PiratenparteiGet real!

Es ging schnell, sehr schnell: Aus einem Haufen Computer-Nerds wurde eine 13-Prozent-Partei. Nun prallen die Piraten auf die politische Wirklichkeit. von  und

Sebastian Nerz auf einer Pressekonferenz

Sebastian Nerz auf einer Pressekonferenz  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Selten haben sich so viele Hoffnungen, Erwartungen und Projektionen auf eine einzige Person gerichtet. In der Menschenmenge vor dem Tübinger Rathaus bilden Polizisten und Kamerateam einen Zirkel. Die Fußgänger drängen heran, sie wollen den Mann in der Mitte erreichen, ihn berühren. Er tritt aus dem Kreis heraus, er ergreift Hände, die Umstehenden jubeln. Ein anderer Mann in grauem Anzug, einen schwarzen Aktenkoffer in der Linken, schaut etwas ratlos drein, als ihm der Bundespräsident seine Hand entgegenstreckt.

Joachim Gauck bemerkt es gar nicht. Er hat soeben die Hand des zweiten großen Aufsteigers und Hoffnungsträgers der deutschen Politik geschüttelt, die von Sebastian Nerz, des Bundesvorsitzenden der Piratenpartei.

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Für Nerz ist Tübingen Heimat. Hier hat er studiert, hier hat er vor zwei Jahren sein Diplom in Bioinformatik abgelegt. Hier hat er sich in der Welt der mittelalterlichen Fantasy-Rollenspiele verloren, er war tirsales , ein Mann, der im Kampf zwischen den Völkern der Tulamiden und Novadi hin und her gerissen ist. Die Piraten kennen Nerz noch heute als tirsales , es ist sein Pseudonym im Internet. Die Nachmittagssonne fällt warm auf die Pflastersteinstraßen, Nerz biegt in eine schmale Seitengasse ein. Früher ist er oft hierhergekommen, um seine Rollenspiele zu kaufen.

»Der Laden hat zugemacht«, sagt er, »wegen dem Internet. Irgendwann haben wir die Spiele online bestellt.« Sein weiches Gesicht verdunkelt sich kurz. Er sieht aus, als trauere er der alten Zeit nach.

Die Partei von Sebastian Nerz könnte selbst einem Fantasyroman entsprungen sein: Die Menschen der freien digitalen Welt schließen sich zusammen, um die Tyrannei des Analogen abzuschütteln. Ursprünglich waren die Piraten Netzaktivisten, die das Internet als ihren Lebensraum sahen und seine Verteidigung als digitalen Umweltschutz verstanden. Sie kämpften gegen Ursula von der Leyen und die etablierten Politiker, die aus einer anderen Welt kamen und ihre Sprache nicht verstanden.

Inzwischen sehen manche Umfragen die Piraten auf Platz drei im Parteiensystem, vor den Grünen. Die Piraten bezeichnen ihre Ortsvereine und Arbeitsgruppen wie militärische Kampfverbände, Crews und Squads – Bezeichnungen aus dem Computerrollenspiel World of Warcraft . Das mindert ihre Schlagkraft aber nicht im Geringsten. Die Piraten sind im Durchschnitt 32, nein, 40 Jahre alt – das hat sich zuletzt binnen wenigen Monaten geändert, weil sie gerade eine gewaltige Eintrittswelle von älteren Mitgliedern erleben. Kurioserweise gelten die Jüngeren nun als Veteranen.

Sebastian Nerz, der Mann an der Spitze, ist 28 Jahre alt. In seinem Aktenkoffer trägt er einen Fantasyroman mit sich herum, Skullduggery Pleasant. Es ist ein Kinderbuch, Altersempfehlung: 12 bis 15 Jahre, Nerz liest es auf Englisch.

Wer sind die Piraten, was wollen sie? Wer die Frage beantworten wollte, müsste mit 12.000, nein 20.000, nein 27.000 Menschen gleichzeitig sprechen und liefe immer noch Gefahr, dass die Antwort nicht mehr stimmt, während sie noch formuliert wird. Die Partei verändert sich so schnell wie das Internet. Drei Entwicklungen, immerhin, lassen sich beschreiben: Das Verstummen der Parteielite. Die Ankunft der Internetaktivisten in der Welt der Sachpolitik. Und das Wachstum der Partei über das Milieu der Netzcommunity hinaus.

