DIE ZEIT: Frau Leutheusser-Schnarrenberger, wie braun war das Bonner Justizministerium der Nachkriegsjahre?

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Das sollen die Historiker ja gerade herausfinden.

ZEIT: Es gibt dazu bislang keine Erkenntnisse?

Leutheusser-Schnarrenberger: Natürlich wissen wir von vielen Einzelfällen. Der vermutlich bekannteste ist der des Strafrechtlers Eduard Dreher, der als Staatsanwalt am Sondergericht Innsbruck Gegner des NS-Regimes verfolgte und später hier im Ministerium Karriere machte. Was aber bis heute fehlt, ist ein systematischer Blick auf das damalige Personal im Haus. Also welche personelle Kontinuität gab es zwischen Reichsjustizministerium und NS-Justiz einerseits und Bundesjustizministerium andererseits. Das betrifft zum Beispiel die Frage, wie belastete Mitarbeiter eingestellt wurden: Ist aus den Personalakten ersichtlich, wer Mitglied in SS, SA oder NSDAP war? Und wer hat diese Leute geholt?

ZEIT: Wie wurde mit Juristen umgegangen, die aus dem Exil zurückkamen? Hat man die bewusst außen vor gehalten?

Leutheusser-Schnarrenberger: Auch dieses Kapitel muss unbedingt durchleuchtet werden.

ZEIT: Einer der Historiker, Manfred Görtemaker, sagte in einem Interview, die Personalakten seien pures Dynamit. Ist das auch Ihr Eindruck?

Leutheusser-Schnarrenberger: Ich habe mit ihm noch nicht über Ergebnisse oder Eindrücke gesprochen. Die Wissenschaftler haben völlig freie Hand. Für uns ist wichtig: Inwiefern ist die personelle Kontinuität mit einer sachlichen verknüpft? Wie weit haben bestimmte Personen die Gesetzgebung beeinflusst? Liegen braune Schatten darüber?

ZEIT: Haben Sie Vermutungen, wohin die Spur führen könnte?

Leutheusser-Schnarrenberger: Ich will nicht spekulieren. Aber natürlich ist es von Interesse, wie die Strafrechtsgesetzgebung in den ersten 20, 25 Jahren der Bundesrepublik erfolgt ist. Da geht es um Fragen der Verjährung, der Amnestie und darum, wer daran beteiligt war. Die Debatte über die Wehrstrafgerichtsbarkeit zum Beispiel – und verbunden damit über die Wiedereinführung der Todesstrafe – wurde offenbar in einer vom Justizministerium initiierten Kommission geführt. Soweit ich weiß, haben sich daran auch Personen beteiligt, die schon im Krieg einschlägig tätig waren und die sagten: Wer aus der Bundeswehr desertiert, der wird mit dem Tode bestraft. Unfassbar. Aber so war das.

ZEIT: Galt das nur für das Strafrecht oder auch für andere Rechtsgebiete?

Leutheusser-Schnarrenberger: Nehmen Sie nur den Fall Franz Maßfeller. Er war bis 1960 Ministerialrat im Ministerium und für Familienrecht zuständig. Ausgerechnet er hatte den Kommentar zu den sogenannten Blutschutzgesetzen geschrieben. Das Familienrecht war bis in die sechziger Jahre hinein geprägt durch die totale Unselbstständigkeit der Frau: Das reichte vom Namensrecht bis hin zu der Tatsache, dass die Frau ohne Zustimmung des Mannes keinen Job annehmen konnte. Und da stellt sich schon die Frage: War dieses antiquierte Familienbild der Tatsache geschuldet, dass es im Ministerium Männer gab, die – vorsichtig formuliert – ein ganz bestimmtes, von der NS-Ideologie geprägtes Frauenbild hatten?