AfrikaSchluss mit den Retter-Fantasien!

Ist denn in Afrika alles Elend, Krise, Hilflosigkeit? Nein, sagen drei sehr verschiedene Bücher. Jetzt kann man Afrika neu lesen. von 

Kinder schwimmen in einem Fluss in der Nähe der Stadt Chikuni in Süd-Sambia.

Kinder schwimmen in einem Fluss in der Nähe der Stadt Chikuni in Süd-Sambia.  |  © Darrin Zammit Lupi/Reuters

Wenn Kapuscinski das noch erlebt hätte: Vor einigen Monaten kündigte der angolanische Präsident José Eduardo dos Santos an, die Zusammenarbeit mit Portugal auszudehnen, was in diesen Zeiten so aussieht: Angolanische Banken kaufen portugiesische Banken auf, Portugals Premierminister bietet beim Besuch in Luanda die staatlichen Betriebe seines Landes an wie ein Pleitier sein Tafelsilber, arbeitslose Portugiesen erhalten Jobs und Arbeitsvisa in Angola. Fast genau ein halbes Jahrhundert nach Beginn eines blutigen Unabhängigkeitskrieges steht das Verhältnis zwischen ehemaliger Kolonie und ehemaligem Kolonialherren auf dem Kopf: Angola boomt, Portugal bettelt.

Ryszard Kapuscinskis Reportagen über das horrende Ende des Unabhängigkeitskampfes 1975, erschienen in dem Band Another Day of Life, gehört zu den Erstlingswerken, die Europas postkolonialen Blick auf Afrika als Kontinent der Krisen und Katastrophen prägten. In den folgenden Jahrzehnten traten unzählige Reporter in Kapuscinskis Fußstapfen. Im Gegensatz zu ihrem Vorbild vergaßen allerdings viele, dass es hinter jeder Bürgerkriegsfront einen banalen, komischen oder irrwitzigen Alltag gibt, in dem außer Kindersoldaten und Nothelfern auch noch andere Menschen leben und handeln. So hehr der Anspruch ist, Zeugnis über oft verdrängtes Elend abzulegen: Die Krisenreportage verfestigte in unseren Köpfen das Bild eines Kontinents, der nur durch Hilfe von außen vor sich selbst bewahrt werden kann. Der spektakuläre Erfolg der »Kony 2012«-Kampagne ist der aktuellste Ausdruck davon.

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Und nun? Wie schreiben und lesen wir jetzt über Afrika, da dieses Bild immer größere Risse bekommt, da zum ersten Mal eine ehemalige Kolonialmacht bei einer ehemaligen Kolonie um Hilfe bitten muss?

Die erste Variante: Indem man mit den Weißen abrechnet. Nicht mit deren Kolonialpolitik, sondern mit ihrem »Helft Afrika«-Komplex. Dambisa Moyo, sambische Ökonomin mit biografischen Stationen in Harvard, Oxford und bei Goldmann & Sachs, prangert in ihrem Buch Dead Aid die westliche Entwicklungshilfe als Ursache (fast) aller Übel in Afrika an und empfiehlt den radikalen Stopp sämtlicher Zahlungen (ausgenommen Katastrophenhilfe).

Dass Entwicklungshilfe viel zu häufig auf den Bankkonten von Kleptokraten landet, ist ein Missstand, auf den vor ihr schon andere gekommen sind. Moyos Zuspitzung klingt deswegen sehr nach dem Arbeitsmotto: »Je steiler die These, desto höher die Auflage.« Dass diese Hilfe, wie sie behauptet, Kriege anheizt, ist schlicht Unsinn. Dass Entwicklungshilfe grundsätzlich wirtschaftlichen Fortschritt und politische Eigeninitiative erstickt, ist eine hübsche Provokation, als grundsätzliche Aussage aber nicht zu belegen.

