GeburtstagskonzertDer Papst mag's protestantisch

Ein Geburtstagskonzert für Papst Benedikt XVI. in Rom: Das Gewandhausorchester spielt Mendelssohn im Vatikan.

Was schenkt man dem Oberhaupt der katholischen Kirche zum 85. Geburtstag? Wie wär’s, um ein bisschen Spannung in die Party zu bringen, mit etwas Protestantischem? Dass der Papst die evangelischen Christen nicht ganz für voll nimmt, sie jedenfalls nicht als echte Kirche akzeptiert, ist ja bekannt. An ein Geschenk, das ein Motto Martin Luthers trägt und von einem protestantisch getauften Juden verfertigt wurde – daran dürfte sich der Pontifex eine Weile erinnern.

Es hätte also als Affront verstanden werden können, dass das Gewandhausorchester Leipzig als Ständchen für Benedikt XVI. ausgerechnet Felix Mendelssohn-Bartholdys Lobgesang ausgesucht hatte. Aber, Überraschung: Der Papst selbst wünschte sich das evangelische Meisterwerk für das Konzert am vergangenen Freitag in der großen Audienzhalle des Vatikans. Wollte er vielleicht selbst ein Zeichen setzen, mehr Ökumene wagen?

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So ganz genau wird man das wohl nie herausfinden, denn die Wege zu einem Geburtstagskonzert für den Nachfolger Petri sind verschlungen. Begonnen hat alles schon im Oktober 2010. Da zog der Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly, Italiener, katholisch, zum wiederholten Mal an den diversen Strippen, die ihn mit dem Vatikan verbinden. »Ich war schon einmal dort, 1964«, erzählte er im Vorfeld der Reise nach Rom. »Mein Vater hatte für Paul VI. die Missa Papae Pauli komponiert. Wir waren mit der ganzen Familie bei ihm, um die erste Kopie der Partitur zu überreichen.« Ein bewegender Moment für den damals Elfjährigen, und als er selbst ein Künstler von Weltruf geworden war, wuchs der Wunsch, mit seinem Orchester den Spuren des Vaters zu folgen. Über seinen Freund Kardinal Ravasi, eine Art vatikanischen Kulturminister, bahnte er die Mission an. Und nur drei Wochen nach dem offiziellen Bewerbungsbrief kam ein Fax von der päpstlichen Präfektur: Man möge kommen, 19. April 2012, 18 Uhr, Musik maximal 60 Minuten.

Vier Werke schlugen die Leipziger vor: Die Messe von Vater Chailly, etwas von Verdi und Bach, schließlich den Lobgesang, ein Leipziger Stück durch und durch, 1840 für die 400-Jahr-Feiern der Stadt zur Erfindung des Buchdrucks komponiert und in der Thomaskirche uraufgeführt. Die Entscheidung für Mendelssohn muss eine päpstliche Herzensangelegenheit gewesen sein, schließlich gewährte die Präfektur dafür eine Verlängerung des Konzerts um exakt 6 Minuten. Für die Leipziger bedeutete es vor allem eine Menge Arbeit, denn die Einladung ist eine zwiespältige Ehre: Honorar wird nicht gezahlt, also muss das Gewandhaus die gesamte Sause für über 200 Musiker selbst finanzieren. Mehr als 400.000 Euro hatte der Orchesterintendant Martin Schulz aufzutreiben; weder Stadt noch Land schossen etwas zu. Doch obwohl nur gut 3 Prozent der Sachsen überhaupt katholisch sind, ließ sich für so ein Ereignis konfessionsübergreifend niemand lumpen.

So sind denn 1.000 Sachsen unter den knapp 7.000 Zuhörern, sie stehen und recken die Hälse, als der Papst am Tag der Tage um 18.07 Uhr die Halle betritt. Sie alle haben ihr Scherflein beigetragen zum prestigeträchtigen Gastspiel; auf den besten Plätzen der Ministerpräsident Stanislaw Tillich (hat zwar nix gezahlt, ist aber katholisch) und die Vertreter diverser Großsponsoren, etwas weiter am Rand diejenigen, die bereit waren, 250 Euro für eine Karte zu zahlen. Mögen die Reichen es schwer haben auf dem Weg ins Himmelreich – beim Weg zum Heiligen Stuhl ist der Geldbeutel schon hilfreich. Viel zu sehen bekommen sie zunächst nicht, beim Einmarsch des Papstes geht es zu wie in der Champions League: Joseph Ratzinger scheint kaum größer als Lionel Messi, und trotz des leuchtend weißen Pileolus auf dem Kopf geht er vor lauter Gedränge im Handyblitzlichtgewitter beinahe unter. Erst als er auf dem goldenen Stuhl gleich neben seinem Bruder Georg Platz nimmt, bessern sich die Aussichten.

