Piraten-Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen © Sean Gallup/Getty

Angst muss man nicht haben. Weder vor den Piraten. Noch um die Piraten. Sie sind jetzt einfach da. Und sie werden mindestens eine Weile in der deutschen Politik herumwirbeln. Mit neun, zehn, vielleicht dreizehn Prozent. Oder sogar fünfzehn, wer weiß, wann die Explosion der Umfragewerte aufhört. Grund genug, genau hinzuschauen. Wer sind diese Neuen? Was treibt sie in die Politik? Und was macht die Politik mit ihnen?

Sie sind jetzt erst einmal da. Und sie haben niemanden um Erlaubnis gefragt. Weder die Grünen noch die SPD, nicht die CDU oder die 68er und auch nicht die etablierten Medien. Das erklärt einige der heftigen Reaktionen auf diese schräge, dissonante, neue Partei: Ihre bloße Existenz ist eine Zumutung.

Eine Zumutung für die Generation Grün, für die Babyboomer, die, als sie noch jung waren, auch einmal eine neue Partei etabliert hatten und jetzt plötzlich mit ihrer Restradikalität furchtbar alt aussehen.

Eine Zumutung für das linke Lager, das langsam begreift, dass da nicht nur einfach Zuwachs kommt, sondern ein Konkurrent, der sicher geglaubte rot-grüne Mehrheiten in Gefahr bringen könnte.

Und ja, die Piraten sind auch eine Zumutung für die traditionellen Medien. Mit ihren Attacken wider das Urheberrecht gefährden sie das ökonomische Fundament des Journalismus. Und mit ihrem Zutrauen in die Kompetenz der vielen, mit ihrem Misstrauen gegen Expertise und Professionalität stellen sie die Rolle der vierten Gewalt infrage. Auch das muss ausgesprochen werden, wenn es um einen ehrlichen Blick auf die Piraten geht: Wie stehen wir Medien zu ihnen? Und wie stehen sie zu uns?

Der beliebteste Vorschlag an die Piraten lautet derzeit, sie sollten sich jetzt erst mal um Inhalte kümmern. Das ist mindestens kurzsichtig, manchmal schlicht verlogen. Wer sich einmal in die Diskussionsforen der Partei einklinkt, der findet eine permanente Diskussion über Inhalte. Da wird keineswegs nur über freie Fahrt in Bussen und Bahnen gestritten oder über das Verbot von Hunderassen. Sondern sehr ernsthaft auch über den Afghanistan-Einsatz und Schulpolitik. Fast verlogen klingt der Vorwurf, wenn man auf die etablierten Parteien schaut. Die andere derzeit leidlich erfolgreiche Partei zum Beispiel, die CDU, besitzt zwar ein säuberlich ausformuliertes Programm, aber ihr Erfolg der vergangenen Jahre hat entscheidend damit zu tun, dass sie sich nicht daran hält, dass sie sich vielmehr nahezu systematisch inhaltlich entkernt hat. Wer so geschmeidig die Positionen wechselt wie die Merkel-CDU, ist nicht ideal geeignet, auf inhaltliche Schärfe bei den Piraten zu pochen.

Die Piraten stehen nicht für Inhalte, sondern für ein Verfahren. Mit ihrem Mitmach-Kult treffen sie ein Grundgefühl der Gesellschaft, ein verbreitetes Bedürfnis nach Partizipation. Wir leben in einer Zeit, in der bloße Anordnungen und gebellte Kommandos nicht mehr ausreichen, um etwas zu erreichen, in Unternehmen nicht, in der Familie nicht und längst auch nicht mehr in der Politik. Auf diese fundamentale kulturelle Verschiebung haben die etablierten Parteien noch keine Antwort gefunden. Sie spüren, wie da etwas ins Rutschen gerät, sie fuchteln mit dem Versprechen von mehr direkter Demokratie herum, aber das wirkt ratlos, getrieben.

Die Piraten sind so etwas wie eine digitale Politisierungsmaschine. Sie ziehen eine Generation in die Politik, die als genetisch unpolitisch abgeschrieben worden war, als Generation von Daddelspielern und Facebookern. Und plötzlich sitzen diese Typen auf Parteitagen herum und in zwei Parlamenten. Vielleicht bald in vier. Unmöglich zu sagen, wie weit dieser Schub trägt. Eines aber ist schon klar: Überall auf der Welt ist die Jugend auf die Straße gegangen. In Deutschland drängt sie in die Parlamente. Das ist erst mal kein schlechtes Ergebnis.

Noch ist nicht ausgemacht: Ändert sich die Demokratie durch die Piraten? Oder ändert die Demokratie die Piraten? Wir werden das beobachten. Und kritisieren. Denn natürlich muss man den Piraten an einigen Stellen hart widersprechen. Bei ihrem selbstgerechten Umgang mit dem Eigentum von Musikern, Schriftstellern, Künstlern vor allem. Und bei ihren Attacken wider die parlamentarische Demokratie.

Die Prinzipien der repräsentativen Demokratie sind ja nichts, was sich ein paar alte, graue Männer in irgendwelchen Hinterzimmern ausgedacht haben, um das Volk von der Macht fernzuhalten. Die Ideen der parlamentarischen Demokratie sind in Jahrhunderten erdacht und durchgesetzt worden. In ihnen steckt die Erfahrung von Generationen, Menschen haben dafür gestritten, gekämpft, manche sind dafür gestorben. Einige der wichtigsten Sätze des Grundgesetzes sind mit Blut geschrieben worden. Nur weil ein paar Neue sie anstrengend oder undurchsichtig finden, stehen sie nicht zur Disposition.