Der Verleger Rupert Murdoch, Chef des Medienkonzerns News Corporation © Arthur Edwards/News International/Getty Images

Schulden, Pleite und Bankrott – jedes Land in der westlichen Welt kennt die Schlagworte eines drohenden fiskalen Horrorszenarios. Die Briten scheinen die Lösung gefunden zu haben. Anders als in den USA, wo der tiefe Graben zwischen Demokraten und Republikanern die Regierung an den Rand der Zahlungsfähigkeit bringt, herrscht in Großbritannien politischer Konsens über die Marschroute. Die Regierungskoalition aus Konservativen und Liberaldemokraten verfolgt einen radikalen Sparkurs, der sich mit den Notfallmaßnahmen der Euro-Südländer vergleichen lässt. Mit einem Unterschied: Mit der Hoheit über ihre Währung und ihre Zentralbank haben die Briten sich die Flexibilität über ihre Wirtschaftspolitik bewahrt, die den Euro-Staaten fehlt. So konnte Großbritannien sich bisher das Wohlwollen der Finanzmärkte sichern. Trotz eines erdrücken- den Haushaltsdefizits von knapp 11 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung ist die Top-Bonität vorerst sicher. Die Lage sei ernst, aber keineswegs aussichtslos, beschreibt ein Berater von Premierminister David Cameron die Lage.

Allerdings haben es die Briten mit viel größeren Problemen als einem drohenden Staatsbankrott zu tun. In den vergangenen vier Jahren sind in Großbritannien politische und wirtschaftliche Systemfehler zutage getreten, die moralische Grundwerte und den gesellschaftlichen Zusammenhalt infrage stellen.

Da sind zunächst die Banken. Der Crash im Herbst 2008 offenbarte ein System, das sich mit großer Potenz, viel Kreativität und dank einer laxen Regulierung so rasant entwickeln konnte, dass es sich von den Bedürfnissen der Gesellschaft entkoppelte. Von 2005 an schoben die fünf größten Banken bis zu 16 Millionen Kunden Ausfallversicherungen für den Fall der Zahlungsunfähigkeit unter, die diese gar nicht haben wollen. Unterm Strich verdienten die Banken und ihre Versicherungspartner daran 17 Milliarden Pfund, nach heutigem Wechselkurs sind das knapp 21 Milliarden Euro. Schließlich wurde der Fall zur Gerichtssache, und nun haben sich die Geldhäuser bereit erklärt, ihre Kunden mit insgesamt 3,3 Milliarden Pfund zu entschädigen. Einst wären solche Summen vielleicht Peanuts gewesen. In der Rezession aber fehlen sie nun, um den Aufschwung zu finanzieren. Regelmäßig werden die Vorstandschefs bei Schatzkanzler George Osborne vorstellig, um zu erklären, warum sie das mit ihm vereinbarte Ziel, jährlich Kredite in Höhe von 75 Milliarden Pfund an mittelständische Unternehmen zu vergeben, nicht einhalten können. Eine Entschuldigung sind jedes Mal die Entschädigungszahlungen für ihre Kunden.

Kapitalismus funktioniere nur, wenn er sich den Bedürfnissen der Gesellschaft anpasse, so Osborne. Dafür hat er ein Paket zur Reform des Bankensektors vorgelegt, das weit über das hinausgeht, was in Brüssel, Basel, Frankfurt oder Washington diskutiert wird. Von 2019 an wird die Eigenkapitaldecke britischer Banken auf bis zu 20 Prozent angehoben und das Kundengeschäft größtenteils vom Investmentbanking getrennt. Doch ist die Lage zu vertrackt, als dass sie mit einem neuen Regelwerk für Geldinstitute allein gelöst werden könnte. »Die Investmentbanken mögen kastriert werden, aber was sie an Potenz verlieren, gewinnen Hedgefonds dazu, und die sind bekanntlich viel schwerer zu regulieren«, orakelt ein führender Banker aus der City. »Solange der Finanzsektor wie jetzt knapp zehn Prozent des BIP ausmacht, wird die City auf gewisse Art unantastbar bleiben.«

Als Cameron vor zwei Jahren Premierminister wurde, beklagte er die Habgier und Selbstsucht und den Mangel an Solidarität in der Gesellschaft. Er versprach »eine moralische Erneuerung« und wirbt seither für die »Big Society«, in der Nachbarschaftlichkeit und Gemeinsinn den Ton angeben sollen.

Dem Premierminister und der politischen Klasse insgesamt aber fehlt es an Glaubwürdigkeit. Jahrelang ließen sich Parlamentarier Putzfrauen und Gärtner bezahlen, kauften Fernseher auf Kosten des Steuerzahlers, nahmen Hypotheken für Wohnungen auf und verkauften sie mit Profit weiter.