Schleswig-Holstein : Watt nu?

Torsten Albig hat gute Chancen, SPD-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein zu werden. Sein Erfolgsrezept: Wenig sagen – und kernig lächeln.

Manchmal, das kommt schon noch vor, steigt er aus seiner neuen Rolle aus und ist wieder ganz der Alte. Dann lässt er den sympathischen Kerl, den kernigen Typen, weiter sympathisch-kernig vor sich hin lächeln auf diesen hauswandgroßen SPD-Wahlplakaten und macht das, wofür er einst unter Insidern bekannt war: zuspitzen, Klartext reden, mit großer Lust am Fabulieren knackige Sprachbilder setzen. »Früher war ich der Ballaufpumper in der Champions League«, sagt er dann, »heute spiele ich in der 3. Liga. Aber ich pumpe keine Bälle mehr auf – ich stehe auf dem Platz. Und jetzt kann ich sogar aufsteigen.«

Am 6. Mai kann er das. Wenn er genug lächelt und wenig zuspitzt. Wenn er kernig rüberkommt und nicht allzu knackig formuliert. Dann wird dieser Mann der nächste Ministerpräsident von Schleswig-Holstein.

Torsten Albig, 48, Kieler Oberbürgermeister und SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl: Seine Geschichte ist außergewöhnlich. Sie beschreibt einen Aufstieg, der, erfolgsleiteruntypisch, vom Machtzentrum an die Peripherie führt. Sie handelt von einem Einflüsterer, einem Mann aus dem Maschinenraum der Politik, der eines Tages selbst an Deck wollte. Von einem Machtschattengewächs, das sich hierfür in eine öffentliche Person verwandeln musste. Es ist die Geschichte einer Politikerwerdung.

Albig selbst erzählt sie als Erlebnisbericht einer persönlichen Erdung, als eine Initiationsreise von Berlin-Mitte über Kiel in die politische Demut. Im Kern aber ist sie überaus geschicktes Politik-Marketing mit einem paradoxen Clou: Als Sprecher diverser Finanzminister war Albig einst stets darauf aus, das Profil seiner Dienstherren inhaltlich zu schärfen, sie erkennbar, ja unverwechselbar zu machen. Der Spitzenkandidat Albig hingegen ist peinlich darum bemüht, selbst möglichst vage, unkonkret zu bleiben.

Dem Reiz des Dabeiseins erlegen

Attraktiv, so das Kalkül, erscheint den Wählern nicht mehr der Inhalt, sondern das Gefühl, nicht mehr das Konkrete, sondern das Offene. Attraktiv sind die unbeschriebenen, vagen Piraten, attraktiv ist die flexible Angela Merkel, attraktiv erscheint der Glatzkopf, der so sympathisch-kernig von den Wahlplakaten lächelt.

Albig, Jurist und Steuerrechtsexperte, wurde als Finanzreferent an der schleswig-holsteinischen Landesvertretung in Bonn Mitte der Neunziger von Oskar Lafontaine entdeckt, folgte diesem zuerst in die SPD-Zentrale, dann ins Finanzministerium und blieb, dem Reiz des Dabeiseins, ja Mitmachens erlegen, als sein Chef verschwand. Den Paradigmenwechsel im Haus vom Ausgeben zum Sparen begleitete Albig nicht nur, er inszenierte ihn. Dem Lafontaine-Nachfolger Eichel, bekannt für seine Charisma-Schwäche, stellte er eine Batterie Sparschweine auf den Schreibtisch und präsentierte der Öffentlichkeit mit dem »Spar-Hans« den leibhaftigen Anti-Oskar.

Im dritten Herrn, dem er diente, fand er sein Alter Ego. Für Peer Steinbrück erfand er die Null, das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts, ihm legte er die Formulierung »Politik ist nicht digital, nicht null oder eins« in den Mund. Und als Steinbrück der Steuerflüchtlingsoase Schweiz mit der Kavallerie drohte, war die Seelenverwandtschaft dieser ironieseligen Provokateure so weit fortgeschritten, dass Beobachter nicht mehr wussten, wo Albig aufhörte und Steinbrück begann. Als »arroganten Sack« sieht der heutige Albig den damaligen, der Journalisten zuweilen so einzuschüchtern vermochte, dass sie manche Fragen lieber nicht stellten. »Das gehörte zur Rolle«, sagt Albig. »Manche haben Rolle und Person verwechselt.«

Den Weg vom Zentrum an den Rand, vom Einflüstern zum Selbermachen, von der Berliner Macht ins Kieler Rathaus beschreibt Albig als die Ankunft in der normalen Welt, als eine Rückkehr des alten Albig zum wahren Torsten. Und der wahre Torsten ist ein Mensch, der gern auf andere zugeht, ihnen zuhört, der jetzt »Politik ohne Schutzschild« erlebt, »direkte Verantwortung« spürt, den »oft um sich selbst kreisenden Politikbetrieb« in der Hauptstadt nicht vermisst und nun, bei den Menschen im Norden, näher bei sich ist, als er es bei den Sparschweinen des Hans Eichel je war.

