Es gibt Fälle im Leben eines Journalisten, die ihn nie wieder loslassen. So geht es mir mit dem Mord an Ulrich Schmücker. In der Nacht vom 4. auf den 5. Juni 1974 wurde der 22-jährige Student im Berliner Grunewald sterbend aufgefunden. Ein »Kommando Schwarzer Juni« übernahm tags darauf die Verantwortung für den Mord: Schmücker sei als Verräter hingerichtet worden. Der Fall beschäftigte 16 Jahre lang immer wieder die Gerichte und über mehrere Monate einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss.

1975, ein Jahr nach der Tat, stieß ich auf Unterlagen, die eine Verwicklung des Berliner Verfassungsschutzes in den Schmücker-Mord nahelegten. Ich machte einen Beitrag für die ARD-Sendung Panorama und schrieb 1980 ein Buch, das 2002 in erweiterter Form erschien (Der Lockvogel); nach mittlerweile vier Prozessen waren immer mehr Details herausgekommen. Geklärt ist das Verbrechen bis heute nicht. Vor allem nicht die Frage: Was genau hat der Verfassungsschutz getan? Wie tief steckte er in dem Fall? Fragen, die sich erneut stellen, nachdem die Morde der rechtsradikalen Terrorbande NSU bekannt wurden, denn auch hier spielten Verfassungsschützer und deren V-Leute offenbar eine zwielichtige Rolle.

Die Tragödie des Ulrich Schmücker begann im Frühjahr 1972, als sich in West-Berlin etwa zeitgleich zur RAF die Bewegung 2. Juni bildete. Benannt hatte sie sich nach dem Todestag des Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 in West-Berlin von einem Polizisten – nach einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des iranischen Schahs – ohne Anlass erschossen worden war.

Das Motto der Gruppe hieß »High sein, frei sein, Terror muß dabeisein«. Sie hatte bereits im Februar 1972 einen Sprengstoffanschlag verübt, auf den Britischen Yachtclub in Gatow. Dabei war der Bootsbauer Erwin Beelitz getötet worden.

Der Lehrerssohn Ulrich Schmücker, Student der Ethnologie, nahm an kleineren Aktionen wie dem Verkleben von Billettautomaten der U-Bahn aus Protest gegen eine Fahrpreiserhöhung teil, wollte aber mehr: »in gezielten Aktionen der von der herrschenden Klasse ausgeübten Gewalt revolutionäre Gegengewalt entgegensetzen«. So erklärte er die Strategie des bewaffneten Kampfes später einem Beamten des Verfassungsschutzes.

Als erste Tat planten er und drei seiner Genossen einen Anschlag auf die türkische Botschaft in Bonn. Ausgerüstet mit einem selbst gebastelten Sprengkörper, machten sie sich auf den Weg. Im Morgengrauen des 7. Mai 1972 erreichten sie Schmückers Heimatstadt Neuenahr und wurden dort, auf einem Parkplatz schlafend, von der Polizei bei einer Routinekontrolle überrascht. Im Kofferraum fanden die Beamten den Sprengsatz, die vier wurden festgenommen. Schmücker kam ins Untersuchungsgefängnis Diez an der Lahn; er verweigerte jede Aussage.

Zwei Wochen nach seiner Festnahme erhielt er Besuch aus Berlin. In das Pfortenbuch der Haftanstalt trug sich ein Mann namens Peter Rühl ein, angeblich Sonderbeauftragter des Berliner Senates zur Aufklärung von Sprengstoffanschlägen. Tatsächlich kam Rühl vom Landesamt für Verfassungsschutz. Sein wirklicher Name war Michael Grünhagen.

Der 36-jährige Geheimdienstler aus der Abteilung für Linksradikalismus verstand sein Handwerk. In stundenlangen Gesprächen klopfte er Schmücker weich. Der Student wusste, dass er sich damit in Gefahr begab. Angst machte ihm vor allem die spätere RAF-Terroristin Inge Viett, die zu seiner Gruppe gehörte und mit ihm verhaftet worden war.

Schmücker packte aus: über seine Kontakte in der linken Szene, über geplante Bombenanschläge und die Bewegung 2. Juni. Einmal ging es auch um den Anschlag in Gatow. Schmücker tippte auf die Bilder der mutmaßlichen Täter.

Was Grünhagen nicht wusste: Schmücker schrieb in seiner Zelle heimlich ein Protokoll über die Gespräche, um es »zu gegebener Zeit an einen der Verteidiger« seiner Genossen »weiterzuleiten«. Der Verfassungsschützer habe ihm, so notierte er, die Flucht aus der Haft vorgeschlagen, um ihn anschließend mit dieser Legende als V-Mann in die terroristische Szene einzuschleusen. »Ich entschloß mich«, schrieb Schmücker, »auf sein Spiel zum Schein einzugehen.« Es war ein gefährliches Spiel mit dem Verrat, das er da trieb, und am Ende sollte es ihn das Leben kosten.