Nein, wir sind nicht germanophob. So einfach ist es nicht. Wenn aber in einer repräsentativen Umfrage des Sonntagsblicks 36 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sagen, es gebe zu viele Deutsche im Land, dann ist das ein paar Sätze wert. Denn auch wenn aufgrund dieser Zahlen die Presse schon frohlockt, man habe doch gar kein Problem mit den Einwanderern aus dem Norden: 36 Prozent sind nicht wenige. Es sind weit mehr, als die SVP Wähler hat.

Die Realität kann dieses gute Drittel der Bevölkerung nicht meinen. Die Einwanderung der Deutschen hat für das Land eigentlich nur Vorteile. Die Spitäler, das Gastgewerbe, viele Dienstleistungsbetriebe wie etwa Callcenter würden ohne sie zusammenbrechen. Hier erledigen sie meist schlecht bezahlte Arbeiten, welche die Schweizer aus pekuniären Gründen nicht mehr erledigen wollen – und das tun sie zu unser aller Zufriedenheit.

Nein, auch die Jobs nehmen sie uns nicht weg. Die Schweiz hat zum Beispiel einfach nicht genug Handwerker, hier springen ein paar Deutsche in die Lücken, welche die Einheimischen hinterlassen haben. Ähnlich sieht es bei den hochqualifizierten Deutschen aus, die sich etwa an den hiesigen Hochschulen wiederfinden. Auch hier fehlt der heimische Nachwuchs, die offenen Stellen müssen aber besetzt werden, am besten natürlich mit Menschen, die uns in Sprache und Bildungshintergrund vergleichbar sind. Anders gesagt: Wer als Schweizer einen Job will und gleichwertig qualifiziert ist wie sein deutscher Mitbewerber, der bekommt ihn. Die inoffizielle Doktrin an den Hochschulen lautet sogar so, dass ein Schweizer gegenüber einem Deutschen wenn immer möglich bevorzugt wird.

Nicht einmal auf der Tasche liegen sie uns. Von den 276.000 Deutschen, die zurzeit in der Schweiz leben, waren im vergangenen Jahr gerade mal 5261 arbeitslos, das ist eine Arbeitslosenquote von 2,9 Prozent. Die Deutschen sind also fast genauso selten arbeitslos wie die Schweizer. Im Grunde genommen herrscht bei beiden Bevölkerungsgruppen Vollbeschäftigung. Seien wir froh darum.

Kurz: Ein Land, das solche Einwanderer hat, ist mit Glück geschlagen.

Warum also dieses große Echo, wenn eine außerhalb Zürichs bislang eher unbekannte Politikerin in einer Talksendung äußert, es gebe »zvill Tüütschi« in der Schweiz? Sind die Zürcher Medien schuld, die immer begeistert auf Ressentiments, vor allem gegenüber Deutschen reagieren? Weil sie nur noch den Gesetzen der Resonanz und nicht der Relevanz gehorchen?

Nicht nur. Wer ein wenig in den eigenen Erinnerungen kramt, dem dürften zahlreiche Szenen einfallen, in denen ein Schweizer, meist mit akademischer Ausbildung, im trauten Kreise ein paar unfreundliche Worte gegenüber »den Deutschen« verlor – und ein voreiliges Kopfnicken geerntet hat. Solche Äußerungen erfolgen immer mit ironischem Unterton und lächelnd, weil der Sprechende eigentlich um die intellektuelle Unredlichkeit der eigenen Aussage weiß. Denn wer nur ein wenig nachdenkt, der bricht bei diesem Thema argumentativ sofort ein.

Den Deutschen fehlt das Versprechen, das andere Einwanderergruppen den Schweizern verheißen haben. Der Italo war charmant, schön und galant, der Jugo war cool, roh und krass. Darum werden die Deutschen nie geliebt werden, sondern höchstens akzeptiert werden. Letzteres aber wären wir ihnen schuldig. Die Stärke eines Landes misst sich daran, wie es mit seinen Minderheiten umgeht. Auch den vermeintlich starken. Niemand weiß das so gut wie ein Schweizer.

Gerade deshalb müssen wir abfälligen Äußerungen gegenüber Deutschen entgegentreten. Aus zwei Gründen: weil sie kein Kavaliersdelikt und weil sie falsch sind. Es kann nicht sein, dass »der Deutsche« zum Sündenbock für Verhältnisse wird, die wir uns selbst eingebrockt haben. Deutschland ist weder schuld am Lehrlings- und Fachkräftemangel noch am fehlenden akademischen Nachwuchs. Und Deutschland hat auch nicht das Bankgeheimnis erfunden – und niedrige Steuern noch viel weniger. Es sind die Schweizer Wirtschaft und die Politik, die es verpasst haben, rechtzeitig auf diese Entwicklungen zu reagieren. Oft war man auch einfach zu bequem. Statt einheimisches Personal auszubilden, holen sich gewisse Chefs lieber Arbeitskräfte aus dem Ausland. Wer also kritisiert, dass zu viele Menschen aus unserem nördlichen Nachbarland einwandern, meint vor allem sich selbst. Die Einwanderung ist eine Chance, sie zeigt uns auf, wo sich das Land verbessern kann.

Aber man sollte herablassende oder gar wütende Äußerungen gegenüber Deutschen nicht mit Germanophobie oder gar einer generellen Angst vor dem Fremden gleichsetzen. Sie sind vor allem Ausdruck eines Unbehagens, das nun auch die Schweizer Elite erreicht hat, es ist die Angst um den eigenen sozialen Status. Wird es immer so gut weitergehen? Können wir in diesem Wettbewerb, der plötzlich so global geworden ist, bestehen? Es ist eine vorauseilende Angst, die sicherlich auch ihr Gutes hat. Nur wer auch mal mit Sorge in die Zukunft blickt, hat die Kraft, sie zu beeinflussen.

Aber die Deutschen sollten nicht die Opfer sein von Ängsten, für die sie nichts können. Weil es unsere eigenen Ängste sind.