Also könnte man das Buch ins Regal für publizistische Tortenwerfer stellen, wären da nicht auch Moyos präzise Kritik an westlichen Pop- und Filmgrößen samt ihren Fan-Gemeinden, die sich in den vergangenen zwanzig Jahren zu weißen Rittern gegen das ewige schwarze Elend aufgeschwungen haben. »Afrika«, schreibt sie, »ist zum Objekt eines weltweit wohlinszenierten Mitleids geworden.« Wenn Bono, Bob Geldof oder George Clooney ihre Ansichten zu Krisen im Sudan oder Kongo inzwischen auf G-8-Gipfeln und im Weißen Haus vortragen, fördert das weniger die Substanz der Debatte als das Stereotyp des hilf- und sprachlosen Afrikaners, über den weiße Superstars ihre schützenden Flügel ausbreiten müssen. Auch postkoloniale Infantilisierung, so Moyo, ist eine Form der Entwürdigung.

Die zweite Variante, heute über Afrika zu schreiben: Man fährt hin und trifft die Leute, die in der westlichen Berichterstattung kaum vorkommen. Bettina Gaus hat für ihr Buch Der unterschätzte Kontinent per Reisebus Mittelschichtfamilien in fünfzehn Ländern besucht und beschreibt Menschen, deren Ambitionen und Ängste europäischen Lesern sehr vertraut vorkommen dürfen: Reicht das Einkommen aus? Ist die Schulbildung für die Kinder bezahlbar? Sollen Töchter und Söhne lieber im Ausland oder in der Hauptstadt studieren?

Leserkommentare
  1. hatte sich mal ein moped (oder sowas) geschnappt und ist von Kapstadt nach Kairo innerhalb eines halben Jahres getuckert. Nach seiner Erzählung sind die Afrikaner von Grund auf liebeswürdige und neugierige menschen. Wenn man nach Afrika geht, sollte man nicht den gebildeten und reichen Euroäer spielen, sondern sich auf die unterste Stufe menschlichen Verständnis stellen. Man sollte den Menschen dort das Gefühl geben ihnen zuzuhören.

  2. Fast überall in Afrika wächst eine Mittelschicht heran, die sich allerdings wenig um Politik kümmert. Erfolgreiche Händler, Handwerker, Lehrer, Anwälte. Diese Menschen sind nicht reich, aber sie brauchen keine Hilfe. Aber sie wollen sich auch nicht mehr Regimen unterordnen, die vorgeben, die Nation, den Fortschritt oder den Wohlstand für alle zu vertreten.Junge Afrikaner haben heute ihre eigenen Ideen wie sie ihre Zukunft gestalten wollen, ihnen geht es weniger darum welche Ressourcen wir zur Verfügung stellen, sondern wie sie ihre eigenen Ressourcen mobilisieren können.
    Volker Seitz, Autor "Afrika wird armregiert"

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  3. nicht ein homogenes Gebilde. Sowohl von der Landfläche (22% der gesamten Erdfläche) als auch der Einwohnerzahl ist es der zweitgrößte Erdteil.

    Er wird von unzähligen Stämmen und Ethnien bewohnt mit ihren unterschiedlichen Kulturen und Lebensweisen: Araber, Berber, Tuareg, Bantu, Peul, Yoruba, Hausa, Mande, Himba, Massai, Buschmänner etc.

    Es gibt mehr als 2000 eigenständige Sprachen und unzählige Dialekte.

    Hinzu kommen die unterschiedlichen Einflüsse, die die Kolonialmächte auf die Regierungsformen, Verwaltungsstrukturen, Mentalitäten und Kulturen der afrikanischen Länder und Regionen hinterlassen haben.

    Die Senegalesen sind stolz auf ihre Demokratie und sie wachen akribisch darüber, während Somalia überhaupt keine Staatsform hat.

    Im Senegal gilt die "Teranga", ein Begriff aus der Sprache Wolof, der soviel wie "herzlich willkommen" oder "Gastfreundschaft" heißt, in anderen Teilen des Kontinents muss man sich als Fremder erst einmal lange Vertrauen erwerben.

    Im Sénégal gibt es keine Todesstrafe, in anderen Ländern werden martialische Praktiken wie die Steinigung praktiziert oder Lynchjustiz zugelassen.

