Thomas Oberender wurde im Januar neuer Intendant der Berliner Festspiele. © dpa

Vielleicht ist es nur ein Klischee, dem man aufsitzt, aber irgendwie hätte man nicht mehr damit gerechnet, dass einer der herausgehobensten Kulturposten der Republik, die Intendanz der Berliner Festspiele, auch im Jahr 2012 noch mit einem Intellektuellen reinsten Wassers wie Thomas Oberender besetzt wird. Gehen solche Posten nicht längst an smarte Kulturmanager, die vor allem bei Abendessen mit potenziellen Sponsoren bella figura machen? Das mag ein Klischee sein, und doch ist man über die Personalie Oberender gerührt, weil man sie vom ersten Bauchgefühl her nicht mehr als selbstverständlich erlebt.

Es ließe sich jetzt gegenhalten: Wie, ausgerechnet Thomas Oberender, der seit 2006 als Schauspieldirektor dem Inbegriff teurer Repräsentationskunst, den Salzburger Festspielen, vorstand, soll nun für den Typus des intellektuellen, hochreflexiven Kunst-Impresarios einstehen?

Ohne Einschränkung: Ja.

Und zwar durch eine besondere Begabung. Es gibt viele inspirierende Festival-Kuratoren, die glänzende Programme gestalten, aber Thomas Oberender kann noch etwas mehr: Er kann das, was er tut, erläutern und deuten. Und plötzlich wird begreiflich, welche »Reflexionsmaschinen« (ein Ausdruck, den er sehr schätzt) unsere hoch subventionierten Kulturinstitute im glücklichsten Fall sein können. Er kann die Struktur selber zum Sprechen bringen. Mit einer Hegel-Variation könnte man sagen: die Struktur als sinnliches Scheinen der Idee. Deswegen kann man sich so gut vorstellen, dass Oberender die Festspiele als eine Großorganisation, die Theater, Musik, Tanz und Literatur zusammenführt, so zum Klingen bringt wie ein Dirigent sein Orchester. Die Struktur ist mithin nicht nur ein Apparat, sondern selber konkrete Verkörperung einer bestimmten Form der Gegenwartsreflexion.

Im Moment, erzählt Oberender, seien die Beneluxländer so inspirierend, weil sie ein anderes Modell pflegten als das deutsche Stadttheater. Dort würden nicht Institutionen, sondern Produzenten gefördert: »Ein Theater in den Niederlanden ist so eine Art Kulturhaus, das bespielt wird von wandernden Truppen. Das Geld geht nicht in die Struktur, sondern in die Kompanie.« Auch in Deutschland gebe es diesen zweiten Markt unabhängiger Produktionsstätten, vom Berliner HAU bis zu Kampnagel in Hamburg, von She She Pop bis zu Rimini Protokoll : »Irgendwie spüren wir, dass man dort unmittelbarer an unseren sozialen Konfliktzonen und ihrem ästhetischen Ausdruck dran ist.« Doch wäre Oberender der Letzte, sich über das deutsche Stadttheater lustig zu machen. Zu sehr fasziniert ihn dessen Entstehung als Ort bürgerlicher Selbsterfindung unter feudal-absolutistischen Umständen: »Das wirkt bis heute nach. Wir sind noch immer weniger Bürger eines Staates als einer Kultur.«

Oberender ist unempfänglich für Phrasen und Jargon. Einmal traf ich ihn zufällig in Berlin vor einer Veranstaltung, die Corinne Flick mit ihrer Convoco-Stiftung zum Thema kollektiver Rechtsbruch initiiert hatte. Weil ich keine Ahnung von Convoco hatte, dachte ich, es wäre am einfachsten, mich über diese intellektuell-mäzenatische Bemühung einer sehr reichen Frau beiläufig lustig zu machen. Ich sagte also: »Wie, Sie hier? Und jetzt nehmen Sie auch noch einen Block und einen Stift mit. Wollen Sie wohl gar mitschreiben?« Thomas Oberender ging auf meine ironischen Flapsigkeiten nicht ein, sondern sagte nur: »Ja, da gibt es immer viel zum Mitschreiben.« Und nur weil sein Gesicht generell etwas Verschlossenes hat, war nicht mit Gewissheit zu sagen, ob sich bei diesem Satz nicht gerade ein eisiger Zug um seinen Mundwinkel breitgemacht hatte.

Die Veranstaltung stellte sich dann als sehr ernsthaft und sachorientiert auf höchstem Niveau heraus. Beschämt traf ich beim anschließenden Empfang wieder auf Oberender und sagte, dass ich meine Phrasen von vorhin wohl zurücknehmen müsse. Er erwiderte mit einer gewissen Strenge: »Das hatte ich mir gedacht, dass Sie klug genug sind, sich widerlegen zu lassen.« Und das war definitiv nicht als Kompliment gemeint, sondern eher als Bescheid: gerade noch versetzt.