Desertec-ProjektWüstenstrom, eine Fata-Morgana?

Weil die Photovoltaik deutlich billiger geworden ist, gerät das vielversprechende Desertec-Projekt in die Bredouille. von 

Solaranlage in der Wüste Negev in Israel

Solaranlage in der Wüste Negev in Israel  |  © Bright Source

Keine andere Errungenschaft grün inspirierter Technik erfüllt die Deutschen mit so viel Stolz wie der auf ihren Dächern erzeugte Sonnenstrom . Die meisten lieben den Strom aus den bläulich schimmernden Photovoltaik-Modulen – die einen, weil sie als Solarstromerzeuger in den Genuss staatlich organisierter Förderung kommen , die anderen, weil sie das gute Gefühl haben, sauberen Strom zu verbrauchen.

Trotzdem ist eine Frage nicht aus der Welt zu schaffen: ob sich das Land diesen Luxus überhaupt leisten kann. Solarenergie in Deutschland zu nutzen sei so sinnvoll »wie Ananas züchten in Alaska «, sagte der scheidende RWE-Chef Jürgen Großmann .

Anzeige

Ananas? Alaska? Luxus?

Womöglich erweist sich ein anderer Plan als größerer Luxus. Einer, dem nicht nur RWE etwas abgewinnen kann, sondern der die Fantasie vieler Energiewendeanhänger beflügelt: das Vorhaben, Strom aus den menschenleeren, aber sonnenreichen Wüsten Nordafrikas, erzeugt mithilfe spektakulärer Spiegelparks, in die Steckdosen deutscher Haushalte und Betriebe fließen zu lassen. Inzwischen erweist sich diese Technik der Solarenergienutzung – Concentrated Solar Power (CSP) genannt – als reichlich teuer. Auch weil die Photovoltaik auf den Hausdächern im Vergleich dazu so billig geworden ist.

Tatsächlich sinken, anders als es die öffentliche Debatte vermuten lässt, die Kosten für den PV-Strom, so das Kürzel für die Elektrizität vom Dach, rapide. Der Preis für die Module ist allein seit Anfang vergangenen Jahres um rund 40 Prozent gefallen. Das macht nicht nur die vom Bundestag beschlossenen Kürzungen bei der Solarförderung erträglicher. Obendrein bringt der Preisverfall die solare Konkurrenzenergie aus den Wüsten Nordafrikas regelrecht in die Bredouille.

Dabei war vor nicht einmal drei Jahren die Vision namens Desertec den Anhängern der Energiewende fast so wichtig wie die Mondlandung. Wie Donnerhall war das Medienecho, als sich im Sommer 2009 zwölf Unternehmen unter Führung der Münchener Rück zusammenschlossen, darunter RWE, E.on und Siemens , um den Solarstrom aus der Sahara marktfähig zu machen und nach Deutschland zu schaffen. »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit«, das dachten damals viele. Der inzwischen verstorbene »Solarpapst« aus den Reihen der SPD , Hermann Scheer, konnte der Idee zwar nichts abgewinnen – auch weil ihm schwante, das gigantische Vorhaben würde die Macht der großen Energiekonzerne zementieren. Aber Industriemanager, die Hochfinanz und selbst Greenpeace waren sich ausnahmsweise einmal einig: Desertec habe Zukunft.

Heute sagt Markus Lohr, Chefanalyst des Marktforschungsinstituts EuPD-Research in Bonn, er könne das Geschäftsmodell für die solarthermischen Wüstenkraftwerke, das technologische Rückgrat von Desertec, nicht mehr erkennen. Sven Teske, Projektmanager bei Greenpeace und Co-Autor eines Masterplans zur Rettung des Weltklimas, sagt, der Preisverfall bei der Photovoltaik habe die solarthermische Stromerzeugung »extrem unter Druck gebracht«. Das Fachblatt Erneuerbare Energien verabschiedete die CSP-Technologie bereits mit einem Artikel unter der Überschrift Abgesang auf Raten. Und Josef Auer, Energieforscher in Diensten der Deutsche Bank Research erklärt, das Rennen zwischen dem Wüstenstrom und anderem erneuerbaren Strom sei »offen und für Investoren insofern riskant«.