    Für eine Himba-Frau, lebensbejahende Nomaden im südwestlichen Teil Afrikas, ist es normal, während der Ehe auch einmal diverse Liebhaber zu haben, in anderen Teilen Afrikas wäre das das Todesurteil für eine Frau.

    Unterschiedliche Religionen und Mischformen mit animistischen Elementen.

    Also kann man einfach nicht von "DEM Afrika"oder "DEN Afrikanern" sprechen.

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    • Jinja
    • 02. Mai 2012 17:49 Uhr

    Wie Capricia schon bemerkt hat, es gibt nicht "die Afrikaner".
    Also davon zu sprechen, dass "die Afrikaner von Grund auf liebeswürdige und neugierige menschen" sind, ist schlichtweg eine Klischee Bestätigung und genau so realitätsfremd wie "den Europäern" oder "den Deutschen" bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben.

    Wenn man sich in Afrika aufhält, in welchem Land auch immer, dann muss man sich auch nicht "auf die unterste Stufe menschlichen Verständnis stellen" oder den Menschen das Gefühl geben ihnen zuzuhören.
    Solche Aussagen entstehen eben aus genau dem klischeehaften Afrika Bild, welches in diesem Artikel kritisiert wird.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dass Sie dazu Stellung genommen haben.

    Ich denke, dass Bergischerjung20 hier die Ansichten seines Großvaters wiedergegeben hat, die noch sehr dem kolonialen Denken des "zu zähmenden und zu kultivierenden Wilden" mit geminderter Intelligenz verhaftet sind.

    Die Beschreibung "des Afrikaners" als "liebenswürdig und neugierig" wirkte auf mich wie die Beschreibung einer Hunderasse "wachsam, aber kinderfreundlich".

    Einer meiner besten Freunde ("Afrikaner") hat mit einem Begabtenstipendium in der damaligen UDSSR, in Paris und in Deutschland studiert. Er spricht 6 Sprachen fließend.

    Ein Freund von ihm (Afrikaner), der hier lebt, ist promovierter Ingenieur.

    Ich, als weiße Deutsche, bringe es gerade mal auf 4 Sprachen, davon eine nicht fließend.

    Ich habe auch zwei Facebook-Freunde in "Afrika", die sich beide in dem Netzwerk für die Optimierung der Bildung in ihren Ländern einsetzen. Einer ist Direktor einer Schule.

    Umdenken ist angesagt.

  4. dass Sie dazu Stellung genommen haben.

    Ich denke, dass Bergischerjung20 hier die Ansichten seines Großvaters wiedergegeben hat, die noch sehr dem kolonialen Denken des "zu zähmenden und zu kultivierenden Wilden" mit geminderter Intelligenz verhaftet sind.

    Die Beschreibung "des Afrikaners" als "liebenswürdig und neugierig" wirkte auf mich wie die Beschreibung einer Hunderasse "wachsam, aber kinderfreundlich".

    Einer meiner besten Freunde ("Afrikaner") hat mit einem Begabtenstipendium in der damaligen UDSSR, in Paris und in Deutschland studiert. Er spricht 6 Sprachen fließend.

    Ein Freund von ihm (Afrikaner), der hier lebt, ist promovierter Ingenieur.

    Ich, als weiße Deutsche, bringe es gerade mal auf 4 Sprachen, davon eine nicht fließend.

    Ich habe auch zwei Facebook-Freunde in "Afrika", die sich beide in dem Netzwerk für die Optimierung der Bildung in ihren Ländern einsetzen. Einer ist Direktor einer Schule.

