Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie © Leon Neal-WPA Pool/Getty Images

Nigeria hat über 150 Millionen Einwohner, einen Literaturnobelpreisträger, geschätzte fünf Buchhandlungen und ungefähr ebenso viele potenzielle Literaturnobelpreisträger. Zu denen gehört Chimamanda Ngozi Adichie, von der nun zwölf Erzählungen unter dem Titel Heimsuchungen erschienen sind.

Eine davon dreht sich um James Nwoye, einen Mann von westlicher Bildung, wie er selbst sagt, emeritierter Mathematikprofessor, der in den USA unterrichtet hat und in Europa ausgezeichnet wurde. Er ist 71 Jahre alt und besucht mal wieder den Campus seiner alten Universität in Nsukka, um nach dem Verbleib seiner Pension zu forschen, die ihm seit Jahren vorenthalten wird. Wer weiß, wie es ihm ginge, hätte er nicht Rücklagen aus früheren Nebentätigkeiten und bestünde nicht seine Tochter, eine Ärztin, darauf, ihm aus Amerika Dollars zu schicken. Nun ja, es gibt andere, denen es schlechter geht und die noch länger auf ihr Geld warten. Sein alter Fahrer zum Beispiel, den er an jenem Tag trifft und der vermutet, dass der neue Rektor mit dem veruntreuten Geld spekuliere, wenn es nicht vorher der Bildungsminister abgegriffen habe.

Zu seiner Überraschung trifft Nwoye noch einen alten Bekannten an jenem Nachmittag: Ikenna Okoro, den er vor 40 Jahren zum letzten Male gesehen und längst tot geglaubt hat. Gestorben in einer jener Feuersbrünste, in denen die nigerianischen Truppen die Republik Biafra verbrannten. Doch Okoro hat es irgendwie geschafft, nach Schweden zu fliehen, wo er die letzten Jahrzehnte verbracht hat, jetzt zieht es ihn wieder nach Nigeria. Man frischt Erinnerungen auf. James Nwoye erwähnt seine Tochter: »›Der Krieg hat uns Zik genommen‹, sagte ich in Igbo. In Englisch vom Tod zu reden hat für mich immer eine verstörende Endgültigkeit gehabt.« Er erwähnt auch seine Frau, die vor drei Jahren gestorben sei, an »getürkten« Medikamenten, das heißt an abgelaufenen und nutzlosen Tabletten. Und dann sagt er noch: »Sie kommt zu Besuch. Sie besucht mich.« In der Harmattan-Zeit sogar wöchentlich, seltener in der Regenzeit. Dann massiert sie ihm den Brustkorb. Doch seiner Tochter erzählt er davon lieber nichts.

Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Enugu in Nigeria geboren. Ihr Vater war der erste Statistikprofessor des Landes. Sie wuchs in Nsukka auf, in einem Haus, in dem früher auch Chinua Achebe gewohnt haben soll – der Homer der afrikanischen Literatur. Im Alter von 19 Jahren ging sie in die USA und studierte dort. Heute pendelt sie zwischen Nigeria und den Vereinigten Staaten. 2004 erschien ihr erster großer Roman Blauer Hibiskus (deutsch 2005), 2006 folgte Die Hälfte der Sonne (deutsch 2007), dazwischen eine Reihe von Erzählungen, die unter dem Titel The Thing Around Your Neck 2009 gesammelt erschienen. Heimsuchungen ist gar kein schlechter deutscher Titel. »Gebäude stürzen ein, Renten werden nicht bezahlt, Politiker werden ermordet, Krawalle liegen in der Luft ... und trotzdem liebe ich Nigeria«, hieß ein Artikel, den Chimamanda Adichie 2006 für den britischen Guardian schrieb.

Nigeria ist die Erfindung blasierter britischer Kolonialoffiziere, die am Sherrytisch ein paar Linien auf der Landkarte zogen, und eine beschwipste Offiziersgattin taufte das so umrissene Gebiet Nigeria. Nach diesem Gründungsakt durfte die Moderne durchs Land toben. In einer hysterischen Orgie hat sie alles zerstört. Die Metropole Lagos darf man als eine Art Ground Zero dieses Wahnsinns besichtigen. Nigeria gibt es nicht und auch keine Nigerianer. Identität ist beim besten Willen nicht erkennbar. Doch in den zwölf Heimsuchungen Adichies entdecken wir etwas anderes: Die Geschichten handeln von Identitätssuche – sie stöbern in den Resten, suchen verschüttete Zeichen, lauschen auf das Klopfen der Geister. Sie finden fast nichts Nennenswertes – nur so viel vielleicht, um den Fallen der großen weißen Assimilation zu entkommen.

So wie James Nwoye, der um die engen Grenzen des Realen weiß und doch die Besuche seiner verstorbenen Frau als Tatsache erlebt, wie all die nigerianischen Frauen, die die Ehe, das Exil oder das Studium nach Amerika verschlagen, irgendwann merken, dass sie im falschen Film auftreten. Das hat nichts mit Kritik zu tun, nur mit – Heimsuchungen. Und so geht es auch der nigerianischen Schriftstellerin, die auf einem Kongress afrikanischer Schriftsteller – gesponsert von der Chamberlain Arts Foundation und Lipton – feststellt, dass sie keine »typisch afrikanische Literatur« schreiben will, wie man von ihr verlangt, weil die ihr als eine Art geschützter Themenpark im Reich »der universellen Weißwerdung« erscheint.

Doch es wäre falsch, in diesen Geschichten Militanz zu vermuten. Es sind wunderschöne und außerordentlich gelassene Andachten an eine Heimat, die gelegentlich aufblitzt – und noch lange nicht bewohnbar ist. Eine Heimat, die noch erschrieben werden muss. Schöne Aussichten – nicht nur für Nigerianer. Adichie vollbringt ohne erkennbare didaktische Absicht das Wunder, auch den weißen Mann davon zu überzeugen, dass James Nwoye gelegentlich Besuch von seiner verstorbenen Ehefrau erhält. In der Harmattan-Zeit wöchentlich, seltener in der Regenzeit.