Fussball-EMAbseits stehen

Die Fußball-EM in der Ukraine abzusagen wäre falsch. Das Regime kann man anders unter Druck setzen. von 

Kann Europa seinen wichtigsten Fußballwettbewerb in einem Land feiern, das eklatant gegen die Menschenrechte verstößt? Um die EM ist wenige Wochen vor dem Anstoß am 8. Juni Streit ausgebrochen. Denn neben dem EU-Land Polen ist die Ukraine der zweite Gastgeber. Ein Land, in dem Oligarchen die Wirtschaft im Griff halten, in dem Andersdenkende die Rache des Staates fürchten müssen, in dem die Oppositionspolitikerin Julija Timoschenko im Gefängnis gequält wird.

Bundespräsident Gauck hat bereits eine Reise dorthin abgesagt . Ähnlich haben es auch die Präsidenten Tschechiens, Sloweniens und Österreichs gehalten. Angela Merkel droht für die Bundesregierung damit, die EM-Spiele in der Ukraine zu boykottieren . Die Regierung in Kiew gibt sich empört über die "Einmischung". Die Wellen schlagen so hoch, dass die EM in Gefahr zu sein scheint. Wie weit muss, wie weit darf ein Boykott gehen?

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Die Ukraine – das ist keine "Diktatur", wie der wahlkämpfende Bundesumweltminister Norbert Röttgen mal eben schnell dahingesagt hat. Das Land zwischen Dnjepr und Schwarzem Meer hat ein autoritäres Mischsystem – wie die meisten Nachfolgestaaten der Sowjetunion . Nicht totalitär und nicht frei. Keine Arbeitslager, aber auch keine Sicherheit vor Verfolgung und Folter. Im Oktober muss die "Partei der Regionen" von Präsident Viktor Janukowitsch in Wahlen bestehen. Janukowitsch kann das Ergebnis nicht diktieren, wohl aber manipulieren. Und darauf versteht sich dieser Mann fürs Halbseidene, der so gern Staatsmann wäre.

Schon in der Sowjetunion war die "Fürsorge" nichts anderes als Folter

Seitdem er 2010 die Präsidentschaftswahlen gegen seine Rivalin Julija Timoschenko gewann, hat Janukowitsch das Land enger, autoritärer, unfreier gemacht. Reporter ohne Grenzen stellt die Ukraine in Sachen Pressefreiheit auf eine Stufe mit Algerien, Venezuela und Simbabwe. Die mit dem Präsidenten verbündeten Clans machen sich Fabriken und Infrastruktur des Landes untertan. Janukowitsch hat die unterlegene Konkurrentin Timoschenko erst aus dem Premierministeramt gedrängt und sie dann von politisch fügsamen Staatsanwälten verfolgen lassen. Er hat einen Rachefeldzug gegen die Repräsentanten der Orangenen Revolution entfaltet, gegen die er 2004 verloren hatte. Neben Timoschenko sitzt ein weiterer Minister der ehemaligen Regierung im Gefängnis, andere werden gesucht. "Nie wieder Orange!", scheint Janukowitschs Ziel zu sein.

Julija Timoschenko ist keine Heilige. Sie hat früher als "Gasprinzessin" Rohstoffgeschäfte gemacht, die ihr viele bis heute verübeln. Aber die Vorwürfe gegen sie sind weder belegt, noch sind die Schläge und die Verweigerung einer Behandlung ihrer Krankheit in einem ordentlichen Krankenhaus zu rechtfertigen. Schon in der Sowjetunion war die angebliche Fürsorge in Staatsgefängnissen nichts anderes als blanke Folter.

Wie kann man Janukowitsch in die Schranken weisen? Es bieten sich zwei Modelle an: Argentinien 1978 und Moskau 1980. In Argentinien lief die Fußballweltmeisterschaft trotz vieler Proteste ungehindert ab, während Tausende Oppositionelle in den Blutkerkern der Junta verschwanden. Die Olympischen Spiele in Moskau wurde von 64 Staaten boykottiert, darunter die USA und die Bundesrepublik, nachdem die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert war. Der Umgang mit den EM-Spielen in der Ukraine muss wahrscheinlich irgendwo dazwischen liegen.