Die Skepsis kommt überraschend, denn die solarthermische Stromerzeugung hat sich bereits in der Praxis bewährt. CSP beruht auf der Konzentration von Sonnenstrahlen mithilfe von Spiegeln. So entsteht enorme Hitze, mit der Wasserdampf erzeugt werden kann. Damit lässt sich eine Turbine antreiben, wie in gewöhnlichen Dampfkraftwerken – nur dient eben die Urkraft der Sonne als Energiequelle. Trotzdem ist das Interesse an der Errichtung der großen solarthermischen Kraftwerke mit ihren riesigen Spiegeln, tonnenschweren Stahlgerüsten, langen Hitzeabsorbern und ausgewachsenen Turbinenhäusern gering geblieben. Deshalb kam es bei der Solarthermie nicht zu den Kostensenkungen, die junge Technologien in wachsenden Märkten üblicherweise erfahren – während Förderprogramme den Weltmarkt für die kleinteiligen Photovoltaik-Anlagen rasch wachsen ließen. Dieses Wachstum hat die Technik so billig werden lassen, dass Solarstrom vom Dach selbst im eher schattigen Deutschland mittlerweile erstaunlich günstig erzeugt werden kann: für weniger als 20 Cent pro Kilowattstunde. Das ist weniger, als Haushalte für Strom aus der Steckdose zahlen müssen, und nicht einmal die Hälfte des Betrages, mit dem die Photovoltaik noch vor drei Jahren zu Buche schlug.

Leserkommentare
  1. Desertec ist nicht Solarkraftwerke in die Wüste bauen, Leitung verlegen und fertig. Es ist ein europäisches Netz der regenerativen Energie, was sich in Visionen von Island bis Nordafrika erstreckt. Es beinhaltet die in Solarzellen und Windkrafträder in Deutschland sowie Wasserkraft in Norwegen als auch Solarthermie in der Sahara. Es handelt sich mehr um ein Projekt der Energieinfrastruktur als der reinen Produktion von Energie. Und ich kann nicht sehen, warum Infrastruktur unnötig wird, nur weil Solarzellen günstiger werden. Der Strom muss ja immernoch von A nach B und irgendwo zwischengespeichert werden.

    Mal abgesehen davon: Desertec wäre auch mit Photovoltaik-Elementen kompatibel. Nur die produzieren leider Nachts keinen Strom. Wärmeenergie kann man begrenzt zwischenspeichern, beispielsweise wird mit Latentwärmespeichern exerimentiert.

    Daher trifft dieser Artikel den Nagel nicht auf den Kopf.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Tut mir Leid, in einem Webeprospekt des regionalen Energieversorges (ganzseitig) war Desertec vor ca. einem Jahr beworben und abgebildet,
    Europakarte einschliesslich Mittelmeer. Ein Schmankerl daraus: Geothermiekraftwerk bei Istanbul, Biomassekraftwerke quer über Europa. usw. usw.

    Soviel Vision war noch nie.

    Super Marketing, was man ja auch an Ihrem Kommentar sieht, aber mehr auch nicht.

    MFG

    Guten Tag,

    ich verstehe Ihre Kritik nicht ganz. Ist das ganze zu Visionär? Zu wenig Visionär? Zu gute Werbung? Ich muss sagen, dass mich die Ziele von Desertec nicht gerade umhauen: 10% der Energie im Jahr 2020 finde ich jetzt noch keine Revolution.