Trotz all des Rummels habe Mendelssohns Musik für ihn Priorität bei diesem Projekt, hatte Riccardo Chailly zuvor beteuert. Natürlich war er in Sorge wegen der Akustik der Halle, in der man auch kommunistische Aufmärsche proben oder einen Jumbojet reparieren könnte. »Aber was wir am Klang verlieren, werden wir bei der Spiritualität gewinnen.« Um die zu beschwören, verharrt er vor dem ersten Einsatz an seinem Pult, Aug in Aug mit dem Papst, dann geht er lächelnd ans Werk. Und als leiteten sie höhere Mächte, finden die eröffnenden Soloposaunen ihren Weg durch das Hauptmotiv, jene zwei Takte zum Psalmwort »Alles was Odem hat, lobe den Herrn!«, die so markant sind, das selbst Chaillys kleiner Enkel in Reihe 3 sie mitsingen kann.

Leserkommentare
  1. reicht er den Protestanten seine Hand und läßt die Musik sprechen. Das nenne ich einen grandiosen Marketing-Coup und es zeigt was für ein kluger weiser Mann Herr Ratzinger ist.

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    • dth
    • 25.04.2012 um 21:35 Uhr

    Klar, nette Gesten kosten nichts. Theologisch dagegen bleibt er knallhart. Er ist eben ein guter Politiker mit einer Agenda. Als nicht-Katholik muss man sich daran nicht stören, nur täuschen lassen sollte man sich nicht.

    • dth
    • 25.04.2012 um 21:35 Uhr

    Klar, nette Gesten kosten nichts. Theologisch dagegen bleibt er knallhart. Er ist eben ein guter Politiker mit einer Agenda. Als nicht-Katholik muss man sich daran nicht stören, nur täuschen lassen sollte man sich nicht.

    • eleb
    • 25.04.2012 um 20:23 Uhr

    solch eine jämmerliche Kritik im Stile billigsten Boulevard-jounalismus, die nicht einmal den Organisator des Ereignisses mit richtigem Namen und korrekter Funktion nennen kann. Im Gewandhaus Leipzig gibt es keinen Orchesterindentanten Martin Schulz, nur den sehr verdienstvollen Gewandhausdirektor Prof. Andreas Schulz!

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  2. kulturelles Ereignis. Haben wir ja heute kaum noch.

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  3. und ein Zeichen, dass sich fromme Christen trotz konfessioneller Unterschiede gerade durch die grandiosen Hymnen und traditionellen Lieder vereinigen können und nicht die eigene Konfession und Lehre in den Vordergrund stellen, sondern den universalen Glauben an den Gottvater, den Sohn und den Heiligen Geist.

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  4. der arme mendelssohn-bartholdy!

    zeit seines (nach-)lebens wird der arme mensch mal als jüdischer komponist, dann wieder als christlicher komponist tituliert und wollte dabei doch nur eins: komponist sein und als solcher anerkannt werden.
    nun muß er aufgrund seiner scheinbar entgültigen beschlagnahmung als protestantischer komponist auch noch als möglichen fuß-in-der-tür zur ökumene herhalten.

    wenn er jetzt noch wüßte dass der herr papst gönnerhaft dem orchester erlaubt ihm etwas vorzuspielen!
    würde der job nicht davon abhängen hätten sich wohl einige musiker gefragt: gehts noch?

    denn regel nummer eins und ehrensache im musik-business: man bringt kein geld zu nem gig mit!

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    • dth
    • 25.04.2012 um 21:35 Uhr

    Klar, nette Gesten kosten nichts. Theologisch dagegen bleibt er knallhart. Er ist eben ein guter Politiker mit einer Agenda. Als nicht-Katholik muss man sich daran nicht stören, nur täuschen lassen sollte man sich nicht.

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    dass er sich nicht von kleinen "Zeitgeisten" beirren läßt. Es gab genug Irrungen und Wirrungen in den letzten 2000 Jahren. Der Erfolg der Kirche hängt wesentlich davon ab, den Weg konsequent weiter zu gehen. Glauben gibt vielen Menschen Halt, Glaube braucht Konstanz.

    dass er sich nicht von kleinen "Zeitgeisten" beirren läßt. Es gab genug Irrungen und Wirrungen in den letzten 2000 Jahren. Der Erfolg der Kirche hängt wesentlich davon ab, den Weg konsequent weiter zu gehen. Glauben gibt vielen Menschen Halt, Glaube braucht Konstanz.

    • Ranjit
    • 25.04.2012 um 21:40 Uhr

    Parallel droht der Vatikan derzeit übrigens US-Amerikanischen Nonnen mit dem Kirchenausschluss weil sie nicht deutlich genug gegen Homosexuelle und abtreibende Vergewaltigungsopfer Stimmung machen. Und sie wagten es sich für Frauen im Priesteramt stark zu machen.

    http://www.sueddeutsche.d...

    Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass eine Person die derartiges zu verantworten hat in Deutschland zur Persona non grata wird.

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    die sind zu befolgen - so einfach ist das - so wie Sie auch die Gesetze im Staat zu befolgen haben oder die Gesetze, die in Ihrer Firma herrschen und und und.