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Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Die Sprüche von vor zehn Jahren

"Attraktiv, so das Kalkül, erscheint den Wählern nicht mehr der Inhalt, sondern das Gefühl, nicht mehr das Konkrete, sondern das Offene." Das war einmal. Vor zehn Jahren mag diese These funktioniert haben, im Jahre 2012 ganz gewiss nicht mehr. Wenn die Politikverdrossenheit einen guten Aspekt hat, dann diesen: Die Leute lassen sich nicht mehr von Gefühlsduselei einlullen, sondern wollen klare Antworten auf ihre Fragen haben. Wenn momentan die Piraten recht erfolgreich sind, dann nicht wegen ihrer Schwammigkeit und Gefühlsbetontheit, sondern weil sie sich einen Standpunkt durch offene Diskussion erarbeiten und nicht vorgeben, generell die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.
Ich kann nur hoffen, dass die Idee mit dem Ersetzen von Inhalten durch Gefühle eher der Gedankenwelt dieses Artikels entspringt als der politischen Analyse von Herrn Albig.

Tabula rasa

Ich denke schon, dass die Schwammigkeit der Piratenpartei einer der Hauptgründe für ihren momentanen Erfolg ist. Oder vielleicht sollte ich es anders ausdrücken, damit mir nicht die halbe Partei an die Gurgel springt: Eben weil noch offen ist, wohin der Kahn eigentlich steuert, wirkt es auf Menschen attraktiv, den Kurs zu erarbeiten.

Wenn ein Kurs aber erst einmal steht, werden viele Menschen nicht mehr an Bord kommen wollen, die andere Ziele ansteuern. Das ist einfach der Preis eines Kurses.

Piratenkurs

In Grundzügen ist der Kurs der Piraten natürlich schon vorgegeben. In einem kleinen Buch, das vor 63 Jahren erschienen ist: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Hier ein paar Zitate:
- Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
- Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
- Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Das Volk übt sie in Wahlen und Abstimmungen aus.
- Abgeordnete sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.

Diese Regeln umzusetzen, bedeutet schon einige Mühe. Natürlich regeln sie nicht jede Detailfrage, die in der Politik aufkommt. ESM? Betreuungsgeld? Benzinpreis? Ukraine? Dazu befragt die Piratenpartei halt ihre Basis.

Ich bin auf jeden Fall gespannt. Ein fester Kurs ist ohnehin nur unter idealen Bedingungen einzuhalten. Die Praxis von Wind und Wellengang wird immer wieder Kurskorrekturen notwendig machen.

Danke schön!

"Dem Lafontaine-Nachfolger Eichel, bekannt für seine Charisma-Schwäche, stellte er eine Batterie Sparschweine auf den Schreibtisch [...]"

Bei dem Satz habe ich mich dabei ertappt, diebisch zu lachen. Man mag das ja als PR abtun, aber damit hat er seinen Job auf kreative Weise und erfolgreich erledigt. Auch wenn er genau das bezweckt: Der Mann ist mir tatsächlich sympathisch.

wer sich mit der SPD schlafen legt soll aufpassen,

dass er nicht mit Hartz V aufwacht!

Qualifikation lächeln, mag in SH ziehen - hier in NRW langt das nicht mehr!
Hier kommt es auch nicht gut an sich auf den wahlplakaten die Falten weg retuschieren zu lassen - könnte auf die Politik abfärben.

Hier geht es nur noch darum - wer stellt den Ministerpräsidenten in einer großen Koalition und kommen die Piraten über 15%!

Mein Traum wären 20% für die Piraten, dann würde sich hier in unserem Land etwas ändern!

@ 6 Sie haben

"Und wieder eine SPD-Lobeshymne der ZEIT
getreu dem Motto "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing".

eine seltsame Wahrnehmung, wenn sie dieses Artikelchen für spd-Werbung halten.

Abgesehen davon ist Dausend als gelernter SPRINGER-Schreiber nun so gar nicht die Referenzquelle für qualifizierte Entscheidungsfindung.

Es gibt unendlich viel triftige Gründe, die spd nie wieder zu wählen, Dausend und sein Geschreibsel gehören nicht dazu.