Vera LengsfeldWund fürs Leben
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Mit 17 begann sie sich von der DDR abzuwenden

Franz Lengsfeld unterstand zwei Mächten. Er gehörte zum militärischen Abwehrdienst, der zunächst der Nationalen Volksarmee, später dem Ministerium für Staatssicherheit eingegliedert wurde. Vera war 17, als sie die Wahrheit erfuhr. Ich sehe mich noch heute im Schlafzimmer meiner Eltern stehen, sagt sie. Die Sonne scheint herein, ich bürste Vaters Uniform aus. Ein Klappausweis fällt mir entgegen ... Der totale Schock.

Was war die Stasi für Sie? Schmuddelig?

Ja. Ja. Und ich bin bis heute froh, dass mein Vater bei der militärischen Abwehr war. Da weiß ich wenigstens, dass er mit den Typen, die mich drangsalierten, nichts zu tun hatte.

Bei Knud glaubte sich Vera der DDR schon halb entkommen

Es gibt ein Foto vom 7. Oktober 1969, dem 20. Jahrestag der DDR: Vera mit Freundin Nadia auf dem Berliner Alexanderplatz, umarmt von einem Eisbären. Die beiden Teenie-Perlen lächeln listig in die Kamera. Nadias Vater war stellvertretender Berliner Stadtkommandant, ein doppelmoraliger Genosse von Weib & Trunk. In seinem Keller befanden sich Kühlschränke voller Bananen: Nahrung für etliche Affen, die der Kommandant bei einem Vietnam-Besuch geschenkt bekommen hatte. Die Mädchen bedienten sich, doch Vera fand es unanständig, dass Affen bekämen, was DDR-Bürgern vorenthalten blieb. Derlei unsozialistische Impressionen erzählte sie daheim und bekam zur Antwort: untypisch. Einzelfall.

Gab es Konflikte?

Wahnsinnig. Als ich mit 17 begann, mich von der DDR abzuwenden, hatten wir ganz schreckliche Diskussionen. Trotzkistin! hieß das schlimmste Schimpfwort meines Vaters. Du weißt doch, was mit Trotzkisten passiert: Rübe runter! Meine Mutter war Lehrerin und viel früher kritisch als mein Vater. Die sagte: Mit diesem Bildungssystem von Frau Honecker züchten wir uns Idioten heran.

Zwecks sozialistischer Festigung der Tochter reisten die Eltern mit ihr 1969 nach Moskau und Leningrad. Diese Sowjet-Exkursion bewirkte das Gegenteil. Vera erlebte die himmelweite Distanz des realen vom gepredigten Sozialismus und erfuhr von 17 Millionen Toten des Stalinschen Terrors. 17 Millionen – so viele Menschen lebten in der DDR. Sie stellte sich vor, die alle wären tot. Und fragte sich, warum die Arbeiterklasse, an die Macht gekommen, ihre eigenen Freiheitsforderungen missachtete. Dennoch wurde Vera als Geschichtsstudentin SED-Mitglied. Halb zog man sie, halb sank sie hin, aus Karrieregründen. Aber sie maß die DDR-Realität an der Ursprungsvision. Allmählich geriet sie in dissidente Kreise. Im Februar 1980, nach gescheiterter erster Ehe, lernte sie Knud Wollenberger kennen und mit ihm eine andere Welt. Bei Wollenbergers, sagt Vera Lengsfeld, war man der DDR schon halb entkommen.

Das Villengrundstück in Berlin-Buch. Und was für eine Familie, verstreut von Amerika bis Israel. Die Mutter Dänin, der Vater Albert Wollenberger ein Biochemiker von Weltrang, Jude, Kommunist. 1937 floh er in die Schweiz und emigrierte in die USA. Seine Tante Helen Ducas war die Sekretärin Albert Einsteins, der für den Einwanderer bürgte. Anfang der fünfziger Jahre, in der McCarthy-Ära, verließ Wollenberger das Land und ging in die DDR – via Dänemark. In Kopenhagen wurde 1952 sein Sohn Knud geboren, der somit dänischer Staatsbürger war und als DDR-Bewohner Reisefreiheit genoss. Auf väterliches Verlangen studierte er Mathematik, doch eigentlich sah er sich als Dichter. Die Schattenseiten des Regimes blieben ihm erspart. Als er Vera Lengsfeld traf, war sie diplomierte Philosophin und SED-Genossin. Beide arbeiteten an der Akademie der Wissenschaften und wurden zwecks Kinderbetreuung ins Ferienlager Boltenhagen entsandt. An der Ostsee kamen sie sich näher. Knuds Heiratsantrag folgte alsbald.

Wir hatten einen Dissens, sagt Vera Lengsfeld. Ich wäre gern weggegangen aus der DDR, Knud als Jude sah sie als nötige Antwort auf Auschwitz. Seine jüdische Identität war ihm sehr wichtig. Ich sagte: Knud, ich heirate dich nur, wenn wir auf gleicher Ebene leben. Entweder wir gehen in den Westen, wo ich auch reisen kann. Oder du lebst mit mir wie ein DDR-Bürger in der DDR. 

