Ballungszentrum am Bosporus: Ein starkes Beben scheint in Istanbul nur eine Frage der Zeit. © Fatih Saribas/Reuters

Käme das Beben in der Nacht, würden manche zuerst die Schuhe anziehen. Andere finden, die Hose hätte Priorität. Fürsorgliche würden als Erstes zu den Kindern laufen, Gewiefte wollen gleich den präparierten Rucksack unterm Bett hervorziehen, Vorsichtige würden sich sofort davorlegen, und zwar so, dass ihr Körper in jenem rettenden Raum zwischen Bettkante und Boden zu liegen käme, den die herabstürzende Zimmerdecke nicht erreichte.

Um Fragen dieser Art drehen sich an schlechteren Tagen die Istanbuler Stadtgespräche. An besseren Tagen meidet man solche Unterhaltungen tunlichst und genießt diese großartige Stadt. Aber wenn mal wieder die Erde ruckelt, ihre tiefe Unruhe demonstriert, dann rückt die Gefahr ins Bewusstsein. Man lebt in einer Stadt, in der sich 16 Millionen Menschen ballen. Sie halten sich in Wohnsiedlungen auf, in U-Bahnen, auf Autobahnbrücken, in Schulen und Bürotürmen. Sie alle erwartet mit einiger Wahrscheinlichkeit ein großes, zerstörerisches Erdbeben.

Nur ein kleiner Vorgeschmack war das Beben von Izmit, bei dem im Jahr 1999 mehr als 17.000 Menschen starben. Izmit liegt östlich von Istanbul, 60 Kilometer vom Bosporus entfernt, dennoch traf das Beben Teile der Megametropole noch hart. Es gehörte zu einer langen Serie von Erdstößen, die 1939 im ostanatolischen Erzincan ihren Ausgang nahm. Seither bebt es regelmäßig entlang eines Risses im Untergrund, der anatolischen Verwerfung. Die Spannungen im Erdreich haben dabei entlang der Bewegungsrichtung zugenommen, die Katastrophen trafen zuerst ost-, später westanatolische Städte. Das jüngste Epizentrum lag unter Izmit. Das nächste große Beben, sagen Forscher, wird Istanbul ereilen.

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In der Beobachtungs- und Forschungsstation von Kandilli hoch über dem Bosporus sitzt Mustafa Erdik vor einer Kollektion von Bildschirmen, die laufend Daten über Erdbewegungen auswerfen. Im Marmarameer vor Istanbul, sagt er, gebe es drei Erdplattensegmente, die sich seit 250 Jahren nicht mehr bewegten. Wenn sie es tun, erwarten die Forscher ein Beben mit einer Stärke von 7,4 auf der Richterskala. Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Erdbebens in Istanbul liege bei zwei Prozent im Jahr, sagt Erdik. Das sei hoch, vergleichbar mit Tokio oder San Francisco. Bei 60 Prozent liege die Wahrscheinlichkeit, dass Istanbul in den nächsten 30 Jahren stark erschüttert werde.

In Japan seien im März vergangenen Jahres mehrere Plattensegmente gleichzeitig aufgebrochen, deshalb sei das Tōhoku-Beben so stark gewesen. Genau diese Gefahr bestehe in Istanbul auch. Und Erdik sagt, weil die Stadt am Meer liege, sei auch hier ein Tsunami nicht ausgeschlossen – »wenn der Meeresboden aufbricht und ein Gefälle bildet«.

Die Erdbebenwarte Kandilli arbeitet eng zusammen mit dem Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam (GFZ). Mustafa Erdik und Jochen Zschau vom GFZ kennen sich gut, die Daten aus Potsdam laufen bei Erdik in Echtzeit ein. Neben den türkischen Überwachungssensoren, die über ganz Istanbul verteilt sind, betreiben die Potsdamer zusätzlich ein Beobachtungsnetz zu Forschungszwecken. Zschau erklärt die Bedrohung Istanbuls auch mit einer größeren Bewegung der Erdplatten im Nahen und Mittleren Osten. Die arabische Platte drücke gegen die eurasische im Norden und schiebe dadurch die anatolische Platte nach Westen. Anders gesagt: Der asiatische Teil der Türkei bewegt sich unaufhaltsam auf Europa zu, und zwar um drei Zentimeter im Jahr. Das mag europäischen Gegnern eines türkischen EU-Beitritts missfallen, noch unangenehmer ist die Bewegung jedoch für die Istanbuler selbst.

Jeder, der neu in die Stadt kommt, fragt sich: »Wo soll man in Istanbul leben, um sicher zu sein?« Auf Hügeln oder in flachen Flusstälern? Auf Felsen oder Sand? Im Hochhaus oder im Flachbau? In der Bosporusvilla oder im Mehrfamilienbunker? Abgesehen davon, dass nur wenige Istanbuler wirklich die Wahl haben: Einen eindeutigen Tipp geben weder Erdik noch Zschau. Wichtig sei, dass die Eigenfrequenz eines Hauses der Konstruktion gefährlich werden könne, wenn sie mit der des Untergrunds übereinstimme. »Je höher das Gebäude, desto niedriger die Eigenfrequenz – je dünner die Sedimentdecke, desto höher die Untergrundfrequenz«, sagt Jochen Zschau. Deshalb sei ein Hochhaus auf Felsen in der Regel weniger gefährdet als andere Wohnformen. Tatsächlich entstanden solche Klötze in den vergangenen Jahren überall in Istanbul. Nicht schön, aber – auf Fels gebaut – immerhin etwas sicherer.