    Umdenken ist angesagt.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "@bergischerjung20"
  5. Nach doch einigen Jahren in verschiedenen Ländern Afrikas gelebter und auch gearbeiteter Zeit, immer direkt mit meinen jeweiligen lokalen Kollegen, habe ich es eingestellt Antworten auf diese ganze komplexe Problematik des afrikanischen Kontinents zu finden. Das ist schlicht und einfach unmöglich.
    Sie finden von steinzeitlichen Strukturen und Lebensformen bis zu infrastrukturell gut ausgestatteten Städten alles.
    Was allerdings immer wieder einfach weggelassen wird, ist die Unterscheidung der jeweiligen Länder, insbesondere Subsahara-Afrikas. Obwohl sicherlich viele Parallelen was Lebensart und Betrachtungsweisen existieren, vor allem in der ländlichen Gegend, gibt es doch immer wieder grundsätzliche Unterschiede. Auch ob englische oder französische Kolonialgeschichte haben zum Teil bis heute geprägt.
    Allerdings sollte man nun genauso wenig Schönfärberei betreiben wie man ansonsten immer nur Hoffnungslosigkeit verbreitet hat.
    Schwarzafrikanische Länder haben noch einen sehr weiten Weg vor sich den andere Teile der Welt bereits hinter sich haben. Das muss man akzeptieren und begleiten. Man sollte aber schon noch den einen oder anderen Präsidenten im Auge behalten der Menschenrechte mit Füssen tritt.
    Sonst benutzen andere Mächte schwache Strukturen um ihre Ideologien zu verbreiten. Das sollte man nicht, auch im eigenen Interesse, ignorieren.

  6. Schön, wir solidarisieren uns und es findet ein Wandel des "Afrika-Bildes" statt.
    Wirklich? Beim genauen Hinsehen (und Hinlesen) fällt (wie hier...) jedes Mal auf, dass der 'Afrika-Diskurs' immer durch die Beschreibung "des Anderen" geprägt ist. Das kann man auch nicht damit kaschieren, dass man sagt, "wie vielfältig der Kontinent ist"; der Kern ist dabei stets "Die Anderen".

    Wann hören wir auf zu beurteilen, welche Art der Sichtweise für andere gut ist? Ich glaube nicht, dass wir das mit den USA oder Kanada machen... Ich glaube da liegt der Kern der Sache. Die momentane wirtschaftliche Entwicklung in einigen Regionen des Kontinentes zeigt ja, dass ohne Bevormundung endogen was passiert, wie überall sonst auch. Wahrscheinlich muss man in der Geschichtsschreibung das Ende der Kolonialisierung viel weiter in die Zukunft korrigieren, denn Kolonialisierung hat etwas mit Besdeidlung (lat. colonia: Ansiedlung) zu tun, und medial wird 'Afrika' ja von uns immer noch massiv 'besiedelt' durch die Prägung des einen oder anderen Afirka-Bildes...völlig egal wie dieses aussieht.

  7. "Beim genauen Hinsehen (und Hinlesen) fällt (wie hier...) jedes Mal auf, dass der 'Afrika-Diskurs' immer durch die Beschreibung "des Anderen" geprägt ist. Das kann man auch nicht damit kaschieren, dass man sagt, "wie vielfältig der Kontinent ist"; der Kern ist dabei stets "Die Anderen"."

    Ich weiß ganz genau was Sie damit meinen, aber der Prozess dorthin ist leider ein sehr sehr langsamer. Dieses eurozentristische Denken, mit Europa als "weißem" Standard an dem sich die Welt messen lassen muss und den "Anderen", die an Europa gemessen werden hat sich über Jahrhunderte in die Köpfe der Menschen regelrecht eingebrannt. Ich bin wirklich der Auffassung, dass dies innerhalb einer Generation (und länger beschäftigen wir uns damit ja noch nicht) nicht aus den Köpfen der Menschen herauszukriegen ist. Die intellektuelle Leistung, die hierfür erforderlich ist und die kritische Hinterfragung seiner gesamten Bildung und Sozialisation erfordert dürften nur die wenigsten Menschen hinkriegen.

    Allerdings haben Sie insoweit recht, als man von Journalisten eine gewisse diesbezügliche Sensibilität fordern dürfte.

    Sehen Sie sich nur den, mit guten Absichten verfassten, Kommentar Nr. 3 an. Die "lebensbejahenden" Himba. Sind alle anderen "Kulturen" suizidgefährdet? Ich kann nur vermuten warum die Verfasserung diese Selbstverständlichkeit für hinzufügenswert betrachtet hat, deswegen spreche ich es nicht aus.

    Oder Kommentar 6: "Schwarzafrika" / "Subsahara-Afrika"

    Das braucht Zeit!

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