Selten haben sich so viele Hoffnungen, Erwartungen und Projektionen auf eine einzige Person gerichtet. In der Menschenmenge vor dem Tübinger Rathaus bilden Polizisten und Kamerateam einen Zirkel. Die Fußgänger drängen heran, sie wollen den Mann in der Mitte erreichen, ihn berühren. Er tritt aus dem Kreis heraus, er ergreift Hände, die Umstehenden jubeln. Ein anderer Mann in grauem Anzug, einen schwarzen Aktenkoffer in der Linken, schaut etwas ratlos drein, als ihm der Bundespräsident seine Hand entgegenstreckt.

Joachim Gauck bemerkt es gar nicht. Er hat soeben die Hand des zweiten großen Aufsteigers und Hoffnungsträgers der deutschen Politik geschüttelt, die von Sebastian Nerz, des Bundesvorsitzenden der Piratenpartei.

Für Nerz ist Tübingen Heimat. Hier hat er studiert, hier hat er vor zwei Jahren sein Diplom in Bioinformatik abgelegt. Hier hat er sich in der Welt der mittelalterlichen Fantasy-Rollenspiele verloren, er war tirsales , ein Mann, der im Kampf zwischen den Völkern der Tulamiden und Novadi hin und her gerissen ist. Die Piraten kennen Nerz noch heute als tirsales , es ist sein Pseudonym im Internet. Die Nachmittagssonne fällt warm auf die Pflastersteinstraßen, Nerz biegt in eine schmale Seitengasse ein. Früher ist er oft hierhergekommen, um seine Rollenspiele zu kaufen.

»Der Laden hat zugemacht«, sagt er, »wegen dem Internet. Irgendwann haben wir die Spiele online bestellt.« Sein weiches Gesicht verdunkelt sich kurz. Er sieht aus, als trauere er der alten Zeit nach.

Die Partei von Sebastian Nerz könnte selbst einem Fantasyroman entsprungen sein: Die Menschen der freien digitalen Welt schließen sich zusammen, um die Tyrannei des Analogen abzuschütteln. Ursprünglich waren die Piraten Netzaktivisten, die das Internet als ihren Lebensraum sahen und seine Verteidigung als digitalen Umweltschutz verstanden. Sie kämpften gegen Ursula von der Leyen und die etablierten Politiker, die aus einer anderen Welt kamen und ihre Sprache nicht verstanden.

Inzwischen sehen manche Umfragen die Piraten auf Platz drei im Parteiensystem, vor den Grünen. Die Piraten bezeichnen ihre Ortsvereine und Arbeitsgruppen wie militärische Kampfverbände, Crews und Squads – Bezeichnungen aus dem Computerrollenspiel World of Warcraft . Das mindert ihre Schlagkraft aber nicht im Geringsten. Die Piraten sind im Durchschnitt 32, nein, 40 Jahre alt – das hat sich zuletzt binnen wenigen Monaten geändert, weil sie gerade eine gewaltige Eintrittswelle von älteren Mitgliedern erleben. Kurioserweise gelten die Jüngeren nun als Veteranen.

Sebastian Nerz, der Mann an der Spitze, ist 28 Jahre alt. In seinem Aktenkoffer trägt er einen Fantasyroman mit sich herum, Skullduggery Pleasant. Es ist ein Kinderbuch, Altersempfehlung: 12 bis 15 Jahre, Nerz liest es auf Englisch.

Wer sind die Piraten, was wollen sie? Wer die Frage beantworten wollte, müsste mit 12.000, nein 20.000, nein 27.000 Menschen gleichzeitig sprechen und liefe immer noch Gefahr, dass die Antwort nicht mehr stimmt, während sie noch formuliert wird. Die Partei verändert sich so schnell wie das Internet. Drei Entwicklungen, immerhin, lassen sich beschreiben: Das Verstummen der Parteielite. Die Ankunft der Internetaktivisten in der Welt der Sachpolitik. Und das Wachstum der Partei über das Milieu der Netzcommunity hinaus.

Die sechs Jahre alte Partei hat inzwischen 19 Sitze in den Landesparlamenten von Berlin und dem Saarland, dazu kommen 161 kommunale Mandate. Die Piraten sind keine Protestbewegung mehr, aber auch noch keine normale Partei. Sie sind in einer politischen Pubertät: Sie werden größer, aber sie wissen nicht genau, was sie einmal werden wollen.

Sebastian Nerz gilt als blass und spröde, dennoch wollen in diesen Wochen alle mit ihm sprechen. Er soll die Piraten erklären, ihre Pläne, ihre Erfolge. Nerz erklärt dann, dass die Piraten ein Bedürfnis nach politischer Erneuerung und Bürgerbeteiligung befriedigen. Dass sie eine liberale Bürgerrechtspartei seien, deren Geist von der Freiheit im Internet geprägt sei. Und dass er ansonsten nicht viel sagen könne, er sei ja nur der Parteivorsitzende. Nerz ist vor allem für den Satz »Dazu haben wir noch keine Position« bekannt. Oft sagt er: »Bitte zitieren Sie das nicht.« – »Das ist meine persönliche Meinung und nicht die der Partei.«

Gerade ein Jahr ist es her, dass er zum Vorsitzenden der Piraten gewählt wurde. Damals wollte er »der Stachel im Sitzfleisch der Etablierten« sein. Den anderen Parteien warf er vor, 30 Jahre hinter der Gesellschaft hinterherzuhinken. Bei den Piraten kritisierte er die Abstimmungssoftware Liquid Feedback und den Vorschlag, das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen. Einige Minuten nachdem das Interview bei ZEIT ONLINE veröffentlicht wurde, kamen die ersten Tweets von den Piraten: »Was fällt dir ein, als Parteivorsitzender deine eigene Meinung zu äußern?«

So geht es seither ständig. Mal wurde Nerz angegriffen, weil er laut Bild-Zeitung Innenminister werden wolle, mal weil er über Koalitionen mit politischen Gegnern nachdachte, oft waren es persönliche Angriffe. Mit Mitgliedern der Berliner Fraktion zerstritt er sich derart, dass er vor Kurzem eine Mail an deren Vorsitzenden Andreas Baum schrieb: »Ich habe die Schnauze voll. Auf Twitter schießt jetzt wieder ein Abgeordneter der Fraktion gegen den Bundesverband. Bring DEINER Fraktion mal bei, was elementare Regeln der Höflichkeit und des menschlichen Miteinander sind.« Baum antworte Nerz nicht, sondern veröffentlichte einen Blogeintrag: »Grundsätzlich finde ich es richtig und gut, wenn Kritik geübt wird. Allerdings sollte diese dann auch an den richtigen Adressaten gerichtet sein. Stellvertreterdiskussionen finde ich schlecht.« Nerz war blamiert.