Sie haben ihm das Westreisen verboten?

Er hätte mich ja nicht zu heiraten brauchen. Ich wollte nicht mit jemandem leben, der Sachen machen kann, an denen ich keinen Anteil habe.

Leserkommentare
  1. ... private Dinge trotz allen Interesses und öffentlichen Drucks auch privat zu halten und den Verlockungen der Medien nicht zu erliegen! Die Realität ist - seltsam aber wahr - letztlich kein Hollywooddrehbuch: Stasispitzel können schizophren-private Verräter und zugleich gute Väter sein. Gedichte von Kund Wollenberger gibt es z.B. hier zu lesen: http://www.lyrikwelt.de/a...

    7 Leserempfehlungen
    • Puqio
    • 28.04.2012 um 22:36 Uhr
    2. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

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    • Suryo
    • 28.04.2012 um 22:44 Uhr

    Hä? Relevanz?

    Der Kommentar auf den Sie sich beziehen wurde bereits entfernt. Die Redaktion/mak

    • Suryo
    • 28.04.2012 um 22:44 Uhr

    Hä? Relevanz?

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  2. aber nicht jeder nutzt diese Chance."

    ist wohl die bitterste Erkenntnis, deren Wahrheit tagtäglich zu beobachten ist.

    Diktaturen holen das Schlechteste aus den meisten Menschen hervor, der demokratische Rechtsstaat leider nicht immer das Beste aus allen, denn in seinem Schutz gedeihen auch stets seine Gegner.

    Eine Demokratie, in der die Demokraten dominieren, hält das aus und wächst daran.

    k.

    7 Leserempfehlungen
    • Suryo
    • 28.04.2012 um 22:44 Uhr

    Hä? Relevanz?

    Antwort auf "[...]"
  3. 5. [...]

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    Antwort auf "[...]"
    • Lieps
    • 28.04.2012 um 23:13 Uhr

    der Beitrag von Christoph Dieckmann ist wirklich gut. Wie immer im Leben. Ein Weiß und ein Schwarz, ein Gut und ein Böse, getrennt durch einen einfachen Strich, gibt es nicht.
    So möchte ich denn meine eigene Entscheidung zwischen Vera Lengsfeld und Knud Wollenberger zurückhalten. Im Nachhinnein ist Vieles einfacher. Wer das System der DDR betrachtet, kommt einfach aus der Erkenntnis nicht heraus, dass selbst familiäre Bande nicht davor schützten, als Klassengegner verurteilt zu werden. Ich selbst bin nicht direkt in die Hände der Staatssicherheit geraten, Gott sei Dank. Ein Schreibverbot mit Androhung von Repressalien gegenüber meiner Familie wurde allerdings verfügt. Meine Ausführungen zur Preußischen Geschichte wurden nicht veröffentlicht, da sie nicht dem entsprachen, was die materialistische Geschichtsauffassung vorgab.
    Nun möchte ich nicht abweichen.Vera Lengsfeld hat gewiss ein Leben geführt, welches für die 40 Jahre DDR nicht untypisch waren. Was Gut und was Böse war, möchte jeder Forist wohl allein für sich entscheiden.

    Lieps
    Preußischer Diplomat

    Eine Leserempfehlung
  4. ...dieses Interviews behauptet Frau Lengsfeld, es sei in einer Demokratie einfacher, sich anständig zu verhalten. Ich habe da meine Zweifel. Was ist zum Beispiel von einer Frau zu halten, die davon überzeugt ist, die tödliche Krankheit ihres geschiedenen Ehemanns sei die Folge seiner Spitzeltätigkeit und somit in gewisser Weise gerechtfertigt? Und was von einem Journalisten, der sich nicht scheut, die schwerstobszöne Metapher von der Stasi als „Auschwitz der Seelen“ noch einmal in die Öffentlichkeit zu zerren? Wie klug und reflektiert argumentierte dagegen Knud Wollenberger, der die DDR als „nötige Antwort auf Auschwitz“ begriff.
    Nun aber zu Frau Lengsfeld:
    Ihr Werdegang lässt zwei Theorien zu: Entweder sie, die es von der SED bis an den rechten Rand der CDU geschafft hat, ist seit jeher eine Opportunistin gewesen, oder sie war von Beginn die streng konservative Apologetin des Kapitalismus, als die sie sich heute präsentiert. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke, die Redaktion/au.

    9 Leserempfehlungen
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    @thomas ex gotha:
    Zitat: " Entweder sie, die es von der SED bis an den rechten Rand der CDU geschafft hat, ist seit jeher eine Opportunistin gewesen, oder sie war von Beginn die streng konservative Apologetin des Kapitalismus,"...
    .
    Und was sollen wir nun daraus schließen? Bei einer Horrorgeschichte, die von der Zerstörung familiärer Bande durch politische Verhältnisse handelt - Wieso scheint Ihnen da die Meinung von Frau Lengsfeld zum "Kapitalismus" einer Erwähnung wert zu sein?