Die sechs Jahre alte Partei hat inzwischen 19 Sitze in den Landesparlamenten von Berlin und dem Saarland, dazu kommen 161 kommunale Mandate. Die Piraten sind keine Protestbewegung mehr, aber auch noch keine normale Partei. Sie sind in einer politischen Pubertät: Sie werden größer, aber sie wissen nicht genau, was sie einmal werden wollen.

Sebastian Nerz gilt als blass und spröde, dennoch wollen in diesen Wochen alle mit ihm sprechen. Er soll die Piraten erklären, ihre Pläne, ihre Erfolge. Nerz erklärt dann, dass die Piraten ein Bedürfnis nach politischer Erneuerung und Bürgerbeteiligung befriedigen. Dass sie eine liberale Bürgerrechtspartei seien, deren Geist von der Freiheit im Internet geprägt sei. Und dass er ansonsten nicht viel sagen könne, er sei ja nur der Parteivorsitzende. Nerz ist vor allem für den Satz »Dazu haben wir noch keine Position« bekannt. Oft sagt er: »Bitte zitieren Sie das nicht.« – »Das ist meine persönliche Meinung und nicht die der Partei.«

Gerade ein Jahr ist es her, dass er zum Vorsitzenden der Piraten gewählt wurde. Damals wollte er »der Stachel im Sitzfleisch der Etablierten« sein. Den anderen Parteien warf er vor, 30 Jahre hinter der Gesellschaft hinterherzuhinken. Bei den Piraten kritisierte er die Abstimmungssoftware Liquid Feedback und den Vorschlag, das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen. Einige Minuten nachdem das Interview bei ZEIT ONLINE veröffentlicht wurde, kamen die ersten Tweets von den Piraten: »Was fällt dir ein, als Parteivorsitzender deine eigene Meinung zu äußern?«

So geht es seither ständig. Mal wurde Nerz angegriffen, weil er laut Bild-Zeitung Innenminister werden wolle, mal weil er über Koalitionen mit politischen Gegnern nachdachte, oft waren es persönliche Angriffe. Mit Mitgliedern der Berliner Fraktion zerstritt er sich derart, dass er vor Kurzem eine Mail an deren Vorsitzenden Andreas Baum schrieb: »Ich habe die Schnauze voll. Auf Twitter schießt jetzt wieder ein Abgeordneter der Fraktion gegen den Bundesverband. Bring DEINER Fraktion mal bei, was elementare Regeln der Höflichkeit und des menschlichen Miteinander sind.« Baum antworte Nerz nicht, sondern veröffentlichte einen Blogeintrag: »Grundsätzlich finde ich es richtig und gut, wenn Kritik geübt wird. Allerdings sollte diese dann auch an den richtigen Adressaten gerichtet sein. Stellvertreterdiskussionen finde ich schlecht.« Nerz war blamiert.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Wir hätten uns sehr darüber gefreut, hätten Sie die den ersten Kommentar dazu genutzt, einen konstruktiven Beitrag zu verfassen. Danke, die Redaktion/se

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    Wieso "denunzieren"? Es werden kritische Fragen gestellt - und das ist doch sehr wichtig & richtig, wenn es um Parteien geht. Oder stehen die Piraten unter Welpenschutz und dürfen nur die schon bestehenden Parteien kritisch hinterfragt werden?

    Für einen angebrachten Vergleich mit der Springer Presse wird mein Kommentar gelöscht?

  2. Die Flaschenpost, das Nachrichtenmagazin der Piratenpartei befragte die Leser zur Vorstandswahl. Über 500 Piraten stimmten ab. Das Ergebnis findet sich unter [1]. Bei der Umfrage zur Vorstandswahl 2011 stimme die Prognose weitgehend. Überraschungen durch spontane Kandidaturen oder zurückgezogenen Kandidaturen sind natürlich nicht ausgeschlossen.

    [1] http://flaschenpost.pirat...

