Das Goethe-Institut wollte mit einer Umfrage von unseren europäischen Nachbarn auf spielerische Art und Weise wissen, wie wir wahrgenommen werden. Zehn Fragen waren zu beantworten – der bedeutendste Deutsche, das/der beste Buch/Film/Bauwerk, was gefällt/was gefällt nicht an Deutschland und so weiter. Mehr als 13.000 Menschen aus 18 Ländern Europas beteiligten sich. Im Mai 2011 wurden die Ergebnisse veröffentlicht.

Das einsame Paar an der Spitze sind Johann Wolfgang von Goethe und Angela Merkel. Auch die Literatur dominiert Goethe, dicht gefolgt von den Grimmschen Märchen. In der Musik liegen Beethovens 9. Sinfonie und Nenas 99 Luftballons ganz vorn. Und Deutschland ist ausgesprochen beliebt, nochmals gesteigert durch den Berlin-Hype. Da gibt es kaum Unterschiede zwischen den europäischen Ländern. Ein freundlicher Blick also auf ein von Selbstzweifeln geplagtes Deutschland?

Woher kommen dann die aggressiven Töne gegen die Deutschen in der aktuellen ausländischen Berichterstattung? Plötzlich taucht das Bild des hässlichen Deutschen wieder auf. Immer neue Erregungswellen durchlaufen die Medien, Klischees und Feindbilder feiern fröhliche Urständ. Offensichtlich haben die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise inzwischen ihre tiefen Spuren hinterlassen, und die gegenseitige polemische Berichterstattung hat zusätzlich die Stimmung angeheizt.

Die weitgehend ökonomische Ausrichtung des Staatenverbundes EU reicht offensichtlich nicht aus, um eine gemeinsame Verantwortung und ein solidarisches Bewusstsein zu entwickeln. Deutschland als die starke Wirtschaftsmacht wird zum einen stellvertretend für die EU als Auslöser für die harten Sparmaßnahmen abgestraft, zum anderen als vermeintliche Hegemonialmacht geächtet.

Durch die gemeinsamen europäischen Verträge ist zweifelsfrei bereits Historisches gelungen, die Schaffung Europas als Raum der Freiheit, der Sicherheit, des freien Personen- und Warenverkehrs. Aber in der politischen Weiterentwicklung ist man eher zögerlich. Noch immer kann der Rat in wichtigen Politikfeldern den Willen des Parlaments übergehen. Es besteht nachweislich eine Reihe von Demokratiedefiziten der EU. Die europäisierten Sachverhalte verlangen dringend nach entsprechenden politischen Gestaltungsstrukturen, die die Volkssouveränität einbinden.

Als weiterer Faktor spielt bei den hilflosen Suchbewegungen hin zu einer zukunftsfähigen Identität Europas das beherrschende marktwirtschaftliche Denken unserer Gesellschaft eine wesentliche Rolle. Während früher das marktwirtschaftliche System meist nur die Produktion von Waren und Dienstleistungen betraf, so erleben wir neuerdings Übersprungeffekte auf alle Lebensbereiche. Alles hat sich dem Prinzip des Nützlichen und Gewinnbringenden unterzuordnen. Jürgen Habermas spricht von einer Kolonialisierung der Lebenswelten. Sport, Kultur, Freizeit, Quoten, die vermarktbaren Informationen bei Facebook – alles folgt diesem Prinzip. Ein solches Denkmuster gefährdet die Prinzipien der Solidargemeinschaft, und es lässt auch politisches Vertrauen schwinden. Hinzu kommt in Krisenzeiten die Einschränkung politischer Entscheidungsmöglichkeiten durch sogenannte Sachzwänge, die dann als übergesetzlicher Notstand oder übergreifende Notkompetenz erklärt werden.

Europa ist weder ein Schmelztiegel noch eine Salatschüssel, sondern ein Mosaik – eine Komposition aus Teilen und Farben, zusammengehalten durch einen mehr oder weniger verbindenden Untergrund und einen Rahmen von demokratischer Grundordnung, Verfassungsstaat und praktiziertem friedlichem Zusammenleben. Vielleicht ist es deshalb sinnvoll, die Wechselbeziehung zwischen Deutschland als Mittelland und seinen Nachbarn jeweils bilateral genauer zu betrachten, um europäische Prozesse besser zu erkennen und nicht nur abstrakt zu fordern. Denn Europäer erzählen bislang keine gemeinsame Geschichte, sie haben getrennte Erlebniskulturen, die aber durch Orientierungsdebatten durchaus zu einem europäischen Erfahrungshintergrund zusammenkommen könnten.