    Die Problematik ist halt nicht ganz einfach, da für die Projektplanung physikalische, technische, wirtschaftliche und viele andere Aspekte berücksichtigt werden müssen. Aber ich muss sagen, dass insbesondere diese Planung sehr gut umgesetzt wird. Beispielsweise beschäftigt sich ein Projekt der DLR allein mit der Evaluation von Standorten von Solarkraftwerken in Afrika. Diese informationen gibt es übrigens hier: http://www.dlr.de/dlr/desktopdefault.aspx/tabid-10200/

  2. Nun fragen sie doch mal die Marokkaner, warum sie ihre Kraftwerke mit Öl anstatt mit der so freundlichen Sonne betreiben ?
    Hat das was mit dem Preis zu tun ?
    Mit der Versorgungssicherheit ?
    Mit der mangelnden Realisierung eines sicheren Netzes ?
    Solange in Nordafrika, angefangen in Ägypten, die Sonnenenergie nicht wirklich genutzt wird, können Sie davon ausgehen, das es unrentabel ist. Oder glauben Sie die können nicht rechnen ?
    Es wäre sicherlich wichtiger gewesen Solarprojekte statt in China dort von unserer Entwicklungshilfe zu fördern, da haben Sie recht. CO2 bleibt CO2, egal wo es erzeugt wird.

    Antwort auf "Global Denken!"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Nun fragen sie doch mal die Marokkaner, warum sie ihre Kraftwerke mit Öl anstatt mit der so freundlichen Sonne betreiben ?"

    Kein Geld für die notwendige Infrastruktur. In Dubai dagegen gibt man gerade Milliardenbeträge für Solaranlagen aus:

    http://www.ansamed.info/ansamed/en/news/sections/economics/2012/01/10/vi...

    reden wir hier über das hoheitsgebiet von diesen leuten von denen gerade einige ihrer ämter verlustig gingen und bei denen,und ihrer familie, man mehrere staatshaushalte hinterm wandschrank fand
    ja warum nur?
    wie war das mit dem atomkraftwerk das frankreich libyen schenken wollte damit die nicht solar und wind bauen....

    - Interesse von Konzernen (siehe dt. G4) so weiterzumachen wie immer
    - Versorgunssicherheit ist kein Problem, da sie ja Backupkraftwerke haben. Man verbraucht weniger Öl, bis man in ferner Zukunft ganz darauf verzichtet.
    - "Oder glauben Sie die können nicht rechnen?" Ja und Nein. Billiger wäre es sicherlich schon (zu dt. Preisen). Allein in Frankreich ist die Vergütung um >50% höher als in Deutschland. Effizienz und Markt muss entstehen. Das dauert.
    - Hohe Investitionssummen müssen erstmal finanziert werden, selbst wenn man weiß, dass es sich in 10 Jahren auszahlt.
    - Investitionszurückhaltung: Wer investiert schon, wenn man denkt, dass es nächstes Jahr noch billiger ist und übernächstes Jahr wiederum billiger? Die Krux von starken Kostensenkungen.
    - Es ist immer auch schwer bzw unfair ein altes Kraftwerk mit einem neuen zu vergleichen. Abgeschrieben gegenüber nicht abgeschrieben. Bei neuen Investitionen lohnt es sich eher auf PV umzuschwenken als alte abgeschriebene billige Kraftwerke zu ersetzen.

    ....

  3. 35. warum

    "Nun fragen sie doch mal die Marokkaner, warum sie ihre Kraftwerke mit Öl anstatt mit der so freundlichen Sonne betreiben ?"

    Gute Frage. Wenn das so toll ist, warum gibt es nicht schon längst in Ägypten, Tunesien, Algerien, etc. riesige Solarparks? An Platz und Sonne mangelt es definitiv nicht.

  4. Hallo ClearMind,
    .
    da haben Sie recht. Nichtmal die Investment-Banker, die eigentlich Spezialisten sein wollen, haben das vorhergesehen. Aber wenn man ein bisschen Überblick im Fach Technik hat, dann kann man schon viele zukünftige Entwicklungen vorausahnen.
    .
    Naja. Banker verstehen halt nur was von Wirtschaft. Das ist ihr Fach.

    Antwort auf ".... und der ..."
    • Dr. No
    • 27. April 2012 9:54 Uhr

    "Solarstrom vom Dach... für weniger als 20 Cent pro Kilowattstunde"

    Die Kalkulation würde ich gern sehen!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Anlagenpreis <1900 €/kWp
    Ertrag: 1000 kWh/kWp
    Vergütung: 19,5 ct/kWh
    Vergütungsdauer: 20 Jahre

    Einnahmen nach 10 Jahren:
    0,195 €/kWh * 1000 kWh/kWp * 10 Jahre =
    1950 €

    Ganz einfach gerechnet ist das Ding nach 10 Jahren abgezahlt. Die Wartung usw und Gewinn werden in den nächsten 10 Jahren erwirtschaftet.