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  3. Der Piratengeistnist zwar frei aber nicht tiefgruendig. Woher auch, es fehlt der Partei an geistigen Schwergewichten. Ausserdem fehlt es an Lebenserfahrung. Realitaetssinn entwickelt man nicht im Chat und sch gar nicht in Fantasyspielen.

    4 Leserempfehlungen
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    • trsnC
    • 27. April 2012 18:32 Uhr

    Ihr Kommentar ist derart unterirdisch, dass ich nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll.

    Daher wünsche ich ihnen viel Spaß in ihrer "Realität", in der die aktuelle Politelite, lebenserfahren und voll von Realitätssinn, ihre Zukunft ruiniert.

    Außer der Linken wüsste ich keine. An Lebenserfahrung fehlt es bei einem Durchschnittsalter von 40 Jahren wohl kaum. Zu Ihrem letzten Satz sag ich mal lieber nichts, außer: Wer nur in Klischees denkt, dem fehlt erst recht die der Realitätssinn.

    • Glik
    • 27. April 2012 19:21 Uhr

    dürften Sie wohl recht haben.
    Ich hatte die Piraten zwar selbst schon gewählt, aber ich fürchte ... ausser Fantasywelt kommt da nicht viel.
    Leider leben die anderen Parteien scheints auch in so einer Fantasyumgebung, wenn ich mir das Finanzgezocke anschaue.
    Trübe Aussichten ....

    • trsnC
    • 27. April 2012 18:32 Uhr

    Ihr Kommentar ist derart unterirdisch, dass ich nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll.

    Daher wünsche ich ihnen viel Spaß in ihrer "Realität", in der die aktuelle Politelite, lebenserfahren und voll von Realitätssinn, ihre Zukunft ruiniert.

    13 Leserempfehlungen
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    Wir bitten auf Privatfehden zu verzichten. Danke, die Redaktion/se

    Entfernt. Verzichten Sie auf diffamierende Äußerungen. Die Redaktion/mak

  4. Außer der Linken wüsste ich keine. An Lebenserfahrung fehlt es bei einem Durchschnittsalter von 40 Jahren wohl kaum. Zu Ihrem letzten Satz sag ich mal lieber nichts, außer: Wer nur in Klischees denkt, dem fehlt erst recht die der Realitätssinn.

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    Woran soll man erkennen können, dass gerade die "Linke" geistige Schwergewichte im Angebot hat? Wen meinen Sie denn da?

  5. Wieso "denunzieren"? Es werden kritische Fragen gestellt - und das ist doch sehr wichtig & richtig, wenn es um Parteien geht. Oder stehen die Piraten unter Welpenschutz und dürfen nur die schon bestehenden Parteien kritisch hinterfragt werden?

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    Antwort auf "[...]"
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    • xajija
    • 27. April 2012 18:50 Uhr

    Ich find den Bericht über die Piraten ganz ok. Ich werde sie wählen, weil ich gegen das System bin in dem wir leben, in dem Kinder und rentner hungern und Frisöre im Osten 3 Euro verdienen. Mit direkter Demokratie werden wir den Staat wieder zu seiner Hauptaufgabe zwingen, nämlich der gerechten Verteilung und das Kümmern um die Schwachen.
    Die Grünen sind für mich unwählbar mittlerweile, alt, angepasst und zu wohlhabend.

    Wenn das kritische Fragen sind, dann mal gute Nacht! Es wird erstmal auf Seite 1 über das Privatleben einer Person gelästert und dann noch ein paar schlecht recherchierte Informationen hinterher geworfen.
    Von dieser Sorte hab ich in letzter Zeit so viel gelesen, dass ich diesen ignoranten, selbstgefälligen Ton einfach nicht mehr ertrage.

  6. Woran soll man erkennen können, dass gerade die "Linke" geistige Schwergewichte im Angebot hat? Wen meinen Sie denn da?

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    Gysi, Lafontain, Wagenknecht, Bartsch, Kipping, usw.

    Das sind alles Politiker, bei denen man Sachverstand und klare Analyse der Situation und daraus folgenden Chancen und Probleme sehen kann.

