Da ist ein Mann wie Hans-Peter W. , der eine Frau sexuell misshandelt hat, eine andere in ihre Wohnung gezerrt und dort vor den Augen ihres kleinen Kindes vergewaltigt hat ( ZEIT Nr. 51/11). Da sind andere Männer, die getötet, Kinder verletzt, missbraucht haben. Die für so gefährlich, so brutal gehalten wurden, dass der Staat sie zum Schutz der Allgemeinheit weggesperrt hat.

An den Taten dieser Männer gibt es keinen Zweifel. Sie sind bewiesen. Dennoch werden sie nun Geld bekommen . Schmerzensgeld. Vom Staat.

So schwer es zu begreifen ist, dass Täter entschädigt werden, die Menschen zu Opfern gemacht haben, so schwer es fällt, keine Wut über eine Entscheidung zu empfinden, in der sich leicht eine Niederlage der Moral herauslesen ließe: Mörder und Vergewaltiger haben Rechte – wie jeder andere Mensch. Werden sie verletzt, dann haben sie die Möglichkeit, dagegen vorzugehen. Dann steht ihnen wie allen anderen Entschädigung zu.

Den vier Männern, die in Baden-Württemberg geklagt haben, ist Unrecht widerfahren: Der Staat hat sie erst ihre Strafen verbüßen lassen, sie anschließend für zehn Jahre in Sicherungsverwahrung genommen und diese nachträglich verlängert. Nicht wegen einer Tat, sondern wegen eines Verdachts: Dieser Mensch, der vorher eine Frau oder ein Kind vergewaltigt hat, könnte es womöglich wieder tun. Für die verbüßten Zusatzjahre werden sie nun, so das Landesgericht Karlsruhe, mit 500 Euro pro Monat entschädigt, wesentlich weniger, als die Kläger gefordert hatten. Jedem Einzelnen von ihnen stehen zwischen 49.000 und 73.000 Euro zu.

Hans-Peter W., von der Boulevardpresse »tickende Zeitbombe« und »Sex-Gangster« genannt, wird Geld bekommen, weil er nach einer Strafe von sieben Jahren und neun Monaten und einer Sicherungsverwahrung von fast zehn Jahren kurz vor seiner Entlassung erfahren hat, dass er im Gefängnis bleiben würde. Damals hatte die Regierung Kohl die zeitliche Beschränkung der Sicherungsverwahrung aufgehoben. Also saß Hans-Peter W., bis 2009 erst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und anschließend das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass diese unbegrenzte Sicherungsverwahrung gegen die europäische Menschenrechtskonvention verstößt.

Es gibt gute Gründe, daran zu zweifeln, dass Menschen wie Hans-Peter W. sich wieder fangen könnten , wenn sie nur die Chance dazu bekämen. Und es gibt gute Gründe, Männer wie Hans-Peter W. nicht freizulassen. Aber er lebt in Freiheit. Nicht, weil er ungefährlich ist, sondern weil die Bundesregierungen, eine nach der anderen, an einer Sicherungsverwahrung festgehalten haben, die gegen Menschenrechte verstoßen hat und jetzt erst reformiert wird.

Gesellschaft und Politik konnten sich leicht auf dieses Prinzip des unbefristeten Einschließens einigen, das die Rechte der Täter nicht so ernst nahm. Es war politisch wohlfeil und gesellschaftlich akzeptiert, es wurde von Unionspolitikern genauso wie von Sozialdemokraten mitgetragen. Es beruhte auf der Annahme, dass es ginge, bestimmte Täter »für immer wegzuschließen«, wie Gerhard Schröder es seinerzeit als Kanzler forderte. »Wegzusperren«, wie der Schauspieler Til Schweiger vor gar nicht langer Zeit in einer Talkshow forderte und brausenden Applaus vom Publikum bekam. Wer würde auch schon das Risiko tragen wollen, dass einer, der einmal Kinder oder Frauen vergewaltigt hat, vielleicht nicht doch rückfällig wird?

Dieses System ist nun kollabiert. Deshalb musste ein Mann wie Hans-Peter W. freigelassen werden. Darum muss er strenge Auflagen erfüllen und wird rund um die Uhr von mehreren Polizisten bewacht.

Eine Gesellschaft hat das Recht, vor einer Bedrohung geschützt zu werden. Einem Täter, der seine Strafe verbüßt hat und weiterhin als gefährlich gilt, darf zum Schutze der Allgemeinheit die Freiheit entzogen werden – aber kein Mensch darf nachträglich für etwas bestraft werden, wofür er nicht verurteilt wurde, ganz gleich, wie fürchterlich die Straftaten waren, die er begangen hat.

Die vier Kläger, auch Hans-Peter W., haben genau das erfahren. Und deshalb ist es richtig, sie dafür zu entschädigen.

Mehr als 200.000 Euro werden die vier Männer bekommen. Klagen weiterer Betroffener werden ganz sicher folgen. Noch mehr Geld wird fließen. Es scheint schwer erträglich, dass Menschen, die Leben zerstört haben, für ihre verlorenen Jahre im Gefängnis entschädigt werden. Aber wir erleben keinen Missstand von Dauer. Um die 70 Männer sind betroffen. Ihnen muss der Staat für das zahlen, was er zu regeln versäumt hat.