Falsch wäre es, die Europameisterschaft insgesamt zu boykottieren. Nicht nur, dass ganz Europa für Janukowitschs Rachefeldzüge bestraft würde, auch Polen als gleichberechtigter Gastgeber würde damit ausgesperrt. Zugleich nützte die Totalisolation der Ukraine weder Julija Timoschenko noch der Opposition im Land. Sie triebe Janukowitsch – wohl eher gegen seinen Willen – ins Moskauer Lager. Die Kritik des scheidenden russischen Präsidenten Dmitri Medwedew an der Behandlung Timoschenkos wirkt da recht scheinheilig.

Leserkommentare
  1. 1. Ach je

    War der Autor jemals in der Ukraine? Das einfache Volk ist froh, Timoschenko los zu sein, sonst hätte es ja nicht Janukowitsch gewählt.

    Ach ja: "Aber die Vorwürfe gegen sie sind weder belegt [...]" Doch, sind sie! Immerhin wurde sie vom Gericht in einem ziemlich langwierigen Prozess verurteilt. Ihre Anwälte hätte sie bei dem Schotter, den sie auf die Seite geschafft hat, auf jeden Fall gerettet, wenn es denn rechtlich noch etwas zu retten gäbe. Gibt es aber ganz offenbar nicht. Ganz offenbar sitzt sie also zu Recht. Nun, was kümmert uns eine ausländische Straftäterin?

    Wo war eigentlich der Aufschrei von Merkel und Super-Guido, als Troy Davis vor wenigen Monaten hingerichtet wurde? Gegen ihn wurden die Vorwürfe wohl deutlich weniger belegt als gegen Timoschenko. Aber er musste trotzdem sterben, weil er "vielleicht" einen Weißen getötet hat - als Schwarzer. Das geht natürlich nicht im freien Amerika!

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    • Bashu
    • 03. Mai 2012 17:47 Uhr

    stellt doch völlig richtig heraus, dass Frau Merkel sich bei "strategisch wichtigen" Ländern wie Russland und China zurückhält. dazu gehören natürlich auch die USA. Das ist insofern ausgewogen.

    Dass Timoschenko kein Engel ist, ist weithin bekannt, aber das gilt bestimmt ebenso für die jetzige Regierung, und wenn plötzlich die politische Oppositions ins Gefängnis wandert riecht das schon nach Komplott. Man muss zumindest kritisch hinterfragen, was in der Ukraine vor sich geht und sollte von halbinformierter Parteinahme für/gegen Timoschenko Abstand nehmen.

    • BerndL
    • 03. Mai 2012 17:27 Uhr

    " Ein Land, ... in dem die Oppositionspolitikerin Julija Timoschenko im Gefängnis gequält wird."

    11 Leserempfehlungen
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    • LaoLu
    • 04. Mai 2012 1:27 Uhr

    Haben Sie nicht im Fernsehen die blauen Flecke gesehen?

    • Slater
    • 03. Mai 2012 17:46 Uhr

    ich verstehe die ersten beiden Kommentare nicht, vielleicht habe ich zu wenig Informationen,
    bisher habe ich von keinerlei Verbrechen von Janukowitsch gehört,

    was hat das Wahlergebnis damit zu tun?
    wer sagt dass die Gerichte dort fair agieren?
    alles sichtbare spricht dagegen,
    internationale Korruptions-Tabellen usw. sind ja wohl nicht völlig aus der Luft gegriffen

    vergleichbar wäre, wenn die Troika jetzt in Deutschland die Wahl gewinnt und Merkel dann wegen 100 Mio. Verlust bei der Autobahn-Maut vor 10 Jahren ins Gefängnis steckt,
    von Misshandlungen usw. ganz zu schweigen (jaja, wenn man erst Beweise vorlegt..)
    ist das auch ohne einen Hauch Zweifel zu akzeptieren?

