Otto Preminger-EhrungIm Scheitern grandiose Filme drehen

Das Filmfestival Locarno verneigt sich vor dem Regisseur Otto Preminger und widmet ihm eine Retrospektive. von Georg Seeßlen

Otto Preminger

Otto Preminger (1906 - 1986) drehte und produzierte Filme und fand es zum Lachen, geschminkt zu werden wie auf diesem Foto von 1963.  |  © Ronald Dumont/Express/Getty Images

Wer einen so wundervollen blanken Holzkopf sein Eigen nennt wie Otto Preminger (zu sehen auf Set-Fotos oder zum Beispiel in dem Film Stalag 17 von Billy Wilder), der kann damit nur durch die Wand wollen. Und genau das ist es, was Preminger geschaffen hat: Kopf-durch-die-Wand-Filme. In Locarno kann man sie nun sehen: Das dortige Filmfestival (1. bis zum 11. August ) widmet Otto Preminger eine große Retrospektive.

Er konnte wohl sehr tyrannisch sein am Set, er reagierte zornig auf Nachlässigkeit, und auch ein Freund wie Robert Mitchum wurde von ihm gefeuert, wenn diesem der Alkohol wichtiger war als das Gelingen eines Films. Otto the Terrible hat man ihn genannt, wahrscheinlich zu Recht. Aber da sind die wachen und verstehenden Augen in diesem Schädel, die etwas ganz anderes sagen. »Ich bin immer sanftmütig gewesen«, sagte Otto Preminger von sich selbst, wahrscheinlich auch zu Recht. Er hatte etwas Großes vor, etwas, das man nur in Angriff nehmen kann, wenn man schrecklich und sanftmütig zugleich ist. Preminger wollte die Moderne nach Hollywood bringen. Das konnte nicht gelingen. Aber während seines Scheiterns hat er ein paar grandiose Filme gedreht.

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Das begann mit einigen Meisterstücken des Film noir, Laura (1944) vor allem, typisch insofern, als eine Tote im Mittelpunkt steht, und auch wieder nicht typisch, weil er nicht in den Gassen von Los Angeles, sondern in der Bürgerwelt von New York spielt – in Premingers Welt, die der Regisseur später mit der Hilfe von Literatur, Musik und Psychologie vergeblich aus der Ruhe zu bringen versuchte. Mit Angel Face (1953) befreite er sich schon ganz vom Genrekino: Die Geschichte ist nicht mehr so wichtig. Preminger interessiert sich dafür, wie Menschen sind. Von da an dreht er die modernsten Filme in Hollywood. Genres sind allenfalls noch Vorwand, zu drehen – sei es ein Western (River of No Return), ein Kriegsfilm (In Harm’s Way), Justizthriller (Anatomy of a Murder) oder eine Komödie (The Moon Is Blue), immer geht es um zwei Dinge: das thematische Wagnis und die formale Klarheit.

Mit Preminger lernt das amerikanische Kino endlich sehen und aussprechen, was im wirklichen Leben geschieht: dass Leute Drogen nehmen und daran zugrunde gehen können (wie Frank Sinatra in The Man with the Golden Arm), dass eine Frau von Sex reden kann und dass man Wörter wie »Jungfrau« und »schwanger« sagen kann (in The Moon Is Blue), dass die schwarze Liste McCarthys eine Beleidigung für Kunst und Menschen ist (Preminger war es, der dem verfemten Drehbuchautor Dalton Trumbo als Erster wieder einen ordentlichen Credit auf der Leinwand gab, für Exodus), dass Amerika, das Kino und der Rest der Welt den Afroamerikanern genauso gehört wie den White Anglo-Saxon Protestants (er erzählt Bizets Carmen als moderne Geschichte in Carmen Jones und hätte Porgy and Bess beinahe vom Hollywood-Studio-Musical-Staub befreit), dass Politik ein Ranküne-Spiel ist, das in einer Tradition von Korruption und Verrat steht (Advise and Consent), dass der Vatikan ein Machtkomplex nebst Gewissensqual ist (The Cardinal) und überhaupt: dass die sexuelle Gewalt niemals aufhört in der sauberen Welt des stählernen Lächelns in Vorstädten und der Boheme.

Man kann sagen, dass nach seinem furiosen Beginn als Studioregisseur und seinem mutigen Schritt zur eigenen Produktion jeder weitere Preminger-Film darauf abzielte, einen Schritt in die Gegenwart zu tun. Dabei war sein Modernisierungskonzept gar nicht so sehr auf eine unverkennbare »Handschrift« angewiesen. Seine Filme bewegen sich so selbstverständlich auf Coolness zu wie die Musiker, mit denen sie sich verbündeten. Kühl, reduziert, aufs Wesentliche konzentriert, manchmal schroff, mit dem Rücken zum Publikum, wenn es sein musste. Und mehrmals vollzog er radikale Kehrtwendungen, die radikalste wohl im vorletzten Abschnitt seiner Karriere, mit drei Filmen, die den letzten Schritt der Moderne in der Kunst versuchen: die Selbstzerstörung. Tell Me, That You Love Me, Julie Moon, Skidoo, Such Good Friends: Endspiele einer hässlichen Bürgergesellschaft in Filmen, die auf der Suche nach einer Ästhetik des Hässlichen sind. Und wer anders als Otto Preminger hätte Groucho Marx als Gott zeigen können, der sich vor seinen Mördern fürchtet?

Natürlich haben Hollywood und der Rest der Welt dieses Ende des Kinos einfach ignoriert.

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Leserkommentare
  1. bonjour tristesse

  2. Danke für diesen Artikel von Seeßlen!

    Aber man hätte noch von Seiten ZEIT ONLINE darauf hinweisen können das "DER MANN MIT DEM GOLDENEN ARM" mit Sinatra heute auf dem WDR kommt.
    Zur unchristlichen Zeit von 23:15 Uhr, aber immerhin:

    http://www.wdr.de/tv/kinozeit/spielfilm/sendungsbeitraege/2012/0731/inde...

  3. Kenne von Preminger bisher nur den sehenswerten "Laura" und den wirklich fabelhaften "Bonjour Tristesse". Es wird Zeit, mehr von ihm zu sehen.

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  • Schlagworte Filmfestival | Festival | Schweiz | Regisseur | Locarno | Film
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