Was für ein Abgang für den scheidenden Weltbankpräsidenten Robert Zoellick! Die extreme Armut auf der Welt ist auf dem Rückzug. So berichtet es zumindest: die Weltbank. Die Zahl der extrem Armen sei zwischen 1981 und 2008 von 1,94 Milliarden auf 1,29 Milliarden zurückgegangen, während die Weltbevölkerung insgesamt wuchs.

Doch leider gibt es Probleme mit diesen Zahlen. Erstens bezeichnet die Weltbankstudie nur diejenigen Menschen als extrem arm, die weniger als 1,25 Dollar am Tag zum Leben haben. Die Zahl der Armen aber, die zwischen 1,25 und 2 Dollar verdienen, ist dramatisch gestiegen: von 648 Millionen Menschen auf 1,18 Milliarden. Das zweite Problem: Wo es Erfolge gab, waren sie eher selten auf die Weltbank zurückzuführen – die routinemäßig marktliberale Finanz- und Wirtschaftsinstrumente empfahl wie Strukturanpassungen, drastische Kürzungen öffentlicher Ausgaben, exportorientiertes Wachstum und das Einwerben von Auslandsinvestitionen. Erfolgreich waren dagegen in erster Linie Wachstums- und Entwicklungsprogramme, die in den Schwellenländern selbst entwickelt und von ihnen auch bezahlt wurden.

Auch die Weltbank sagt, dass ohne die fulminanten Entwicklungssprünge der drei Schwellenländer China, Indien und Brasilien die Reduktion der extremen Armut weniger bemerkenswert verlaufen wäre. Die Zahl der in China lebenden extrem Armen allein konnte zwischen 1981 und 2008 von 835 Millionen auf 173 Millionen gesenkt werden.

China erlaubt anderen Staaten und Entwicklungsorganisationen schon aus Gründen der Staatsraison keine unmittelbaren Eingriffe in die innere Entwicklung. Doch die Führung ist auch davon überzeugt, dass das »chinesische Modell« – autoritäres Regime plus gelenkte Marktwirtschaft – wirksamer bei Armutsbekämpfung und beim Meistern des großen Transformationsprozesses ist. Das Land kann sich seinen Sonderweg auch leisten. Chinas Entwicklungsbank CDB, die fast 800 Milliarden Dollar Vermögen hat, entscheidet autonom über die Ausgestaltung ihrer Wirtschafts- und Entwicklungspolitik. Die 2010 von der Weltbank an China überwiesenen 1,4 Milliarden sind dagegen Peanuts.

Ähnlich ist es in Brasilien. Seit der Wahl des ehemaligen Gewerkschaftsführers Luiz Inácio Lula da Silva zum Präsidenten und auch unter seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff hat die Politik eine nationalistischere und sozialdemokratischere Ausrichtung erhalten. Die Verteilung von Wohlstand soll international wie national »gerecht« organisiert werden. International wurde dazu unter anderem die Gruppe der 20 gegründet, ein Zusammenschluss von Entwicklungs- und Schwellenländern, die ein Gegengewicht gegenüber den USA, der EU, dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank bilden soll. National geht es darum, die nach wie vor gewaltigen sozialen Ungleichheiten abzubauen. Programme wie Fome Zero (»Null Hunger«) und Bolsa Família (»Familienzuschüsse«) wurden aufgelegt, um Armut abzubauen.

Die von Lula betriebene Ausbeutung und Kapitalisierung des natürlichen Reichtums des Landes spülte Milliarden in die Kassen der Entwicklungsbank BNDES, die allein 2010 über 96 Milliarden Dollar für die inländische Entwicklung bereitstellen konnte. Mehr als doppelt so viel, wie die Weltbank weltweit an Entwicklungsgeldern auszahlte. Ein Ergebnis: Der Anteil der extremen Armut in Brasilien ist von 10 Prozent im Jahr 2004 auf 4 Prozent im Jahr 2009 gesunken; die Zahl der Armen, die von weniger als 2 Dollar pro Tag leben, wurde von 21,7 Prozent im Jahr 2003 auf 9,9 Prozent im Jahr 2009 reduziert.

Schwellenländer, die es sich leisten konnten, haben zuletzt ihre eigenen – erfolgreichen – Wege zur Armutsbekämpfung beschritten, und das spricht für sich. Wenn am 1. Juli der neue Mann Jim Yong Kim an die Spitze der Weltbank wechselt, muss er für die Rolle der Institution erst mal kämpfen.