ZEITmagazin: Einer geht noch...

Ballack: 2000, der letzte Spieltag, die Niederlage in Unterhaching damals war sportlich gesehen eine Tragödie. Wir hatten eine super Mannschaft, hatten eine überragende Saison gespielt und wurden dann am Ende doch noch abgefangen, das war schon sehr bitter.

ZEITmagazin: Herr Ballack, welches waren die wichtigsten Trainer Ihrer Karriere? Von wem haben Sie am meisten gelernt?

Ballack: Ich hatte das große Glück, mit vielen ausgezeichneten Trainern zusammenarbeiten zu dürfen. Hervorheben würde ich Christoph Daum, das war ein besonderer Trainer damals in Leverkusen, ein Ausnahmetrainer für eine Ausnahmemannschaft. Auch die Zeit mit Felix Magath bei Bayern hat mich geprägt, nicht nur wegen der sportlichen Erfolge. Felix Magath hat mir erklärt, dass die Tatsache, dass ich auf fast allen Positionen eingesetzt werden kann, nicht unbedingt ein Vorteil ist. Ich konnte vor der Abwehr spielen, als Zehner, als Achter oder auch ganz vorne drin. »Micha, konzentrier dich auf eine Position, dann wirst du da der Beste sein«, hat er gesagt.

ZEITmagazin: Was macht denn einen guten Trainer aus? Welche Eigenschaften muss er haben?

Ballack: Er muss das besondere Talent eines jeden Spielers erkennen und die Mannschaft als Ganzes emotional erreichen. Heute ist im Fußball vieles sehr wissenschaftlich angelegt. Es gibt Spielsysteme, Videoanalysen, Fitnessprogramme und so weiter. Trotzdem gilt: Das hilft alles nichts, wenn die Ansprache nicht stimmt.

ZEITmagazin: Bezogen auf Sie: Was ist das Geheimnis der richtigen Ansprache?

Ballack: Fußball ist ein einfaches Spiel mit einfachen Regeln. Als Trainer musst du Zugang zum Spieler finden, um die beste Leistung aus ihm herauszukitzeln. Das erreichst du, indem du zu ihm eine Beziehung aufbaust, ihn emotional erreichst, ihm aber auch erklärst, was du mit ihm vorhast. Der Kopf im Fußball, der macht 80, vielleicht 90 Prozent aus, das ist einfach so. Das Herz und das Hirn zu erreichen, das ist, was einen guten Trainer ausmacht: Er muss Pädagoge und Psychologe sein.

ZEITmagazin: Stichwort Ansprache: Können Sie sich an Kabinenansprachen erinnern, mit denen ein Trainer ein Spiel gedreht hat?

Ballack: Einmal bei Bayer Leverkusen, das war so ein Doppelspiel zwischen »Calli« Calmund, dem Manager, und Christoph Daum, dem damaligen Trainer. Wir haben bei Eintracht Frankfurt gespielt und zur Halbzeit 0:1 zurückgelegen. Da hat’s gescheppert in der Kabine.

ZEITmagazin: Das heißt?

Ballack: Zehn, 15 Minuten wurde nur geschrien, da wurden Becher umgetreten, ich glaube, der Calli hat sich einen Zeh gebrochen, als er gegen eine Wasserkiste getreten hat. Wir haben dann 2:1 gewonnen. Und wenn es bei den Bayern zur Pause nicht gut lief, schlug die Stunde von Oliver Kahn. Da ist der ein oder andere schon mal 30 Sekunden später in die Kabine gekommen, weil er wusste, der schlimmste Teil von Kahns Wutausbruch ist schon vorbei. (lacht)

ZEITmagazin: Klingt schrecklich...

Ballack: Eine gewisse rohe Komponente gehört zum Fußball dazu.

ZEITmagazin: Gehört das nicht in die Rubrik »Verblasste Mythen«?

Ballack: Vielleicht ist es über die Jahre etwas ruhiger geworden.

ZEITmagazin: Was ist anders geworden?

Ballack: Zu Beginn meiner Profikarriere waren manche Dinge einfach selbstverständlich, da gab es feste Hierarchien, auf dem Platz, aber auch im Alltag. Das gilt heutzutage nicht mehr als zeitgemäß.

ZEITmagazin: Was genau gilt nicht mehr als zeitgemäß?

Ballack: Wenn der Trainer zum Beispiel vier Wochen mal nicht mit einem Spieler gesprochen hat, dann war das völlig normal. Oder als junger Spieler warst du zwar beim Training dabei, aber Massagen gab’s, wenn überhaupt, erst nach drei oder vier Stunden, wenn die etablierten Spieler fertig waren. Dann durftest du auch mal hingehen und fragen, ob du noch drankommst.