    dass es immer andere Beispiele auf der Welt gibt
    und alle Probleme in Europa gegen die Kinder,
    die in einem Afrika-Land an einem Tag an Hunger sterben,
    verblassen, gilt natürlich immer und überall,
    dann kann man ja sämtliche Diskussionen einstellen,

    und eine Oppositionsführerin, die stellvertretend
    50 Mio. Menschen in einem Land darstellt, ist nunmal
    auch immer ganz was anderes als normale Menschen,
    denen Unrecht angetan wird,
    ob man ihr Haus abbrennt, sie einsperrt oder tötet
    (Beispiel Kennendy bzw. andere aktive Politiker)

    5 Leserempfehlungen
    • Bashu
    • 03. Mai 2012 17:47 Uhr

    stellt doch völlig richtig heraus, dass Frau Merkel sich bei "strategisch wichtigen" Ländern wie Russland und China zurückhält. dazu gehören natürlich auch die USA. Das ist insofern ausgewogen.

    Dass Timoschenko kein Engel ist, ist weithin bekannt, aber das gilt bestimmt ebenso für die jetzige Regierung, und wenn plötzlich die politische Oppositions ins Gefängnis wandert riecht das schon nach Komplott. Man muss zumindest kritisch hinterfragen, was in der Ukraine vor sich geht und sollte von halbinformierter Parteinahme für/gegen Timoschenko Abstand nehmen.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ach je"
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    • bugme
    • 03. Mai 2012 19:03 Uhr

    Genau darauf gibt es oben im Artikel doch eine ungeschönte Antwort!

    • Slater
    • 03. Mai 2012 17:47 Uhr

    ach du Schande, falscher Name, diese Ukrainer..

    bisher habe ich von keinerlei Verbrechen von Janukowitsch gehört
    ->
    bisher habe ich von keinerlei Verbrechen von Timoschenko gehört

  2. In der Ukraine werden die Menschnrechte von Janukowitschs Regierung verletzt. Das Geschrei ist groß.

    Ich bin der Meinung, dass Europa sich bezüglich der Menschenrechte nicht zuweit aus dem Fenster lehnen sollte. Man braucht nur nach Polen, Bulgarien oder Litauen zu schauen, wo die USA vor unseren Augen mutmaßliche Terroristen folterten.

    Warum boykottieren wir nicht mal China ?
    Um die Menschenrechte ist es auch dort nicht allzu gut bestellt.
    Oder das Beispiel Afghanistan - Kommentar überflüssig.

    Wenn man wirklich an den Menschenrechten interessiert ist, sollte man diese Kritik auch an mächtigere Staaten als die Ukraine richten. Aber das hat leider nichts mit Realpolitik zu tun.

    3 Leserempfehlungen
  3. Die Argumente, Analogien und Schlussfolgerungen von Michael Thumann wirken wie an den Haaren herbeigezogen, wie immer, wenn man keine Beweise liefern kann. Lose Behauptungen werden auch nicht wahr, wenn man sie ständig wiederholt.

    Wenn es um Julija Timoschenko geht, beklagt der Autor allerdings die angeblich fehlenden Beweise: „Aber die Vorwürfe gegen sie sind weder belegt, noch sind die Schläge und die Verweigerung einer Behandlung ihrer Krankheit in einem ordentlichen Krankenhaus zu rechtfertigen.“

    Dann schreibt er: „Schon in der Sowjetunion war die angebliche Fürsorge in Staatsgefängnissen nichts anderes als blanke Folter.“ Das ist nun eine besonders perfide Analogie. Man darf gespannt sein, wenn der Autor aktuelle Zustände in deutschen Gefängnissen mit Zuständen im 3. Reich gleichsetzt.

    9 Leserempfehlungen
  4. Die frau wurde deswegen verurteilt.

    1.die zweckfremde Verwendung von Einnahmen aus dem Handel mit Kohlendioxid-Rechten

    2.der Kauf von Rettungswagen zu überhöhten Preisen,

    3.Amtsmissbrauch bei der Aushandlung von Verträgen über die Lieferung von Erdgas mit Russland.

    Das die deutschen das wort menschenrechte überhaupt in den mund nehmen wundert mich. können sie doch garkeine menschenrechtsverletzungen behandeln. dafür muss jeder deutsche nach den haag soweit ich weiss. kann man in deutschland ja nichtmal richtiges völkerrecht lernen ohne alles für die brd auslegung zu aendern. deshalb werden wohl in santa fu auch haeftlinge gefoltert.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jz

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