DIE ZEIT: Herr Seipenbusch, Herr Hegemann, was unterscheidet jemanden, der im Laden Wodka klaut, von jemandem, der sich im Netz Musik herunterlädt, ohne dafür zu bezahlen?

Jens Seipenbusch: Das eine ist Diebstahl, das andere eine Urheberrechtsverletzung. Der große Unterschied aber ist das Unrechtsbewusstsein. Die Frage ist: Warum haben Jugendliche kaum Skrupel, Filesharing zu machen, aber erhebliche, im Laden zu klauen?

Jan Hegemann: Sie haben recht, die Tatbestände sind unterschiedlich. Aber in beiden Fällen wird rechtswidrig in Rechte Dritter eingegriffen, in das Recht des Supermarktbetreibers und in das Recht des Urhebers. Beides steht unter Strafe.

ZEIT: Herr Seipenbusch, halten Sie es für illegal, Musikdateien zu teilen, also Filesharing zu betreiben, ohne dafür zu bezahlen?

Seipenbusch: Wir wollen es definitiv legalisieren.

ZEIT: Das heißt, jetzt ist es...

Seipenbusch: ...zum Teil illegal. Aber das ist erst so seit der Verschärfung des Urheberrechts .

Hegemann: Das ist falsch. Das Urheberrecht ist nicht zulasten der Nutzer verschärft worden. Im Gegenteil, der Gesetzgeber hat versucht, technische Neuerungen wie Downloads in den Griff zu kriegen. Und dabei gilt das gleiche Prinzip wie seit hundert Jahren: Der Urheber hat seine Rechte, aber die werden mit den Interessen der Allgemeinheit in Ausgleich gebracht. Dass der Kreative für seine Arbeit bezahlt wird, das ist schlicht eine Frage der Gerechtigkeit.

Seipenbusch: Sie sind Jurist, Sie wollen den Status quo behalten, obwohl sich so vieles geändert hat; es gibt das Internet , es gibt Google , es gibt Filesharing. Sie wollen das bestehende Urheberrecht fortschreiben, aber Sie erkennen keinen Bedarf für fundamentale Änderungen. Ich argumentiere politisch. Ich habe eine Vorstellung davon, wie sich die Welt verändert hat.

ZEIT: Und das heißt?

Seipenbusch: Wir haben zwei dramatische Entwicklungen, die alles verändern. Heute kann dank des Internets jeder Herausgeber sein. Natürlich ist nicht jeder Herausgeber einer großen Zeitung, aber jeder kann ein Blog machen, jeder kann so viele ernsthafte oder banale Dinge ins Netz stellen, wie er will. Das hat gesellschaftlich viele Vorteile. Zum Beispiel ist es möglich, dass ein kleiner Junge mit einer Gitarre nicht bei Warner Brothers anklopfen und sagen muss: Ich möchte mit meiner Gitarre ein Musikvideo machen. Der kann einfach sagen: Ich nehme meine Videokamera, spiele das, lade das hoch. Veröffentlicht, peng. Das heißt Kontrollverlust für die Plattenbosse. Der zweite Punkt ist die digitale Kopie. Heute kann jeder praktisch jeden Inhalt im Netz so häufig kopieren und teilen, wie er will. Das lässt sich nicht mehr einfangen. Deshalb müssen wir über das Legalisieren von Filesharing reden.

Hegemann: Ich habe mir die von Ihrer Partei vorgeschlagenen Änderungen angesehen. Wenn man alles zusammennimmt, ist das faktisch eine Enteignung der Autoren, der Künstler, der Musiker. Und es ist kein Zufall, dass Sie bislang überhaupt nicht von den Urhebern gesprochen haben. Deren berechtigte Interessen ignorieren Sie völlig.