Der ehemalige niederländische Premier Mark Rutte (rechts) verlässt den königlichen Palast in Den Haag, nachdem er bei Königin Beatrix um seinen Rücktritt gebeten hat. © Robin Utrecht/AFP/Getty Images

»Unsinnige Forderungen«, »Brüsseler Spardiktat« – man kennt derlei Kommentare aus Madrid , Rom, Lissabon oder Athen. Jetzt aber machen sie in Den Haag die Runde, und das verleiht ihnen eine neue Qualität. Die Niederlande – das ist einer der wenigen verbliebenen Euro-Mitglieder mit der besten Bonitätsnote, ein stabilitätsorientierter Nordstaat und ein wichtiger Verbündeter von Angela Merkel , die dem Kontinent mit strengen Haushaltsregeln das Schuldenmachen ein für alle Mal austreiben will.

Wenn also in Den Haag eine Regierung zerbricht , weil sie sich nicht auf die von Deutschland geforderten Sparmaßnahmen einigen kann, dann zeigt das, wie eng es für die Kanzlerin wird. In wenigen Wochen soll der Bundestag den deutschen Fiskalpakt ratifizieren und damit nach den Plänen der Bundesregierung ein neues Zeitalter in Europa einläuten. Dass es tatsächlich so kommt, erscheint nun fraglicher denn je.

Aus Berliner Sicht kommt die Koalitionskrise im Königreich zur Unzeit. In Frankreich hat François Hollande, Sieger in der ersten Runde der Präsidentschaftwahlen , angekündigt, neu über den Fiskalpakt verhandeln zu wollen. Kündigen die Niederlande und Frankreich der Kanzlerin die Gefolgschaft auf, dann bleiben von der Nordallianz nur noch Deutschland und Finnland übrig.

Dabei hatten die Niederländer ihre Staatsfinanzen bisher weitgehend im Griff. Der Schuldenstand des öffentlichen Sektors beträgt 65,2 Prozent der Wirtschaftsleistung – das ist weniger als in Deutschland. Dafür aber belaufen sich die Verbindlichkeiten der niederländischen Privathaushalte auf 133 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In keinem anderen europäischen Land sind die Privatschulden so hoch.

Wie so häufig hat ein Immobilienboom die Verschuldung nach oben getrieben. Die Banken reichten über die Jahre immer neue Kredite aus, und der Konsum florierte. Doch nun fallen die Hauspreise, und die Niederländer halten ihr Geld zusammen. Weil zudem rund 60 Prozent der Wirtschaftsexporte in die Länder der Währungsunion gehen, bremst die Krise in den Südländern den Außenhandel.

Seit mehr als einem halben Jahr schrumpft die niederländische Wirtschaft nun – und weil dem Staat die Steuereinnahmen wegbrechen, leeren sich damit auch die öffentlichen Kassen. Ohne neue Sparmaßnahmen wird das Haushaltsdefizit, nach Berechnungen des Den Haager Forschungsinstituts Centraal Planbureau, auf 4,6 Prozent des BIP steigen. Um den Fehlbetrag, wie mit Brüssel vereinbart, im kommenden Jahr unter drei Prozent der Wirtschaftsleistung zu drücken, müsste die Regierung 14,2 Milliarden Euro einsparen.

Doch wie in Spanien , Italien , Portugal oder neuerdings in Frankreich fürchten auch in den Niederlanden immer mehr Experten, dass der Konsolidierungskurs die Konjunktur abwürgt und am Ende die Schuldenlast nur noch vergrößert. Tatsächlich ist die konjunkturelle Lage in weiten Teilen des Kontinents offenbar prekärer als bislang vermutet: Die Industrie vermeldet Auftragsrückgänge, die Arbeitslosigkeit steigt, die Wirtschaft schrumpft.

So sehen Kritiker die Gelegenheit gekommen, die deutschen Sparfesseln abzuschütteln. Sie können sich neuerdings auf einen einflussreichen Verbündeten berufen. In seinem vergangene Woche vorgestellten neuen Weltwirtschaftsausblick mahnt der Internationale Währungsfonds (IWF) einen »gemäßigten Ansatz« beim Schuldenabbau an.