DIE ZEIT: Herr Marcinowski, Sie waren im Vorstand der BASF lange für die Forschung zuständig und insgesamt 33 Jahre lang für den Chemiekonzern tätig. Was hat sich in dieser Zeit für Wissenschaftler in der Wirtschaft geändert?

Stefan Marcinowski: Forschung ist noch wichtiger geworden – und kundenorientierter. Die Menschen haben inzwischen fast alles. Nur wer ihre Bedürfnisse besser zu erfüllen weiß, hat die Chance, Geld zu verdienen. So haben wir sogar Kollegen von Henkel auf dem Werksgelände, mit denen wir Spülmaschinentabs entwickeln, die Geschirr auch mit lauwarmem Wasser sauber kriegen.

ZEIT: Das klingt, als wäre der Erkenntnisdrang heute ziemlich zweckgebunden?

Marcinowski: Innovation ist nur begrenzt planbar. Deshalb muss sich jede Volkswirtschaft Grundlagenforschung leisten, um Erkenntnisse zu gewinnen und Nachwuchs auszubilden. Die Industrie arbeitet notgedrungen zweckgebundener, wenn sie das Wissen zu Produkten verarbeitet. Das war immer so. Allerdings sind die beiden Sphären näher zusammengerückt. Und die Welt ist auch insgesamt kleiner geworden: In Ludwigshafen etwa arbeiten wir heute nicht nur mit der Uni Heidelberg zusammen sondern genauso gut mit Universitäten in Shanghai und Boston.

ZEIT: Globalisierung bis ins Werkslabor?

Marcinowski: Zwangsläufig – das gilt übrigens auch für die staatlichen Forschungsstätten selbst. Deutschland bildet junge Leute praktisch zum Nulltarif aus, die in der Welt sehr begehrt sind. Um die Abwanderung heller Köpfe auszugleichen, müssen wir umgekehrt auch attraktiv für ausländische Forscher sein. Da geht es um die Exzellenz unserer Universitäten, aber auch ganz schlicht darum, ob wir als Gesellschaft die nötige Weltoffenheit aufbringen, um im Wettbewerb um Talente mithalten zu können. Fühlt sich ein dunkelhäutiger indischer Forscher an der Universität in Jena wohl, oder muss er dort Angst um seine Familie haben? Die Frage ist auch, ob wir nicht inzwischen als so fortschrittsfeindlich wahrgenommen werden, dass der Mann aus Indien lieber gleich nach Amerika aufbricht. Nach den Debatten über Kernkraft, Nano- und Gentechnik habe ich da meine Bedenken.

ZEIT: Ein Volk der Zweifler und Zauderer?

Marcinowski: Wir Deutschen sind echte Technikfreaks, wenn es um schnelle Autos oder schlaue Handys geht. Aber sobald neue Technologien ins Spiel kommen, deren Nutzen dem Verbraucher nicht so unmittelbar einleuchtet – wie etwa bei der grünen Gentechnik –, haben wir eine völlig andere Gefühlswelt. Da gibt es massiven Widerstand.

ZEIT: Zu Beginn des Jahres hat die BASF angekündigt, ihre Pflanzenbiotechnologie nach Amerika zu verlegen. Haben Sie mit diesem Geschäft eigentlich jemals Geld verdient?

Marcinowski: Bisher nicht. Wir haben ja noch gar keinen Umsatz gemacht, außer mit der Stärkekartoffel Amflora.

ZEIT: Und wie viel hat die BASF investiert?

Marcinowski: Seit 1997 sind rund 1,3 Milliarden Euro in die grüne Gentechnik geflossen. 

ZEIT: Da muss man sich wundern, dass Sie überhaupt noch weiter darauf setzen.

Marcinowski: Im Gegenteil. Wir stehen alle hinter diesem Forschungsgebiet – wissend, dass sich unsere finanziellen Erwartungen wohl erst in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts erfüllen. Dann kommt das trockentolerante Saatgut auf den Markt, das wir mit dem amerikanischen Monsanto-Konzern zusammen entwickeln. Die Bauern in den USA und Lateinamerika warten sehnlich darauf. Und bei Mais, Soja und Baumwolle, die Schadinsekten widerstehen, erreichen die Züchter dort schon heute eine Marktdurchdringung von fast 100 Prozent.