    ... entweder Opportunistin oder "Apologetin des Kapitalismus" etwas anderes gestehten Sie, lieber Thomas ex Gotha, Frau Lengsfeld offenbar von vorne herein nicht zu - zum Beispiel, dass der Mensch im Laufe seines Lebens etwas dazu lernt, sich entwickelt... Wie war das denn bei Ihnen? Schon von der Wiege an klug gewesen?

    @thomas ex gotha:
    Zitat: " Entweder sie, die es von der SED bis an den rechten Rand der CDU geschafft hat, ist seit jeher eine Opportunistin gewesen, oder sie war von Beginn die streng konservative Apologetin des Kapitalismus,"...
    .
    Und was sollen wir nun daraus schließen? Bei einer Horrorgeschichte, die von der Zerstörung familiärer Bande durch politische Verhältnisse handelt - Wieso scheint Ihnen da die Meinung von Frau Lengsfeld zum "Kapitalismus" einer Erwähnung wert zu sein?

    ... entweder Opportunistin oder "Apologetin des Kapitalismus" etwas anderes gestehten Sie, lieber Thomas ex Gotha, Frau Lengsfeld offenbar von vorne herein nicht zu - zum Beispiel, dass der Mensch im Laufe seines Lebens etwas dazu lernt, sich entwickelt... Wie war das denn bei Ihnen? Schon von der Wiege an klug gewesen?

  5. Im übrigen, diese Bemerkung sei mir erlaubt, ist für Frau Lengsfeld Freiheit heute weniger die des Andersdenkenden, sondern die des Kapitaleigners. Ich empfehle, falls man mir nicht glaubt, einen Blick auf die Links ihrer Homepage.

    11 Leserempfehlungen
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    Ich möchte bezweifeln, daß Bespitzeltwerden durch einen vertrauten Menschen eine Besserungsanstalt ist. Der Umstand, daß Vera Lengsfeld z.B. Broder und Ulfkotte so Spitze findet, daß sie sie für richtungsweisende Journalisten hält (weia), hat wenig damit zu tun, daß Schnüffelei/Denunziation von Knud Wollenberger der ultimative Vertrauensbruch gewesen sein muß.

    Ich empfinde das zunächst einmal als tragisch und furchtbar. Und bin auch nicht der Ansicht, daß Vera Lengsfeld dafür verantwortlich gemacht werden kann oder daß es irgendetwas gäbe, wodurch sie (oder ihr Mann) etwas verdient hätten. Sondern, daß ein solcher Vertrauensbruch geeignet sein mag, Menschen zu brechen.

    Meine Sympathien mit ihren wechselhaften politischen Ausrichtungen sind unter Null, ich kam auch bei ihrer Annahme, sie hätte 'mehr zu bieten', aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Ihre Quittung lag bei den ca 11% der Kreuzberger Wähler, die ihr zustimmten, eine Ohrfeige erster Ordnung.

    Hier aber geht es um persönliche Dramen, die von Christoph Dieckmann mit der dafür nötigen Sensibilität und Sachkenntnis beschrieben sind.

    Es gibt zahllose Tragödien im Zusammenhang mit der Stasi, z.B. die von Lutz Bertram http://www.zeit.de/1995/0... sehr lesenswert fand ich von Irena Kukutz und Katja Havemann: 'Geschützte Quelle' http://www.basisdruck.de/...

    Dem Westen muß das erklärt werden und schnelle Urteile verbieten sich m.M.n. von selbst.

    Ich möchte bezweifeln, daß Bespitzeltwerden durch einen vertrauten Menschen eine Besserungsanstalt ist. Der Umstand, daß Vera Lengsfeld z.B. Broder und Ulfkotte so Spitze findet, daß sie sie für richtungsweisende Journalisten hält (weia), hat wenig damit zu tun, daß Schnüffelei/Denunziation von Knud Wollenberger der ultimative Vertrauensbruch gewesen sein muß.

    Ich empfinde das zunächst einmal als tragisch und furchtbar. Und bin auch nicht der Ansicht, daß Vera Lengsfeld dafür verantwortlich gemacht werden kann oder daß es irgendetwas gäbe, wodurch sie (oder ihr Mann) etwas verdient hätten. Sondern, daß ein solcher Vertrauensbruch geeignet sein mag, Menschen zu brechen.

    Meine Sympathien mit ihren wechselhaften politischen Ausrichtungen sind unter Null, ich kam auch bei ihrer Annahme, sie hätte 'mehr zu bieten', aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Ihre Quittung lag bei den ca 11% der Kreuzberger Wähler, die ihr zustimmten, eine Ohrfeige erster Ordnung.

    Hier aber geht es um persönliche Dramen, die von Christoph Dieckmann mit der dafür nötigen Sensibilität und Sachkenntnis beschrieben sind.

    Es gibt zahllose Tragödien im Zusammenhang mit der Stasi, z.B. die von Lutz Bertram http://www.zeit.de/1995/0... sehr lesenswert fand ich von Irena Kukutz und Katja Havemann: 'Geschützte Quelle' http://www.basisdruck.de/...

    Dem Westen muß das erklärt werden und schnelle Urteile verbieten sich m.M.n. von selbst.

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