Eine Mutter stillt ihr Kind (Archivfoto). © Jay Directo/AFP/Getty Images

Muttermilch ist die beste Ernährung für Ihr Kind.« Susanne von Borstell konnte den Satz nicht mehr hören. Er schrie sie von den Packungen an, jedes Mal, wenn sie im Supermarkt nach dem Milchpulver griff. Die künstliche Säuglingsnahrung ohne Gewissensbisse in den Einkaufskorb zu packen, dafür hat die dreifache Mutter lange an sich gearbeitet.

Als sie vor zwei Jahren ihr drittes Kind zur Welt brachte, hatte sie bereits entschieden: Diesmal stille ich nicht. Die Entscheidung stand so fest, dass keine Hebamme im Krankenhaus mehr wagte, ihr zu widersprechen, und keine Stillberaterin vor ihrem Bett noch einmal das Repertoire der Muttermilchwunder abzuspulen begann. »Zwei Abstilltabletten, und die Sache war erledigt«, sagt Susanne von Borstell. Wenn andere im Café oder auf der Parkbank ihre Bluse aufknöpften, um das hungrige Kind anzulegen, holte sie das Fläschchen aus der Thermotasche.

Nur mit einem hatte die erfahrene Mutter nicht gerechnet: Das Bild eines Neugeborenen am Silikonsauger irritiert die deutsche Gesellschaft inzwischen mehr als eine in der Öffentlichkeit stillende Mutter. »Ach, Sie stillen gar nicht?«, wurde Susanne von Borstell von wildfremden Menschen gefragt. »Aber da ist doch bestimmt Muttermilch im Fläschchen, oder?«

Es gehört nicht wenig Mut dazu, in Deutschland eine bekennende »Nichtstillerin« zu sein. Seit Jahren werden die Vorzüge des Stillens dogmatisch gepredigt. Wer sein Kind liebt, der stillt – diese Botschaft ist allgegenwärtig. Und so ist der Vorsatz, Brust zu geben, unter werdenden Müttern inzwischen so selbstverständlich wie die Anwesenheit des Vaters bei der Geburt.

Kaum einem Stoff werden derart viele positive Eigenschaften zugeschrieben wie der Muttermilch. Und ihre Wirkung ist erwiesen: Muttermilch schützt vor Allergien, Magen-Darm-Infekten und Mittelohrentzündungen, transportiert wichtige Vitamine, Mineralstoffe, Enzyme, Hormone und Abwehrstoffe. Gestillte Kinder sind besser gegen Diabetes und Zöliakie gewappnet. Stillende Mütter erkranken weniger häufig an Gebärmutterhals- und Brustkrebs als Frauen, die nicht gestillt haben.Obendrein ist Muttermilch praktisch, immer ausreichend vorhanden, noch dazu in der richtigen Temperatur und gratis.

Auf der ganzen Welt versuchen Wissenschaftler, den letzten Geheimnissen der Muttermilch auf die Spur zu kommen. Einem Bericht der britischen Zeitschrift Nature über den Forschungsstand zufolge sind Wissenschaftler inzwischen sicher, dass Muttermilch Säuglingen hilft, Bakterien und Viren besser abzuwehren, dass sie die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten verringert und die Aktivität ganzer Gengruppen verändert. Der immer wieder auftauchenden Frage nach der höheren Intelligenz gestillter Kinder sind Forscher aus Weißrussland nachgegangen. Sie haben gestillte und nicht gestillte Kinder über sechs Jahre hinweg begleitet – bei der Einschulung zeigten die gestillten Kinder einen im Durchschnitt um sechs Punkte höher liegenden Intelligenzquotienten als die, die ohne Muttermilch aufgewachsen waren.

Die Freien Stillgruppen warnen vor Gesundheitsrisiken aus dem Fläschchen

Daher hält die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch seit vielen Jahren daran fest, dass Babys sechs Monate lang ausschließlich gestillt werden sollten. Danach könne mit geeigneter Beikost begonnen werden, wobei das Kind jedoch weiter »bis zum Alter von zwei Jahren und darüber hinaus« mit Muttermilch versorgt werden sollte. In Deutschland gilt die Förderung des Stillens als »gesundheitspolitische Maßnahme«, weshalb auch 1994 die Nationale Stillkommission ins Leben gerufen wurde. »Muttermilch ist die natürliche Ernährung unserer Kinder«, schreibt sie in ihren Informationsbroschüren. Die Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen warnt gar vorm bösen Fläschchen: »Künstliche Säuglingsnahrung beeinträchtigt die Gesundheit der Kinder und der Mütter.«