    Ich finde es total daneben, zuerst die Gesetze der Kirche anzuerkennen, indem ich einem Orden beitrete um dann anzufangen, aufmüpfig zu werden. Hätten Sie eine Firma, würden Sie sich das von einem Arbeitnehmer gefallen lassen? Ich bin sicher das würden Sie nicht tun . Herr Ratzinger ist ein konsequenter weiser Kirchenmann - und immer wieder: Eine Firma, die seit 2000 Jahren existiert braucht sich nicht belehren zu lassen. Eine 2000jährige Erfolgsgeschichte sollte sich darauf besinnen, worauf dieser Erfolg beruht.Der Erfolg beruht darauf, nicht ständig einem Zeitgeist zu folgen -

    die sind zu befolgen - so einfach ist das - so wie Sie auch die Gesetze im Staat zu befolgen haben oder die Gesetze, die in Ihrer Firma herrschen und und und.

    Ich finde es total daneben, zuerst die Gesetze der Kirche anzuerkennen, indem ich einem Orden beitrete um dann anzufangen, aufmüpfig zu werden. Hätten Sie eine Firma, würden Sie sich das von einem Arbeitnehmer gefallen lassen? Ich bin sicher das würden Sie nicht tun . Herr Ratzinger ist ein konsequenter weiser Kirchenmann - und immer wieder: Eine Firma, die seit 2000 Jahren existiert braucht sich nicht belehren zu lassen. Eine 2000jährige Erfolgsgeschichte sollte sich darauf besinnen, worauf dieser Erfolg beruht.Der Erfolg beruht darauf, nicht ständig einem Zeitgeist zu folgen -

  5. die sind zu befolgen - so einfach ist das - so wie Sie auch die Gesetze im Staat zu befolgen haben oder die Gesetze, die in Ihrer Firma herrschen und und und.

    Ich finde es total daneben, zuerst die Gesetze der Kirche anzuerkennen, indem ich einem Orden beitrete um dann anzufangen, aufmüpfig zu werden. Hätten Sie eine Firma, würden Sie sich das von einem Arbeitnehmer gefallen lassen? Ich bin sicher das würden Sie nicht tun . Herr Ratzinger ist ein konsequenter weiser Kirchenmann - und immer wieder: Eine Firma, die seit 2000 Jahren existiert braucht sich nicht belehren zu lassen. Eine 2000jährige Erfolgsgeschichte sollte sich darauf besinnen, worauf dieser Erfolg beruht.Der Erfolg beruht darauf, nicht ständig einem Zeitgeist zu folgen -

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    Antwort auf "Multitasking"
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    • FranL.
    • 25.04.2012 um 22:28 Uhr

    Die katholische Kirche ist aber noch keine 2000 Jahre alt. Oder wollen Sie behaupten, Jesus wäre Katholik gewesen?

    Die Evangelischen haben übrigens die besten Kirchenmusiker.

    • Ranjit
    • 26.04.2012 um 11:17 Uhr

    Sie propagieren also allen ernstes das kirchliche Gesetze und die Regelungen von Privatunternehmen nicht durch nationale Gesetze und internationale Abkommen und Grundrechtschartas beeinflusst werden sollten?

    Sie werden mir verzeihen wenn ich die freiheitlich demokratische Grundordnung der BRD über den Wünschen und Werten religiöser Gruppierungen verorte.

    Nebenbei bemerkt ändert die katholische Kirche ununterbrochen ihre Werte, Meinungen und Positionen. Die Form der Erde ist so ein Punkt. Und die Unfehlbarkeit des Papstes ist auch keine 2000 Jahre alt.

    Zuletzt noch: Ich belehre nicht die katholische Kirche. Ich merke nur an, dass ihre Werte unvereinbar sind mit den Menschenrechten und den Werten der deutschen Gesellschaft. Es wird zeit dies konsequenter zu vertreten.

    • FranL.
    • 25.04.2012 um 22:28 Uhr

    Die katholische Kirche ist aber noch keine 2000 Jahre alt. Oder wollen Sie behaupten, Jesus wäre Katholik gewesen?

    Die Evangelischen haben übrigens die besten Kirchenmusiker.

    • Ranjit
    • 26.04.2012 um 11:17 Uhr

    Sie propagieren also allen ernstes das kirchliche Gesetze und die Regelungen von Privatunternehmen nicht durch nationale Gesetze und internationale Abkommen und Grundrechtschartas beeinflusst werden sollten?

    Sie werden mir verzeihen wenn ich die freiheitlich demokratische Grundordnung der BRD über den Wünschen und Werten religiöser Gruppierungen verorte.

    Nebenbei bemerkt ändert die katholische Kirche ununterbrochen ihre Werte, Meinungen und Positionen. Die Form der Erde ist so ein Punkt. Und die Unfehlbarkeit des Papstes ist auch keine 2000 Jahre alt.

    Zuletzt noch: Ich belehre nicht die katholische Kirche. Ich merke nur an, dass ihre Werte unvereinbar sind mit den Menschenrechten und den Werten der deutschen Gesellschaft. Es wird zeit dies konsequenter zu vertreten.

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