An Beispielen für Übertreibungen oder Gleichgewichtsstörungen fehlt es nicht:

– Die durchschnittliche Direktvergütung von Topmanagern ist im Geschäftsjahr 2011 um rund neun Prozent auf fünf Millionen Euro gestiegen. Während das Verhältnis der Vorstandsgehälter namhafter deutscher Aktiengesellschaften zur durchschnittlichen Vergütung ihrer Arbeitnehmer Mitte der achtziger Jahre etwa 20:1 betrug, stieg es in manchen Fällen inzwischen auf 100:1; in den USA von 42:1 Anfang der achtziger Jahre auf 300:1 heute. Die Vorstandsvorsitzenden von 25 großen US-Konzernen haben im Jahr 2010 mehr Geld verdient, als ihre Unternehmen Steuern auf den Gewinn gezahlt haben. So weit ist es in Deutschland nicht. Aber warum sich eine Wirtschaftselite in Deutschland nicht selbstkritisch mit der Frage befasst, in welchem Verhältnis ihre Vergütungen zu ihrer eigenen wie auch der Leistung ihrer Mitarbeiter stehen, bleibt ebenso rätselhaft wie manche Legendenbildung über eine zu hohe Unternehmensbesteuerung. Verständlich ist dagegen der Vorwurf der Komplexität des deutschen Unternehmenssteuerrechtes.

– Die Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland driftet deutlich auseinander. Während die Löhne weiter Teile der abhängig Beschäftigten über Jahre real stagnierten und teilweise sogar abnahmen, stiegen die Einkommen der oberen beiden Zehntel der Einkommenspyramide teils rasant. Die Vermögenskonzentration nahm zu und wird sich über die Vererbung von etwa einem Viertel aller privaten Vermögen bis 2020 noch weiter zuspitzen. Da die Besteuerung von Kapitaleinkünften deutlich geringer ist als die Besteuerung von Einkommen aus Arbeit – ein Fehler, an dem ich leider mitgewirkt habe –, werden erstens leistungslose Einkünfte steuerlich günstiger gestellt als Einkommen aus der Arbeit mit Händen und Kopf. Zweitens werden (teils spekulative) Finanzanlagen gegenüber Investitionen in Realkapital (Ausrüstungen oder Betriebserweiterungen mit arbeitsplatzschaffendem Effekt) bessergestellt.

– Der deutsche Bankensektor ist im Zuge der Finanzkrise mit Milliardenbeträgen aus Steuermitteln der Bürger stabilisiert worden. Nach wie vor fehlt – von dem Schuldenschnitt für Griechenland abgesehen – ein Beitrag des Finanzsektors zur Mitfinanzierung der Folgekosten einer maßgeblich mitverursachten Krise. Eine Umsatzsteuer auf Finanzmarktgeschäfte (Finanztransaktionssteuer) wäre aber nicht nur als staatliche Geldquelle von Bedeutung. Vor allem würde sie Steuerzahlern signalisieren, dass sie nicht allein die Lasten einer Krise zu tragen haben, für deren Ursachen sie nicht verantwortlich sind.

Wenn dann auch noch in einer nach wie vor labilen Lage bei manchen Banken an Manager exorbitante Boni gezahlt werden, die einerseits die Dividendenausschüttung an die Aktionäre schmälern und andererseits – was viel wichtiger ist – eigentlich in die Stärkung der Eigenkapitalbasis der Bankinstitute gesteckt werden müssten, dann geht nicht nur Vertrauen in die Solidität des Bankenwesens verloren. Noch gewichtiger ist, dass die Zustimmung zu unserem wirtschaftlichen Ordnungsmodell und seiner Funktionsweise erodieren könnte, weil im Zweifelsfall eine schwächelnde Bank wieder vom Staat mit Steuermitteln gerettet werden muss.

– Der Eindruck, dass das oberste Zehntel der Einkommensbezieher über 50 Prozent der Steuern zahlen würde, wird nicht selten verfälschend vermittelt. Tatsächlich trägt die veranlagte Einkommensteuer, nach der die »besser« Verdienenden besteuert werden, lediglich 2,5 Prozent zum Gesamtsteueraufkommen und damit zur Finanzierung der öffentlichen Aufgaben bei. Der Anteil der indirekten Steuern, die von der breiten Bürgerschaft abgeführt werden, beträgt demgegenüber inzwischen nahezu die Hälfte. Zu diesen Verhältniszahlen, die manchen steuerpolitischen Mythos entzaubern könnten, gehört schließlich auch der Hinweis, dass der Anteil der Unternehmensbesteuerung am Gesamtsteueraufkommen etwa zwölf Prozent beträgt und die Substanzbesteuerung der deutschen Unternehmen – also gewinnunabhängige Steuern – im internationalen Vergleich weit unterdurchschnittlich ist.

– Ferner bedrohen die Spaltung des Arbeitsmarktes und die Ausweitung eines Niedriglohnsektors die Stabilität unseres Gemeinwesens. Die Anzahl der über Leiharbeit, Zeitarbeit oder auch Praktika unsicher beschäftigten Menschen, die allgemein so niedrig entlohnt werden, dass selbst bei einer Vollzeitbeschäftigung kein auskömmliches Monatsgehalt erzielt wird, hat bedenkliche Ausmaße angenommen. Dieser Teil der Bürgerschaft fühlt sich deklassiert und ausgeschlossen – und kann in seiner Verzweiflung oder Wut wie Salzsäure auf den Zusammenhalt der Gesellschaft wirken. In den sozialen Brennpunkten mancher Großstädte ist dies längst zu beobachten.