen konnte. Mehr als doppelt so viel, wie die Weltbank weltweit an Entwicklungsgeldern auszahlte. Ein Ergebnis: Der Anteil der extremen Armut in Brasilien ist von 10 Prozent im Jahr 2004 auf 4 Prozent im Jahr 2009 gesunken; die Zahl der Armen, die von weniger als 2 Dollar pro Tag leben, wurde von 21,7 Prozent im Jahr 2003 auf 9,9 Prozent im Jahr 2009 reduziert.

Schwellenländer, die es sich leisten konnten, haben zuletzt ihre eigenen – erfolgreichen – Wege zur Armutsbekämpfung beschritten, und das spricht für sich. Wenn am 1. Juli der neue Mann Jim Yong Kim an die Spitze der Weltbank wechselt, muss er für die Rolle der Institution erst mal kämpfen.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Naja...

...wenig überraschend, dass Neokolonialismus und Neofeudalismus (der sich gern "Neoliberalismus" beschönt) kaum Armutsabbau zur Folge haben.
Sind diese - genau umkehrt - ja doch sichere Triebfedern von Ungleichheitsausweitung, Ausbeutung und Armutswachstum.

Und das es bei der Weltbank wohl weniger um "Entwicklungshilfe" geht, als viel mehr um Kreditknechtschaft und damit ermöglichter billiger Resourcenausbeutung durch die Eerstweltländer, ist ja auch kein großes Geheimnis.

bevor jetzt

wieder so billige Kommentare kommen, nach dem Motto Weltbank bringt nichts, billige Ressourcenausbeute, Neokolonialismus sollte man sich doch mal Gedanken darüber machen, wie ein zukünftiges Zusammenleben auf dieser Welt aussehen soll. Wollten wir ernsthaft gleiche Standards auf der gesamten Welt, dürften wir hier in Deutschland schonmal gar nicht auf diesem Level weiterleben. Alle 2 Jahre neue Computer, schnelle Autos, billiger Sprit, Kaffee ohne Ende..... Angesichts unserer Situation hier in Deutschland kann ich solche Kommentare leider nicht ernst nehmen.

Nehmen Sie es ruhig ernst

Manchen ist es nicht einmal bewusst, ich würde auf jeglichen Luxus sogar dicke Steuer auflegen.
Auf Fleisch, Autos, Benzin und Diesel, Smartphones und sogar eine Urlaubssteuer!
Ach und noch was interessantes, jeglicher Gewinn der allein durch den Zins erwirtschaftet wurde, eine 95% Steuer drauf.
Investitionen in Länder wo die Armutsgrenze sehr hoch ist, da würden dann keine Steuern anfallen.

Kampf gegen Armut fängt bei uns an, in unseren Haushalten.
Soziologen predigen seit Jahrzehnten, wir sollen Verzicht üben, nachhaltig Leben. Was machen wir?

Kaufen uns einen 500$ Bürger mit feinsten Trüffeln und Blattgold....

War ja zu erwarten

Wollten wir ernsthaft gleiche Standards auf der gesamten Welt, dürften wir hier in Deutschland schonmal gar nicht auf diesem Level weiterleben.

Naja, aber genau diese "Zinsfinanzsystem/Kapitalimus/Großbanken/Dollar-Hegemonie"-Kralle verhindert doch aber auch, dass das mögliche Möglich gemacht wird.
Und viel mehr Menschen bessere Lebensbedingungen haben könnten.

Wenn in dem Dokufilm "Taste The Waste" davon die Rede ist, dass 62% (!!!) aller Lebensmittel bei uns auf dem Müll landen, und zwar bevor sie bei Kunden auf dem Tisch landen, und das zweimal soviel wäre, wie es bräuchte, um alle Hungernden der Welt satt zu machen....

...dann wird doch ersichtlich, dass wir Menschen weniger ein "Produktionsproblem" haben, als vielmehr ein "Verteilungssystemproblem".

Und Weltbank und IWF sind halt ein Teilinstrument dieses perversen Systems, das Ungleichheit und Ungerechtigkeit künstlich aufrechterhält.

UNCTAD wird bekämpft

Die Weltbank und auch der IWF sind auf ganzer Linie gescheitert. Inzwischen ist so gut wie jedem klar, dass diese Vereinigungen nur den westlichen Ländern in ihrer Machtpolitik dienen und dem neoliberalen Finanzsystem unterworfen sind.

Vereinigungen wie die UNCTAD, die noch als weitesgehend unabhängig gelten, werden von Europa und der USA aus dem wissenschaftlichen Diskurs herausgedrängt. Man möchte das Mandat beschränken, da die UNCTAD beeindruckende zahlen liefert die belegen wie falsch die neoliberale Entwicklungspolitik bisher verlaufen ist.

Die Regierungen der westlichen Industrieländer dringen darauf, das Mandat der UNCTAD drastisch zu beschneiden und der Konferenz nahezu jegliche Kompetenzen in Fragen der Makroökonomie und des Finanzsystems zu entziehen. Nach ihrem Willen sollen für diese Themen ausschließlich der Weltwährungsfonds IWF, die Weltbank und die Welthandelsorganisation WTO zuständig sein, in denen – im Gegensatz zur UNCTAD – die Industrieländer dominieren.

http://www.attac.de/aktue...