    Wissen Sie, wann Gysi die Entwicklung der Euro Krise prophezeit hat anhand der gerade von Schwarz/Gelb/Rot/Grün gewollten Entwicklung Europas durch den Euro? 1998 in aller Öffentlichkeit in einer Bundestagsrede. Und es traf exakt so ein.

    Genauso wie es natürlich vollkommen logisch ist, dass man ein Verschuldungsproblem nur dann lösen kann, wenn man sich auf die realen Möglichkeiten konzentriert und nicht auf Phantastereien a la 90% der Bevölkerung ausbluten zu lassen, damit die obersten 10% ihr mehr als doppelt so großes Vermögen zur Gänze behalten, sogar vermehrn dürfen.

    Dass das nicht funktionieren kann, 90% eines Landes umzubringen oder sonstwie aus dem Staat auszuschkließen, nachdem man ihnen sämtlichen Besitz abgenommen hat, zu 100%, sollte klar sein. Doch das müsste man tun, wenn man die Vermögenden nicht zur Kasse bitten will oder man lässt es ganz mit der angeblichen Bekämpfung der Verschuldung.

    Die Verschuldung der Ländern können nur jene begleichen, deren Vermögen diese Schuldn sind und die sitzen oben, mit doppelt so viel Vermögen, wie der gesamte Rest zusammen.

    • uk_uk
    • 27. April 2012 18:38 Uhr

    "Die Piraten bezeichnen ihre Ortsvereine und Arbeitsgruppen wie militärische Kampfverbände, Crews und Squads – Bezeichnungen aus dem Computerrollenspiel World of Warcraft."

    1. Wir Piraten haben keine "Ortsvereine". Wir haben in Ballungsgebieten wie hier in Berlin wohnortsnahe Crews mit bis zu 20 Mitgliedern. Wenns unübersichtlich wird, dann splittet sich eine Crew auf und man hat wieder kleinere Gruppen. In Flächenländern wie Bayern oder NRW sieht das dann etwas anders aus.

    2. Wir nennen unsere Gruppen Crews und Squads, weil das maritim ist, nicht militärisch. (Crew... ihr versteht? Und Squads sind Gruppen, in denen sich Mitglieder mehrerer Crews tummeln!).

    3. In World of Warcraft würde das Gilde und Raid heißen. Da wir haber keine Gilden oder Raids haben, haben wir auch nichts mit WoW zu tun.

    Wie kommt ihr nur auf WoW und militärisch?

    21 Leserempfehlungen
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    Allein das Wort "maritim" lässt einen ja etwas an der Ernsthaftigkeit der "Piraten" (warum eigentlich "Piraten"?) zweifeln. Müssen wir jetzt alle mit so einer Adoleszenten-Sprache kommunizieren?

    ... stellte der Kapitän die "Crewmitglieder" vor. Dabei war auch der "1. Offizier". Selbst über den Wolken ....

    Das ist der typische Gedankengang, wenn es um "irgendwas" mit Computerspielen geht ...

    Fantasy=Rollenspiel=WOW=blöd/albern/böse (je nachdem, was gerade gefragt ist).

    Um mal im Gamer-Jargon zu bleiben, benehmen sich sowohl die sogenannten etablierten Parteien wie auch Teile der Medien gerade wie ein schlecht equippter Raid vorm Endboss: "OMG Piraten!!! Wir werden alle sterben!"

    Dann weiss ich bald nicht mehr was ich glauben soll.
    Gibt doch sicher nen WoW-Zocker im Zeit Team. Einfach mal fragen wie da die "Gruppen" heißen. Aber nein sofort mit Halbwahrheiten rausballern.

    Das gabs schon öfters - besonders nach Amokläufen. Dann wird dann munter ein "Counterstrike-Deathmatch" erfunden (WDR)oder WoW als Battlefield beschrieben (ARD)..

    Die politischen Geisterfahrer in ihren Reihen, neben den bekannten Verehrern von Holocaustleugnern, werden Sie nicht leugnen können.
    Wer über den 9/11 Sätze formuliert wie: »dass kontrollierte Sprengungen die Ursache der Gebäude-Zusammenbrüche waren.«, ist politisch nicht ernstzunehmen!
    Quelle: http://wiki.piratenpartei...

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