    (Vereinfachte Rechnung)

    • Dr. No
    • 27. April 2012 20:15 Uhr

    Sehr vereinfacht,
    wie setzt sich der Anlagenpreis / Ertrag zusammen?
    Vergütung - für Strom den ich selbst verbrauche - ???
    20 Jahre Betrieb ohne Wartung, Ersatzteile...???

  5. Ich gehe davon aus, dass die Preise für die o.g. Anlagen automatisch fallen werden wenn die Projekte ihr Interesse daran verlieren.

    Soweit ich weiss hat Siemens ein Patent auf die "Speicherstäbe" die mit Öl die Wärme auffangen und dachte vor 2-3 Jahren, dass massig Cash zu holen ist.

    Schade für Siemens, dass Energiekonzerne wirtschaftlich handeln und nicht wie die hysterischen Ökohippies einfach mal nen Aufkleber gegen Atomkraft ans Fahrrad kleben, sich im nächsten Moment aber über steigende Strompreise aufregen.

    Die Bevölkerung (und nicht mal ein Großteil der einzelnen Personen) haben keine klare Meinung zu dem Thema bzw. sind sich der Konsquenzen nicht bewusst.
    M.E. muss die Regierung in solchen Fällen die Richtung vorgeben - ansonsten verläuft das Thema "im Sand".

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Schade für Siemens, dass Energiekonzerne wirtschaftlich handeln und nicht wie die hysterischen Ökohippies einfach mal nen Aufkleber gegen Atomkraft ans Fahrrad kleben, sich im nächsten Moment aber über steigende Strompreise aufregen."

    Wow. Das sagt schon alles. Wenn man keine Ahnung hat, ist man am Stammtisch ja gut aufgehoben.

  6. 39. edit:

    *hat keine klare Meinung

    • joG
    • 27. April 2012 10:04 Uhr

    ...noch finde ich es sehr sinnvoll Kosten von Anderen Tragen zu lassen (hier der Stromkunde), als vom Verursacher (Regierung bzw Steuerzahler), weil das neben allen rechtsstaatlichen und Gerechtigkeiten Fragen, sehr teuere Allokationsverschlechterungen also unnötige Wohlfahrtsverschlechterungen mit sich bringt und nur daher gemacht wird, weil es für die Politik einfacher ist die wirklichen Kosten vor dem Wähler zu verbergen.

    Alles das außen vor. Der Preis für Strom aus dieser Technologie ist weit schneller als jedenfalls ich erwartet hätte. In sonnenreichen Gegenden ist die Energie daraus offenbar konkurrenzfähig, wenn auch es in Deutschland dies mit 20 Cent also zum doppelten Preis konventioneller Energie nicht ist. Aber im Sonnengürtel scheint die Sonne mehr.

    Für mich ist hier die Lehre für Die Grünen: Bravo! Ihr beweist mit den deutschen Subventionen, dass GW Bush recht hatte. Sein Standpunkt war, dass nur eine verbesserte Technologie die CO2 Problematik lösen kann. So scheint es zu laufen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • gquell
    • 28. April 2012 8:45 Uhr

    Das EEG in der ursprünglichen Fassung sollte für eine "Anschubfinanzierung" der regenerativen Energien sorgen, das ist wirklich gelungen.
    Zum Glück haben alle "Fachleute" darüber damals nur gelächelt und die Auswirkungen weitgehend ignoriert. Allein dadurch war der Erfolg möglich. Jetzt bekommen die "Fachleute" mit, was da passiert ist und jetzt werden die Notanker ausgeworfen, damit die vorhandene Macht- und Versorgungsstruktur ja bestehen bleibt. Es ist nur blöd, wenn der kleine Häuslebauer sich mit seiner Solar-, bzw. PV-Anlage von den Energielieferungen der Konzerne unabhängig machen kann. Wo bleibt denn da das Erpressungspotential?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service