ZEIT: Aber da lässt sich die Frage nach dem Ganzen, nach der Rolle der Juristen im »Dritten Reich«, doch gar nicht ausklammern! Wie ist denn Ihr Blick auf die Juristen dieser Zeit? Waren das geschmeidige, ideologiefreie »Handwerker des Rechts«, die sich in alle Systeme einfügen lassen und jedes Recht anwenden können, oder waren das Überzeugungstäter, echte Nationalsozialisten?

Leutheusser-Schnarrenberger: Die Frage ist provokant. Ich will das überhaupt nicht pauschal beurteilen. Aber einige Namen sind ja bereits bekannt. Ich denke zum Beispiel an jemanden wie den Leiter der Zentralen Rechtsschutzstelle im Bundesjustizministerium, Hans Gawlik. Der war NSDAP-Mitglied und Staatsanwalt am Sondergericht Breslau gewesen, beteiligt an zahlreichen Todesurteilen. Der hat mit seiner Tätigkeit hier im Ministerium die Arbeit der Zentralen Stelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg von Anfang an massiv torpediert. Da waren »fürchterliche« Juristen am Werk.

ZEIT: Werden die von Ihnen beauftragten Gutachter freien Zugang zu allen Akten bekommen?

Leutheusser-Schnarrenberger: Die Kommission hat selbstverständlich freien Zugang zu allen Akten, die sich hier im Ministerium befinden. Wo es noch Beschränkungen gibt, werden wir die aufheben. Es ist wichtig, dass alle Facetten beleuchtet werden. Das ist eine Riesenaufgabe, die da vor der Forschung liegt.

ZEIT: Wird nach Abschluss der Arbeit anderen Historikern, der interessierten Öffentlichkeit und Journalisten dasselbe Quellenmaterial zur Verfügung stehen?

Leutheusser-Schnarrenberger: Das kann ich nicht pauschal mit Ja beantworten. Wir werden auf jeden Fall – anders als in anderen Ressorts – alle Akten dem Bundesarchiv in Koblenz übergeben. Ich will, dass sich jeder interessierte Journalist die Akten ansehen kann.

ZEIT: Wie ist die Besetzung der Kommission zustande gekommen? Anfangs hieß es, der Rechtshistoriker Michael Stolleis aus Frankfurt am Main solle den Auftrag erhalten.

Leutheusser-Schnarrenberger: Wir haben natürlich mit Professor Stolleis gesprochen. Er sagte, er könne das nicht übernehmen, aus persönlichen Gründen – die ich respektiere –, zumal er noch intensiv mit seinem Buch zur Geschichte des Bundesverfassungsgerichts beschäftigt war. Er hat uns ausdrücklich Christoph Safferling empfohlen.

ZEIT: Die Parteien haben ihre eigene Geschichte nie durchleuchtet. Dabei gab es auch dort, gerade in der FDP, bemerkenswerte Kontinuitäten. Ist das ein Nebenmotiv, das Sie leitet: die Aufarbeitung der FDP-eigenen Geschichte?

Leutheusser-Schnarrenberger: Das ist nicht meine Motivation. Ich konzentriere mich ganz auf mein Amt als Bundesjustizministerin.

ZEIT: Haben Sie denn Möglichkeiten, zum Beispiel auf den Bundesgerichtshof einzuwirken, dass auch der sich einmal mit seiner Vergangenheit beschäftigt?

Leutheusser-Schnarrenberger: Natürlich sind Gerichte absolut unabhängig. Aber vielleicht kann es beispielgebend sein, wenn das Ministerium sagt: Wir stellen uns bis heute unserer Vergangenheit. Ich kann nur sagen: Jeder Anstoß ist willkommen.