Nicolas Sarkozy © Reuters

Nicolas Sarkozy steht im Schach. Am vergangenen Sonntag wollte er die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahl gewinnen. Das misslang . Und für die Stichwahl am 6. Mai bescheinigen Umfragen dem Sozialisten François Hollande einen Vorsprung von zehn Prozent. Sarkozy bleiben nur wenige Spielzüge offen.

Die Wahlbeteiligung war hoch, die 20,5 Prozent Nichtwähler sind ein harter Kern. Zu kraftraubend, ihn anzubohren. Interessanter sind die 9,1 Prozent, die für François Bayrou gestimmt haben, den Kandidaten der Mitte. Von ihnen werden mehr Stimmen zu Sarkozy wandern als zu Hollande. Das genügt noch nicht. Aber es gibt ein Potenzial, das beinahe doppelt so groß ist wie das der Mitte: die 6,4 Millionen Wähler der Nationalradikalen Marine Le Pen . Etwa 60 Prozent von ihnen würden zurzeit Sarkozy wählen; um zu siegen, müsste er mindestens weitere 15 Prozent von ihnen dazugewinnen. Geht das?

Aus dem Front National von Marine Le Pen, einst eine Traditionskompanie von NS-Kollaborateuren, Algerienkriegern und ihren Nachfahren, entsteht gerade eine neue Formation. Ihr Programm: die Nation als Trutzburg gegen Globalisierung, Immigration, freie Märkte. Unumwunden spricht Marine Le Pen von einer Opposition »gegen das liberale System«, in der »die Patrioten von rechts und links« ihren Platz hätten. Und ausgerechnet ein Sarkozy, der sich 2007 als internationalistischer Modernisierer wählen ließ, will in dieses Lager eindringen?

Auf einen Passierschein der Lagerleitung darf er nicht hoffen. Le Pen hat andere Ziele. Erst den Einzug in die Nationalversammlung im Juni, danach Neugründung einer Partei, zusammen mit dem rechten Flügel der jetzigen Regierungspartei. Schließlich, nach fünf Jahren Hollande, die Präsidentschaft. Diesen Fahrplan würde ein Sieg Sarkozys am 6. Mai nur stören. Folglich liegt es nicht im Interesse Le Pens, ihm Stimmen zuzuführen . Die Tage bis zur Stichwahl sind auch ein Test, wie weit sie das Abstimmungsverhalten ihrer Basis dirigieren kann.

Sarkozy lässt es darauf ankommen. Seit Sonntagabend beschwört er »das Vaterland«, »die Arbeit« und die »Bewahrung unserer Lebensweise« in einem Ton, der an Marschall Pétain erinnert, den Chef des Vichy-Regimes. Außerdem versucht er von der Mitte bis zum rechten Rand alle zu mobilisieren, die einen Horror vor Sozialisten an der Macht haben. »Sie wollen die Linke ? Dann bekommen Sie Griechenland , bekommen Sie Spanien «, rief er am Montag aus. Doch ob dieses »Ich oder das Chaos« ankommt, ist fraglich angesichts einer Präsidentschaft, die selbst chaotische Züge trug.

Der scheidende Präsident hat freilich noch einen Trumpf im Ärmel: das Fernsehduell mit Hollande, das voraussichtlich am kommenden Mittwoch stattfindet. Sarkozy ist, wenn er sich in der Gewalt hat, ein guter Debattierer. Er wird auf den weichen Punkt Hollandes zielen: dessen freundliche Unverbindlichkeit , hinter der sich konzeptionelle Leere verbirgt. Hollande bietet kein Programm an, das der Krise gerecht wird. Ein Debattensieg Sarkozys würde zwar nicht ausreichen, den Favoriten auszustechen, aber er könnte helfen.

Schließlich der Joker: ein dramatisches Ereignis, das die exekutiven Stärken des jetzigen Präsidenten hervorstechen ließe. Zynisch, wer darauf hoffen würde. Aber die Gedanken sind frei.

Also – hat Sarkozy eine Chance? Ja, eine kleine.