Als sich der 19-jährige Robert Steinhäuser im Erfurter Gutenberg-Gymnasium die Gesichtsmaske über den Kopf zieht und seine Pumpgun lädt, sitzt der Waffenlobbyist Joachim Streitberger 300 Kilometer entfernt auf der Tribüne des Bundestages in Berlin . Ausgerechnet an jenem 26. April 2002 debattiert das Parlament über das neue Waffenrecht, es ist, als habe ein Zyniker die Regie dieses Vormittags übernommen. Noch weiß niemand im Plenarsaal, was sich zur selben Zeit in Erfurt abspielt , im Bundestag läuft alles wie geplant. Es zeichnet sich ab, dass es ein guter Tag für die deutsche Waffenlobby werden wird.

Ein Politiker der CDU steht am Rednerpult: »CDU/CSU, Jäger, Sportschützen und Waffensammler haben gut gezielt und voll ins Schwarze getroffen«, kommentiert er den Entwurf zum neuen Waffenrecht. »Waidmannsheil«, hallt es aus dem Plenarsaal. Der Jägergruß. Joachim Streitberger ist Jäger. Er trägt wie immer Anzug und Krawatte. Wenn er spricht, erkennt man keine Regung. Streitberger ist bis in die letzte Faser kontrolliert. Das mag dem Anwalt geholfen haben bei seinem Aufstieg zu einem der wichtigsten Vertreter der deutschen Schützenlobby. Eigentlich hatte das Innenministerium die Zahl der Waffen im Land begrenzen wollen. Aber dieser Passus ist auch auf Druck der Lobby gestrichen worden. »Es ist gut, dass die sinnlose Waffenbegrenzung vom Tisch ist«, sagt ein Redner, »dass junge Leute jetzt wieder üben können. Der Jugend ist hier eine Chance zur Leistung zu geben, gerade in den Schützenvereinen.« Ein anderer Abgeordneter bedankt sich für die gute und enge Zusammenarbeit mit dem Forum Waffenrecht. Den Verein hat Streitberger 1997 gegründet mit dem Ziel, aus deutschen Waffenbesitzern eine einflussreiche Lobby zu formen, eine Art deutsches Pendant zum mächtigen Sprachrohr der US-Waffenfreunde, der National Rifle Association. Heute sind 200 Verbände und 30.000 Einzelpersonen Mitglied im Forum Waffenrecht. Streitbergers Idee war, dass eine Interessengruppe vor allem dann von der Politik erhört wird, wenn sie mit einer starken Stimme spricht.

Auch der Erfurter Robert Steinhäuser war Sportschütze, er hatte gelernt, mit Waffen umzugehen. Neben seiner Pumpgun hat er bei seinem Amoklauf eine Glock-17-Pistole dabei und mehrere Munitionsmagazine, befüllt mit Neun-Millimeter-Patronen, das ist die Standardgröße von Großkaliberwaffen, Munition, wie sie auch Militär und Polizei verwenden. In seiner ehemaligen Schule macht Steinhäuser Jagd auf Lehrer. Auch in den Klassenzimmern sind seine Opfer nicht sicher. Die Wucht der Großkalibermunition ist so gewaltig, dass die Patronen auch geschlossene Türen durchschlagen. Am Ende erschießt Steinhäuser sich selbst.

In Berlin trinkt Joachim Streitberger nach der erfolgreichen Debatte mit dem Staatssekretär aus dem Innenministerium noch einen Kaffee. Dann verlässt er den Bundestag und schaltet sein Handy ein. Er hat mehrere SMS bekommen. Sie alle informieren ihn über den Amoklauf in Erfurt . Anfangs ist von drei Toten die Rede, und Streitberger sagt zu einem Kollegen, drei Tote, das halte man aus. Als er am Flughafen ankommt, melden die Nachrichten 17 Tote in Erfurt. Wird die Politik den Schützen nun die Waffen nehmen wollen, fragt er sich. So hatten die Regierungen vieler anderer Länder auf Schulmassaker reagiert. Aber die deutsche Schützenlobby wird auch die 17 Toten unbeschadet überstehen .

Im Schock, den dieser Tag auslöste, dachten viele, die Morde von Erfurt würden den Umgang mit Waffen in diesem Land für immer verändern. Sicherheitsexperten und Polizisten forderten ein Verbot der Großkaliberwaffen, wie Robert Steinhäuser sie benutzt hat. Andere verlangten, dass kein Schütze mehr Munition und Waffen bei sich zu Hause aufbewahren dürfte. Die Politik versprach zu handeln. Am Ende wurde an einigen gesetzlichen Stellschrauben gedreht, aber im Kern ist auch zehn Jahre nach Erfurt der Privatwaffenbesitz unangetastet.

Dabei folgten auf den Amoklauf von Erfurt weitere Taten. In Emsdetten schoss ein Schüler auf dem Gelände seiner ehemaligen Schule um sich und verletzte fünf Schüler. In Lörrach erschoss eine Sportschützin ihren Mann , tötete ihren Sohn und dann in einer Klinik einen Krankenpfleger. Und im März 2009 dann der Amoklauf von Winnenden : Die Debatten danach glichen einem einstudierten Schauspiel. Die Öffentlichkeit forderte Verbote. Die Politik schien einzulenken. Aber am Ende kam wenig Zählbares heraus. Noch immer gibt es in Deutschland rund sieben Millionen Waffen, die Schützen, Jägern und Sammlern gehören – mehr als in jedem anderen Land Europas. Und das, obwohl zwei Drittel der Deutschen gegen Waffen in Privathäusern sind.

Die Nürnberger Waffenmesse im März ist der jährliche Treffpunkt der Branche. Überall wiegen Waffenfreunde Gewehre und Pistolen in der Hand. Eine Frau prüft einen Minirevolver, zwei Freunde nehmen probeweise ein paar Messebesucher ins Visier, und ein Teenager hebt ein halbautomatisches Gewehr aus der Vitrine. Solche Kriegswaffen-Kopien sind bei Sportschützen beliebt, weil sich der Lauf der Waffe auch nach Tausenden Schuss nicht verzieht. All diese Waffen dürfen Schützen besitzen – ganz legal. Wer in Deutschland Mitglied in einem Schießsportverein ist, zwölf Monate trainiert, eine Prüfung ablegt und von seiner Kommunalbehörde als zuverlässig eingestuft wird, also etwa keine Vorstrafen hat und kein Alkoholproblem, darf Waffen kaufen.