PerformanceEs fließt Blut!

Der Performance-Künstler Ivo Dimchev ist ein hemmungsloser Narzisst. Aber alles, was er zeigt, ist echt und wahr: Man kann seine Kunst nur lieben – oder hassen. von Renate Klett

Ivo Dimchev

Ivo Dimchev  |  © Ivo Dimchev

Zum ersten Mal sah ich Ivo Dimchev 2005 beim Theaterfestival in Varna/Bulgarien in einer sehr eigenwilligen Aufführung von Sarah Kanes 4.48 Psychosis. Das Solo wurde von einem Mann, einer Frau und zwei Kindern gespielt, alle in knallroter Abendgarderobe, das bittere Psychodrama mutierte zur schrillen Theatershow. Der Tod kam lachend, und Dimchev erschien wie Ionescos Kahle Sängerin – abgründig, grausam und doch auch komisch. In der Folge begegnete ich Dimchev immer öfter. Inzwischen ist er ein Szene-Star, der in der ganzen Welt gastiert – bejubelt, belächelt und beneidet.

Der 1976 in Sofia geborene Performer ist ein Extremkünstler, so wie es Extremsportler oder Extrembergsteiger gibt, ein personifiziertes Gesamtkunstwerk, das sich ausstellt und ausbeutet, verschwendet und verwundet, rücksichtslos gegen sich selbst und alle anderen. Seine Auftritte sind Opfergaben auf dem Altar der Exaltation und Erkenntnis; er verliert sich in sich selbst bis zur Ekstase, aber sein Narzissmus ist nicht peinlich, sondern inspirierend. Denn er ist, und das macht seine Egotrips so beklemmend furios, vor allem ein großer Künstler (und wie alle großen Künstler auch ein großes Kind, das spielen und geliebt werden will).

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Schon als Jugendlicher in Sofia hat er Theater gemacht, später eine Ausbildung zum Opernsänger begonnen, abgebrochen, Schauspiel studiert, abgebrochen – und da es die Kunstform, die er suchte, nicht gab, zumindest in Bulgarien nicht, ging er nach Amsterdam und studierte an der berühmten Dasarts-Akademie, diesmal bis zum Diplom. In all diesen Jahren hat er nebenher stets eigene Performances erarbeitet, meist Soli, die er vor allem in Sofia, Budapest und Wien zeigte. Mittlerweile ist er der schräge Vogel des internationalen Festivalbetriebs und ständig unterwegs. Er hat keinen Agenten, organisiert alles selbst, obwohl er ein eher chaotischer Mensch ist – da kann es schon mal passieren, dass er Saarbrücken für ein Theater in Berlin hält und in den falschen Flieger steigt. Aber eine Aufführung verpasst hat er noch nie, darauf ist er stolz.

Ivo Dimchev

wurde 1976 in Sofia geboren. Mit seinen Stücken tourt er durch ganz Europa, ein Mann, der den Kampf mit dem Publikum als notwendiges »Training« erlebt

Mit seinem 2004 entstandenen Solo Lili Handel gelingt ihm allmählich der breite internationale Durchbruch: Er hat es seither über 300 Mal gespielt, und er spielt es gerne, das merkt man. Die alternde Diva hat ihre besten Tage hinter sich, aber das ist noch lange kein Grund, von der Bühne zu gehen! Im Gegenteil: Das Publikum soll sehen und fühlen, wie ihr Körper verfällt, ihre Stimme zerkratzt. Sie gibt sich preis und berauscht sich an ihrer Zerbrechlichkeit, sie irrt durch die Lügen und Legenden, die sie als ihr Leben behauptet, und sie zapft sich das eigene Blut ab, um es in kleinen Dosen an die Fans zu versteigern. Lilivo ist so euphorisch in ihrem Schmerz, so rührend in ihrer Peinlichkeit, dass alles möglich ist. Der Körper wird Schrei und lässt sich ausweiden, wobei das Schlachthaus wie ein verheißungsvolles Paradies erscheint. Die Aufführung ist von perverser Aufrichtigkeit, man kann sie lieben oder hassen – entziehen kann man sich ihr nicht. Lili Handel wirkt wie eine Fortschreibung der Grotesktänze von Valeska Gert: sehr radikal, sehr expressiv und großstädtisch – und auf komplizierte Weise optimistisch.

Dimchev liebt es, sich selbst und sein Publikum durch solche emotionalen Wechselbäder zu schleifen. Seine Radikalität besteht in seiner Authentizität; er ist alles das, was er zeigt: Frau und Mann, gut und böse, jämmerlich und grandios. Er macht sich dabei ganz bewusst zur Fiktion, komponiert die Stimmungen und Wirkungen, die er erzielen will. »Auf der Bühne zu stehen ist harte Arbeit«, sagt er. »Ich liebe diese Arbeit, und ich weiß, wie man sie macht. Darum baue ich mir eine Struktur, die ich je nach der Atmosphäre im Saal verändern kann.«

Tourdaten

Ivo Dimchev spielt am 9. und 10. Juni in der Kaserne Basel und im Juli und August beim Impulstanz in Wien (die genauen Wiener Termine stehen noch nicht fest)

Er hat gern alles unter Kontrolle. Deshalb spricht er sein Publikum direkt an und hat auch keine Hemmungen, es zum Klatschen aufzufordern, wenn er meint, dass er jetzt einen Applaus verdient. »Wenn sie zu viel lachen, dann genügt es meist, die Intensität zu steigern. Aber wenn sich jemand beispielsweise während der Vorstellung ausführlich die Nase putzt, dann werde ich richtig aggressiv«, sagt er. »Ich respektiere mein Publikum, und ich erwarte, dass es mich auch respektiert.«

Seine Lust am Verkleiden, seelisch wie körperlich, ist immer präsent, und wenn es nur eine Perücke ist. Auf die Frage, warum er eine Perücke trägt, wenn er sie auf der Bühne gleich wieder abnimmt, antwortet er: »Genau deshalb: um sie abnehmen zu können.«

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